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La Gomera : Hexen gibt es nicht

  • -Aktualisiert am
Gibt es Hexen auf La Gomera? Zumindest Hexenführerinnen.

Egal ob La Gomera oder anderswo: Neben Missernten und Naturkatastrophen sehen Historiker und Soziologen in Nachbarschafts-Konflikten eine Hauptwurzel im Glauben an Magie und Hexen. Während der Frühen Neuzeit wurden in Europa Zehntausende Frauen und Männer wegen Hexerei verbrannt. Nicht selten geriet die Jagd völlig außer Kontrolle, weil glaubenseifrige Kirchenmänner die Beschuldigten so lange folterten, bis sie wahllos etliche weitere Namen preisgaben.

Auf La Gomera hatten die Hexen offenbar mehr Glück. „Hier wurden sie immer respektiert“, versichert der Mann mit dem grauen Vollbart. Chéito ist Floras Schwiegersohn, war stellvertretender Bürgermeister und ist Hüter zahlreicher Mythen und Legenden seiner Insel.

Phantominsel im Atlantik

Der Sechzigjährige lebt in einem Haus weiter unten am Hang neben einem großen Drachenbaum, in der Straße „San Borondón“, benannt nach einer sagenhaften Phantominsel. Links im Atlantik kann er bei gutem Wetter die Kanareninsel El Hierro sehen und rechts La Palma. Dazwischen liegt scheinbar nur Wasser. Doch der Legende nach (und weil ein irischer Mönch es im sechsten Jahrhundert falsch auf einer Karte eingezeichnet hat) befindet sich dort die unsichtbare Insel San Borondón. „Schiffbrüchige sollen dort von guten Menschen gerettet worden sein“, sagt Chéito.

Obwohl er schon seit Jahrzehnten hier wohnt, gleicht sein Grundstück stellenweise einer Baustelle. Und auch daran sei Magie schuld. „Wir haben im Fundament einen seltsamen Klumpen gefunden, offenbar wollte uns jemand etwas Böses.“ Seine Schwiegermutter wusste sofort, was es war: eine Mischung aus Erde von einer Kreuzung, Tierblut und anderen Zutaten. Ein alter Zauber, um Unheil zu bringen. Doch statt den entsprechenden Gegenzauber zu veranstalten – den Klumpen in Kreuzform zerbröseln –, warf Chéito ihn verächtlich in den Dreck. Darum, da ist sich die Familie sicher, werde das Haus nie fertig.

Stark im Glauben und Aberglauben.

Immerhin kann er von hier direkt auf den Berg „Herrera“ schauen, der aussieht wie ein in den Himmel schnappendes Haifisch-Gebiss. Dort, sagt Chéito, seien nahe einer Höhle manchmal Lichter zu sehen: die Geister von verstorbenen Angehörigen. Auch an einem anderen Berg, dem imposanten Massiv „La Fortaleza“ im Landesinneren, in der Nähe des Ortes Chipude, wollen Insulaner seltsame Lichter gesehen haben. Chéito erzählt die Geschichte von einem Streit unter Piraten, die an der Stelle einen Schatz vergraben hatten. Aus Gier kam es zum mörderischen Streit. Seitdem schweben dort Piraten-Geister als Lichter umher. Den Spuk zu brechen sei einfach, meint Chéito: „Jemand muss an der Stelle sterben und seine Seele für die Piraten geben.“

Es überrascht nicht, dass die Mythen und Legenden La Gomeras untrennbar mit der spektakulären Landschaft verbunden sind. Scharfkantige Felsen, faltige Hügel und tiefe Schluchten prägen die vulkanisch entstandene Insel. Hoch oben in der Mitte, wo sie sich anderthalb Kilometer über den Meeresspiegel erhebt, wächst ein dichter Lorbeerwald aus knorrigen, mit Moos bedeckten Bäumen. Hier wabern die Wolken, die der Passatwind gebracht hat und stürzen sich wie Zeitlupen-Wasserfälle in die Tiefe. Der nebelige Wald im Nationalpark Garajonay existiert seit Urzeiten und ist einer der letzten seiner Art. Wenn irgendwo Hexen und Magie überlebt haben sollten, dann hier.

Hexen weinen im Mutterbauch

Auf Straßen, die Schwindel verursachen, geht es immer weiter hinauf. Im Auto sitzen Floras Enkelin und Chéitos Tochter. Die junge Frau mit den grünen Augen und welligen brünetten Haaren hat sich bereit erklärt, mir einige magische Orte der Insel zu zeigen. Sie ist aufgeklärt und modern, benutzt Smartphone und Internet, hält viele Geschichten ihrer Oma für Quatsch. Zum Beispiel die, dass böse Ehefrauen ihren Männern regelmäßig Menstruationsblut in den Kaffee geben, um sie gefügig zu halten.

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