https://www.faz.net/-gxh-9geyx

La Gomera : Hexen gibt es nicht

  • -Aktualisiert am

Und doch: Ganz ausschließen will sie die Existenz des Übernatürlichen nicht. Hexen, erzählt sie, habe man früher daran erkannt, dass sie im Mutterbauch geweint hätten. So wie ihre Mutter und auch sie selbst. Auf La Gomera habe es drei Arten von Hexen gegeben: Böse vampirhafte Frauen, die Kindern das Blut aussaugten. Sie hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, um übernatürliche Kräfte zu erlangen. Dann waren da noch blasse Gestalten in weißer Kleidung, die sich an heiligen Orten versammelten und weitgehend friedlich waren. Und schließlich klagende Weiber, die Wanderern erschienen und Unheil verkündeten.

Das Auto hält oben neben dem Wald. Ein scharfer Wind pfeift durch die Bäume, ein enger Weg führt vorbei an Grün und Fels, direkt zu einem der magischsten Orte La Gomeras: der Quelle von Epína. Aus einer Natursteinwand plätschert klares Wasser aus sieben hölzernen Rohren in ein Becken. Wer es trinke, erklärt meine Führerin, finde die große Liebe. Doch der Zauber klappe nur in der richtigen Reihenfolge: Frauen müssen aus der geraden Anzahl Rohren und Männer aus den ungeraden trinken. „Aber Vorsicht: Das siebente Rohr ist nur für die Waldhexen“, insistiert sie.

Der Felsturm des fiesen Zottelhundes

Es geht weiter zu einem majestätischen Felsturm, der sich im goldenen Licht der Abendsonne hoch über ein grünes Tal erhebt. Das ist der „Roque de Agando“, angeblich der Sitz des höchsten Gottes der gomeranischen Ureinwohner. In Urzeiten, so will es die Legende, habe es daneben einen zweiten Felsen gegeben: Heimat eines bösen Gottes, der wie eine Art zotteliger Hund aussah. Der sei so neidisch auf den Obergott gewesen, dass er vor Wut die ganze Insel beben ließ, bis dem Agando seine schöne Felskrone abfiel. Als Vergeltung habe der Chefgott gleich den ganzen Felsturm des fiesen Zottelhundes verschwinden lassen. So lernten die alten Gomeros, niemals neidisch auf Nachbarn zu sein. Leider sei diese Tradition mit der Ankunft der Spanier im fünfzehnten Jahrhundert verschwunden, meint meine Hexen-Führerin und verzieht keine Miene.

Während sich die Sonne immer weiter runter zum Atlantik senkt, biegt das Auto zu jener Waldlichtung ab, die Laguna Grande heißt. Es ist nach einhelliger Meinung der zentrale Hexenplatz der Insel. Umgeben von dichtem Lorbeerwald, bei gutem Wetter knorrig schön, bei Nebel erschreckend schaurig. Das erste Mysterium ist, warum auf dieser großen, fast kreisrunden Fläche keine Bäume wachsen. Liegt es am Boden, Magnetismus oder doch Magie? Das nächste Rätsel ist der Kreis aus vierzehn Steinen, die um einen größeren Monolithen angeordnet sind. Meine Führerin ist sich sicher: Hexen hätten ihn geschaffen. Bei Vollmond und am Johannistag tanzten sie nackt zum Klang der Trommeln und vollzogen teuflische Rituale. Die Insulaner erzählen Geschichten von Hirten, die hier plötzlich aus der Luft geschlagen wurden oder denen die Erinnerung an mehrere Stunden fehlte.

Flora hext nicht, sondern heilt.

Heute befindet sich rund um den Hexenkreis ausgerechnet ein Kinderspielplatz. „Keine Sorge“, beruhigt die Enkelin der Zauberheilerin, „die Hexen sind verschwunden, als die Elektrizität nach La Gomera kam.“ Heute ist die Lichtung beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Touristen. Trotzdem ist etwas seltsam: Vor Einbruch der Dunkelheit beeilen sich alle Menschen zu verschwinden. Sogar das Personal des Lichtungs-Restaurants schließt rasch zu. So als ob niemand riskieren wolle, nicht doch auf einen bösen Zauber zu stoßen. Und als der schrille Schrei aus dem Wald hallt – sicher nur ein Vogel –, beschließt man, besser schnell wieder ins Auto zu steigen.

Der Weg nach La Gomera

Anreise Für internationale Flüge ist die Start- und Landebahn des Flughafens von La Gomera zu kurz, so dass Flugreisende überwiegend auf Teneriffa landen. Von diversen deutschen Städten gibt es Direktflüge nach Teneriffa (z.B. von Berlin oder Frankfurt). Auf Teneriffa kommt man mit der Fähre aus dem Ort Los Cristianos nach La Gomera (Ankunft in der Inselhauptstadt San Sebastián).

Touren Offizielle Hexentouren gibt es nicht, dafür aber Wandertouren oder Wal-Beobachtungen.

Informationen unter www.spain.info

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.