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40 Jahre „Schmach von Córdoba“ : Die Österreicher feiern immer noch

Da feiert er noch, der Sepp Maier in Argentinien im Sommer 1978. Später muss er gegen Österreich dreimal den Ball aus dem Netz holen. Bild: Picture-Alliance

Vor vierzig Jahren haben sich die Deutschen bei der WM in Argentinien blamiert: 2:3 in der Zwischenrunde, Heimreise. Österreich bejubelt das Spiel bis heute. Unterwegs in Wien auf den Spuren des Mythos.

          Córdoba. Eigentlich müsste ein Lied so heißen. Córdoba: Ein Lied, das von Fernweh und Palmen im Abendwind singt, am Strand in südlichen Gefilden, und wir sind dort, im Sonnenuntergang, aber bald müssen wir wieder fort, doch heute Abend noch, schönes Wesen mit dunklen Locken, tanzen wir ein letztes Mal mit nackten Füßen zu unserem Lied.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Córdoba.

          Ein Name wie ein Refrain. Zu einem Lied, wie es früher, wenn es zur Fußball-Weltmeisterschaft ging, die westdeutsche Nationalmannschaft eingesungen hätte, unter Zwang und Schmerzen für Spieler und Publikum gleichermaßen. Und dirigiert von einem Schlagerstar. Udo Jürgens, vorzugsweise. Für die WM 1990 in Italien hatte Jürgens mit den späteren Weltmeistern Matthäus, Littbarski und Illgner „Sempre Roma“ angestimmt: Sempre Roma / Wie ein großes Wort für Leben, so lautete der Refrain. Zwölf Jahre vorher hatte derselbe große Udo Jürgens mit dreiundzwanzig sehr viel kleineren Sängern (Rolf Rüssmann, Rüdiger Abramczik, Berti Vogts) nicht weniger unvergessliche Zeilen gesungen: Buenos Dias, Argentina! Er war lang, mein Weg zu dir! / Doch nun schwenk’ ich den Sombrero / Buenos Dias, ich bin hier!

          Heutzutage kommen deutsche WM-Songs ja nur noch von irgendwelchen Mäxchen mit Pudelmütze und Helfersyndrom – in den WM-Songs von damals aber glühte noch viel vom bittersüßen Fernweh nach, das die junge Bundesrepublik in den fünfziger Jahren auf den langen Weg über den Brenner gelockt hatte, für ein paar große Tage Leben unter südlicher Sonne und Sombrero.

          Córdoba.

          Die Nationalmannschaft der Bundesrepublik hätte gewarnt sein müssen. Denn Udo Jürgens war Österreicher. Elf seiner Landsleute, sie hießen Prohaska, Koncilia, Pezzey, Krankl und Sara, schrieben nämlich an einem Refrain mit, in einem Sommer in Argentinien vor vierzig Jahren, bei dem bis heute die einen Gänsehaut kriegen und die anderen die Krise:

          I werd narrisch

          Krankl schießt ein

          Drei zu zwei

          Für Österreich.

          Der Udo Jürgens dieses Refrains war der Radioreporter Edi Finger senior vom ORF: Er rastete aus, als beim letzten Zwischenrundenspiel der WM in Argentinien Hans Krankl zwei Minuten vor dem Abpfiff den Ball am deutschen Torwart Maier vorbei zum 3:2 ins Netz schoss. Der erste und bisher einzige Punktsieg einer österreichischen Fußballnationalelf über eine deutsche, und die ist zu diesem Zeitpunkt noch amtierender Weltmeister. Das Datum war der 21. Juni 1978. Der Ort war:

          Córdoba.

          Im Weltmeisterschaftssommer 2018 ist dieses 3:2 zwischen Österreich und Deutschland genau vierzig Jahre her. Und während die Deutschen gerade darum bangen, wie weit ihre Elf in Russland kommen wird, feiern die Österreicher, die mal wieder gar nicht dabei sind, immer noch einen Sieg, der gar nichts bedeutet hat. Beide Mannschaften flogen nach dem Spiel nämlich aus dem Turnier, das damals noch nach einem anderen Modus ausgetragen wurde als heute.

          Die Deutschen aus der Bundesrepublik wollten das Spiel danach schnellstens vergessen, die Österreicher können es bis heute nicht. Und so kommt es, dass sich am vierzigsten Jahrestag von Córdoba vierzehn Mitglieder der österreichischen Mannschaft von damals in der berühmten Hofburg beim Bundespräsident Van der Bellen einfinden, mitten im herrlichen Ersten Bezirk von Wien – zu einem Empfang, den so noch keine andere österreichische Fußballnationalelf erhalten hat, diese aber schon: Weil sie einen Sieg errang, der sich nicht in Punkten ermessen lässt.

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