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200 Jahre Verdi : Der Weltmusiker aus Roncole

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Landmann und Genie: Giuseppe Verdi, der hier in Busseto thront, gilt zumindest in seiner oberitalienischen Heimat als größter Italiener aller Zeiten Bild: Helmut Luther

Seine Opern wurden in den europäischen Hauptstädten uraufgeführt, er selbst lebte im Bauernland der Poebene. Eine Reise durch die Heimat Giuseppe Verdis, der an diesem Donnerstag vor zweihundert Jahren geboren wurde.

          Das Hinweisschild ist handgemalt. Hier geht es von der Hauptstraße, die entlang des Flussufers nach Polesine führt, zur Tenuta Agricola Mezzadri. Zum Bauernhof, um den herum altes Ackergerät rostet, führt eine Schlaglochpiste mit Pfützen, denn es hat geregnet in den vergangenen Tagen, wie so oft in der tellerflachen oberitalienischen Tiefebene, durch die sich Italiens größter Fluss wälzt, der Po. Erst nach mehrmaligem Läuten öffnet sich die Haustür, nur einen Spaltbreit. Heraus blickt ein alter Herr mit Filzhut und zerschlissenem Pullover. Dem Mann ist deutlich anzusehen, dass er die Tür am liebsten gleich wieder zuschlagen würde. „Keine Bilder“, brummt Roberto Mezzadri und lässt den Besucher endlich herein, der Fotoapparat muss jedoch verschwinden. Erst kürzlich seien Japaner hier aufgetaucht, erklärt Mezzadri. „Zuerst sagten sie: ,Nur ein paar Erinnerungsbilder‘, dann haben sie alles gefilmt, um unsere Produkte zu kopieren.“

          Das Firmengeheimnis heißt Culatello: die beste Hälfte vom schwarzrot gefleckten Parma-Schwein, mindestens sechzehn Monate in der Luft getrocknet. Während dieser Zeit verliert der Schinken die Hälfte seines ursprünglichen Gewichtes und verwandelt sich, langsam die Form einer zu groß geratenen Birne annehmend, in eine süßlich schmeckende Delikatesse. Verantwortlich dafür sei vor allem eine klimatische Besonderheit, erklärt Robertos Sohn Fernando, der inzwischen von einem Kontrollgang zurückgekehrt ist, seine schlammverschmierten Gummistiefel stehen jetzt vor der Haustür neben den väterlichen Stiefeln. „Mit den Ostwinden steigen vom Po feuchte Luftmassen auf.“ In den hiesigen Ziegelsteinkellern wüchsen Schimmelpilze heran, die dem Culatello zusammen mit Gewürzen sein Aroma verliehen. Mehr über Techniken und Rezepte wollen die Mezzadris aber nicht verraten, auch ohne Kamera wird kein Blick in den Keller erlaubt.

          Wie passt das zusammen?

          „Was wenige Kilometer entfernt auf der anderen Flussseite als Culatello angeboten wird, kann man vergessen, die kriegen das nicht hin“, behauptet stattdessen der Seniorchef. Ein bisschen ähneln die beiden – der Alte hager und groß gewachsen, der Junge bullig mit kurzen, schwarzen Haaren – Don Camillo und Peppone, wie sie die Vorzüge ihres Culatello preisen und sich dabei dauernd ins Wort fallen. So heißen die berühmten, zerstrittenen Dorfpotentaten in den Erzählungen Giovannino Guareschis. Der Schriftsteller, der mit seinem Werk der kleinen Welt der Poebene ein Denkmal setzen wollte, stammte selbst aus dieser Region. 1968 wurde er in Roncole begraben.

          Der berühmteste Spross des winzigen Dorfes ist freilich Giuseppe Verdi. Roncole, das sich heute mit dem stolzen Beinamen Roncole Verdi schmückt, gehört zur Fünftausend-Einwohner-Gemeinde Busseto und befindet sich auf halber Strecke zwischen den 65 Kilometer auseinanderliegenden Provinzzentren Parma und Piacenza. In diesem Landstrich, in dem neben Culatello Küchenklassiker wie Parmesankäse und Parmaschinken hergestellt werden, ist man noch vom Knirps bis zur Greisin Mitglied im Kirchenchor, die Männer fahren praktische Dreirad-Transporter, mangels Disco trifft sich die Jugend bis spätnachts auf der Piazza. Gleich hinter Verdis Geburtshaus dehnen sich Getreidefelder aus, umrahmt von faulig riechenden Wasserkanälen. Wenig entfernt rauscht der graue Po durch die Ebene, flankiert von Schilfgürteln und sumpfigen Wäldern.

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