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70 Jahre Costa-Kreuzfahrten : Tanz zwischen den Kontinenten

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Schiff klar für die große Fahrt: Die Costa Favolosa legt in Rio de Janeiro ab, um den Atlantik zu überqueren – was die europäischen Gäste weit stärker interessiert als die brasilianischen. Bild: Costa

Vor siebzig Jahren fand die erste Costa-Kreuzfahrt von Genua über Rio de Janeiro nach Buenos Aires statt. Die Verbindung zwischen Europa und Südamerika hat noch heute Bestand – erst recht an Bord.

          Hunderte Menschen stehen, mit Kameras bewaffnet, an der Reling der Costa Favolosa und sehen genau hin. Sie wollen den magischen Moment nicht verpassen, wenn die Kulisse der Stadt sich plötzlich bewegt. Wenn das Schiff auf das offene Meer hinaus gleitet und sich anschickt, den Atlantik zu überqueren. Doch es bleibt fest an der Pier verankert, als könne es sich nicht von Brasilien lösen. Der Animationstanz zum Auslaufen endet, die Sonne geht unter, der Kapitän informiert: „Die Hafenbehörden haben das Schiff noch nicht freigegeben.“ Hochgezogene Augenbrauen bei den deutschen Gästen, gefolgt von nervösen Blicken auf die Uhr. Die Brasilianer hingegen nehmen es gelassen, trinken noch ein Bier und nehmen am Gesangswettbewerb teil. Irgendwann wird es schon losgehen. Als in der Nacht das Vibrieren der Motoren die Costa Favolosa endlich auf den Weg bringt, schlafen viele Europäer schon. Die Brasilianer feiern noch in der Disco.

          Vor siebzig Jahren trafen auf dem ersten Kreuzfahrtschiff der Reederei ebenfalls Welten aufeinander: Auswanderer auf Urlauber, große Träume auf Neugier. In sechzehn Tagen fuhr die Anna C. von Genua über Rio de Janeiro nach Buenos Aires. Die siebenhundertachtundsechzig Passagiere verteilten sich auf drei Klassen: In der ersten warteten klimatisierte Kabinen, vielgängige Menüs und ein umfangreiches Serviceangebot. In der Touristenklasse A genossen die Urlauber einen mittleren Standard, während in der Touristenklasse B all diejenigen viel Gepäck an Bord brachten, die in ein neues Leben wollten.

          Das große C am Schornstein war vielen bekannt: Costa galt in den dreißiger Jahren als Italiens größter Olivenölproduzent, der mit eigenen Schiffen das flüssige Gold über das Mittelmeer transportierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien das Geschäft mit den Emigranten das lukrativere, doch auch Luxusreisende befanden sich bereits im Visier von Firmenchef Angelo Costa. Sein rasches Handeln zahlte sich aus – nicht zuletzt, weil die Costa-Schiffe schon im Liniendienst über den Atlantik kreuzten, als die staatliche Schifffahrtslinie Italiens noch auf die Rückgabe ihrer Transatlantikliner warten musste. Erst 1949 war es so weit.

          Die Passagiere haben sich verändert

          Schnell folgten weitere Neubauten und mehr Komfort: Die Franca C. fuhr 1959 als erstes Kreuzfahrtschiff in die Karibik, und zwar mit eigenen Nasszellen in jeder Kabine. Fünf Jahre später waren mit der Eugenio C. die Passagierklassen Vergangenheit, und es gab erstmals einen Hauptpool. Hier begann die Laufbahn von Ignazio Giardina, inzwischen Kapitän der Costa Favolosa. „Die Passagiere haben sich im Laufe der Jahrzehnte verändert“, stellt der Sizilianer fest, denn Kreuzfahrten seien erschwinglicher geworden. Aber nach wie vor beobachtet der Kapitän an Bord denselben Prozess: Die Gäste wachsen während der Überfahrt zu einer Gemeinschaft zusammen.

          Am 31. März 1948 startete die Anna C, das erste Kreuzfahrtschiff der Reederei, ihre erste Reise von Genua nach Südamerika: Katalogtitel aus den frühen Jahren.

          Für Atlantiküberquerungen, bei denen die Passagiere fünf Tage lang nichts als Wasser sehen, gilt dies in besonderem Maß. Zwei Tage noch begleiten Kaptölpel im eleganten Flug die Flanken des Schiffes. Danach beginnen Zeit und Raum an Bedeutung zu verlieren. Fliegende Fische und die Gischt – mehr ist draußen nicht zu sehen. Die Welt schrumpft zusammen auf den Mikrokosmos Schiff. An Bord herrscht pure Vorfreude. Der Italienisch-Kurs erfreut sich einer regen Teilnahme, viele Passagiere sind auf den Spuren ihrer Vorfahren unterwegs. Allein in São Paulo leben mehr als sechs Millionen Menschen italienischer Herkunft. Marisa etwa begleitet mit ihrem italienischstämmigen Mann Ivan eine Gruppe Brasilianer, die kein Englisch sprechen. Auf der Costa Favolosa ist man mit portugiesischen Speisekarten, Tagesprogrammen und Durchsagen perfekt vorbereitet. Bei den Hafenstopps in Europa wird es schwieriger werden.

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