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Abenteuerreisen in Costa Rica : Menschen sind die besseren Brüllaffen

  • -Aktualisiert am

Der Urwald als Spielplatz: eine Hängebrücke im Parque Arenal Bild: Andreas Drouve

Costa Rica sieht sich selbst als Vorzeigeland des Öko-Tourismus. Doch der Abenteuer- und Massenkommerz nimmt inzwischen bedenkliche Ausmaße an.

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          Es zischt und sirrt im Dschungel, doch die Klänge erinnern befremdlich an Metall. Plötzlich ertönen Urschreie, die den Lauten von Brüllaffen gleichen. Sie stammen allerdings von deren nächsten Verwandten, den Menschen. Die Schreie sind archaisch befreiender Art und belegen zusammen mit den Sirr- und Zischgeräuschen: Da sind Adrenalinausstößler im Geschwindigkeitsrausch unterwegs, und zwar auf dem Parcours von „Sky Adventures“ im Parque Arenal. Der Parcours, in Sichtweite des Vulkanriesen Arenal im Nordwesten Costa Ricas angelegt, setzt sich aus sieben Seilrutschen zusammen. Hoch über den Kronen des Regenwalds geht es auf bis zu 750 Meter lange Schussfahrten an Statikseilen, wobei das Leben der Teilnehmer vorübergehend an einem metallischen Griff, zwei kurzen Schnüren und einem Paar Karabinerhaken hängt. Guide Brandon, einer von sechzig Angestellten, kümmert sich um die Einführung: die Hände jedes Mal fest an die Griffe, Körper in Liegeposition, die Beine unterwegs voraus über kreuz, gegen Ende der Schwebeflugpassagen Beine spreizen und die Griffaufhängung hin und her bewegen, um abzubremsen, mahnt er die Schar der Gäste, die mit Körpergeschirr und Helmen ausstaffiert werden. Gleich werden sie über tiefe Taleinschnitte hinwegrauschen, bis zu zweihundert Seilflugmeter hoch über dem Grund, und eine Geschwindigkeit von siebzig Kilometern pro Stunde erreichen.

          Wer ein paar Jahre lang nicht in Costa Rica gewesen ist, erkennt das Land zuweilen kaum wieder. Der auf Besuchermassen zugeschnittene Spaß- und Abenteuertourismus ist zu einer regelrechten Lawine angeschwollen. Früher stand einzig und allein die Natur im Mittelpunkt, ungeschminkt, so ursprünglich wie möglich. Reisende nahmen harte Betten und kalte Duschen in Kauf, und das Land sonnte sich zu Recht im Glanz seiner weltweiten Vorreiterrolle im Ökotourismus. Mittlerweile scheint das Gleichgewicht mancherorts aus den Fugen und außer Kontrolle geraten zu sein. So ist die Natur bei den Seilrutschen nur noch Kulisse und Vergnügungsplattform - und zwar gleich doppelt, denn im Nebelwald von Monteverde unterhält „Sky Adventures“ eine Filiale. Der Schutz des Primärwaldes scheint in diesen Fällen sekundär. Beim Arenal-Vulkan sind die gewaltigen Stützen für die Seilrutschen ebenso hemmungslos in die Landschaft gekeilt worden wie der Hauptkomplex mit asphaltierter Zufahrt für Zubringerbusse, Empfangsgebäude, Restaurant und Souvenirshop.

          Hauptsache bequem

          Damit nicht genug: Mitten durch den tropischen Regenwald führen im Parque Arenal der „Sky Wild Bike Park“ für Mountainbiker und der „Sky Walk“ für Dschungelentdecker - gegen stattliche Eintrittsgelder, versteht sich. Höhepunkte beim geführten, dreistündigen „Sky Walk“ sind die Passagen über Hängebrücken. Gänzlich alles ist auf Bequemlichkeit und leichten Zugang ausgerichtet, auch für Familien mit Kindern, um möglichst viele Besucher aller Altersstufen anzulocken. Je nach Passage ist der breit in den Dschungel geschlagene Weg geschottert oder führt über Treppen aus Holz und Stein, zuweilen hilft ein Handlauf. Es ist ein Spaziergang für Neueinsteiger, kein authentisches Trekking. Bevor es zu Wasserfällen und Aussichtsplattformen mit Blick auf den Arenal-See geht, befremdet ein Bau auf dem höchsten Punkt des Trails: das Toilettenhaus mit voluminösen Glasfensterfronten nach hinten hinaus. Wer hier sein Geschäft verrichtet, blickt währenddessen durch die Scheiben ins unverbaubare Grün.

          Unterwegs erklärt Führerin Sidalia auf Spanisch und Englisch die Lebensräume von Ameisenbären, Faultieren, Affen. Zu sehen ist von dererlei Fauna nichts, auch nicht bei den schwankenden Hängebrücken zwischen Baumriesen. Dass sich die Tiere zurückgezogen haben, mag nicht verwundern. Längst hat der Mensch in dieser Gegend ihre angestammten Territorien erobert. Ein paar Kolonnen Blattschneiderameisen, zwei kleine Schlangen und ein Morphofalter lautet die Wildlife-Bilanz des Rundgangs. Am Ende weist ein „Exit“-Schild aus dem Urwald, ganz so, als sei die Show vorbei. Echt bleibt einzig der eigene Schweiß, der durch Auf- und Abstiege und hohe Luftfeuchtigkeit in Strömen läuft.

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