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An Tausenden Ständen gibt es alles Mögliche zu kaufen – Dekoration, Kleidung, lebende Tiere. Vor allem aber: Essen
An Tausenden Ständen gibt es alles Mögliche zu kaufen – Dekoration, Kleidung, lebende Tiere. Vor allem aber: Essen Foto Enver Hirsch

Liebe geht durch den Markt

Text von CAROLINE JEBENS
An Tausenden Ständen gibt es alles Mögliche zu kaufen – Dekoration, Kleidung, lebende Tiere. Vor allem aber: Essen Foto Enver Hirsch

21. Januar 2023 · Es gibt 1001 Möglichkeiten, auf den Märkten Bangkoks der thailändischen Küche zu verfallen.

Vielleicht ist es gut, sich fremd zu fühlen, wenn man einen Ort betritt, an dem man nur einmal essen wird. Hier lebt man nicht, hier arbeitet man nicht, hier löffelt man kein Mittagessen, wie all die anderen, die an Edelstahltischen sitzen und die Uniformen umliegender Geschäfte tragen; sie blicken einen nur kurz an, denn sind sie zu höflich, einen anzustarren. Klar ist: Sie werden morgen wieder hier sitzen und essen im belebten Or-Tor-Kor-Markt in Bangkok, während man selbst den nächsten Ort erkundet.

Eine Verkäuferin auf der Yaowarat Road in Bangkoks Chinatown
Eine Verkäuferin auf der Yaowarat Road in Bangkoks Chinatown Foto Enver Hirsch

Bangkok ist so berühmt für seine Märkte wie Thailand für seine Küche. Der Or Tor Kor liegt nördlich des Zentrums im Stadtteil Chatuchak, der für den gleichnamigen, riesigen Markt berühmt ist. An Tausenden Ständen gibt es im Viertel alles Mögliche zu kaufen – Dekoration, Kleidung, lebende Tiere. Unweit davon, im kleinen Or Tor Kor, gibt es Küchenutensilien: scharfe Messer und Stäbchen aus Teakholz, obwohl in Thailand fast ausschließlich mit Löffel gegessen wird. Vor allem aber gibt es frisches Gemüse, Fisch, Obst, Fleisch – und ein paar Garküchen.

Auf dem Ok-To-Kor-Markt gibt es Sepien zu kaufen: Thailand ist ein Land der Pescetarier.
Auf dem Ok-To-Kor-Markt gibt es Sepien zu kaufen: Thailand ist ein Land der Pescetarier. Foto Enver Hirsch

Der Boden ist weiß gefliest, und das hohe Wellblechdach versammelt große Stände, deren Auslagen mit Eis überquellen, in denen Barsche, Makrelen und Austern liegen; in großen Tanks erleben Krebse letzte Stunden. Große Stücke Rind werden geboten, dann verschwindet der Geruch von Fisch und Fleisch, und Gräser und andere geerntete Flora sind ausgebreitet auf den langen Tischen: Wasserkresse, Wassermimose, Bittergurke, Enoki-Pilze. Die Verkäufer bemühen sich nicht um einen, sie wissen: Man wird nicht nach Hause gehen, um dort zu kochen. Hier kaufen die Bangkoker, hier kaufen die besten Köche der Stadt. 

Im Inneren des Marktes stehen Teakholzbänke, davor Obststände, die Javaäpfel, Rambutan und Durian-Frucht verkaufen. Schilder warnen: „Prohibited to eat durian fruit inside market“ – das dotterfarbene Fleisch der sogenannten „Stinkfrucht“ ist zwar gesund, doch riecht es nach verdorbenen Eiern. Lieber ein paar kleine, rote Mangostanen, die sich wie Kastanien schälen lassen; zartweißes, süßes Fruchtfleisch. Es ist teurer als auf anderen Märkten in Bangkok (ein Sack Äpfel kostet teils zehn Euro). An einem Stand gibt es Chrysanthemen-Tee (süß und frisch), Saft von der Passionsfrucht (sauer) und vom indischem Wassernabel (fein erdig). Die Teller mit Khao-Soi-Suppen und fermentiertem Kohl werden leerer, die großen Schalen dampfen, die schwarzen Ventilatoren an den Säulen surren weiter. Die Mittagspause endet gleich, bald wird der Regen niederprasseln. Glücklicherweise verkauft der Stand mit Messern und Stäbchen auch Flipflops.

Öffnungszeiten des Or-Tor-Kor Markts: 6 bis 18 Uhr, 101 Kamphaeng Phet Rd, Chatuchak, Bangkok 10900

Mittags zum Markt: Dort gibt es ein schnelles Lunch aus kleinen Garküchen
Mittags zum Markt: Dort gibt es ein schnelles Lunch aus kleinen Garküchen Foto Enver Hirsch

Etwa 20 Kilometer vom Zentrum entfernt ist einer der schwimmenden Märkte zu finden. Bangkok hat gut 1700 Kanäle, „khlongs“ genannt, über die die Stadt versorgt wird. Früher gab es noch mehr solcher Kanäle, doch seit den Sechzigerjahren wurden viele mit Schnellstraßen überbaut. Sonntagfrüh kommt man gut voran auf dem nass-glänzenden Asphalt zum Khlong Lat Mayom Floating Market. Der Smog hat sich in einem morgendlichen Schauer aufgelöst und legt strahlend blauen Himmel frei – ein ungewohnter Anblick in der sonst in Wolken liegenden Stadt. Der Markt liegt noch innerhalb der Metropole, doch wirkt es, als hätte man sie verlassen: Ein Kanal wie ein Fluss, ein mit einer Art Reet überdachter Markt auf Holzstelen, drum herum satte Flora. Noch ist es ruhig, doch das wird sich nachmittags ändern, wenn die Familien zum Einkaufen kommen. Zwei Boote warten, um den Khlong abzufahren und zum frühen Mittag zurück zu sein.

Zwei Schüler verbringen ihre Pause am Süßigkeitenstand
Zwei Schüler verbringen ihre Pause am Süßigkeitenstand Foto Enver Hirsch

Das Boot zieht zügig durchs Wasser, in dem Plastik und Warane schwimmen. „Look, a baby crocodile“, sagt der Bootsführer freundlich, ein paar lachen, als wüssten sie den englischen Begriff für Bindenwarane, die Bangkok zuhauf bevölkern. Zwischen dem dichten Grün tauchen einstöckige Holzhäuser auf, die in ihrer Behelfsmäßigkeit der Umgebung angepasst sind. Jedes von ihnen hat eine eigene kleine Anlegestelle und eine schmale Terrasse, auf der alle möglichen Dinge lagern. Es ist ruhig, nicht einmal Vögel sind zu hören. Auf einer Treppe sitzt ein alter Mann, raucht und streichelt seine Wange. Die Wellen, die unser Boot schlägt, bringen das Bötchen zweier Frauen ins Wanken, das am Steg angelegt ist; sie unterhalten sich ungerührt weiter.

Welse im Khlong: Als Attraktion dürfen Touristen sie mit süßem Weißbrot füttern
Welse im Khlong: Als Attraktion dürfen Touristen sie mit süßem Weißbrot füttern
Welse im Khlong: Als Attraktion dürfen Touristen sie mit süßem Weißbrot füttern
Die Tempel, sogenannte Wats, sind in der ganzen Stadt verteilt
Die Tempel, sogenannte Wats, sind in der ganzen Stadt verteilt
Die Tempel, sogenannte Wats, sind in der ganzen Stadt verteilt
Nicht Buddha, aber einem heiligen Mönch wird hier gehuldigt
Nicht Buddha, aber einem heiligen Mönch wird hier gehuldigt
Nicht Buddha, aber einem heiligen Mönch wird hier gehuldigt
Fotos Caroline Jebens

Zwischen den Holzhäusern tauchen immer wieder Tempelanlagen auf, eine weißer und glänzender als die nächste, bis man glaubt, es geht nicht mehr prächtiger, doch dann ragt ein riesiger goldener Kopf über die Dächer: Der Phra Buddha Dhammakāya Thepmongkhon sitzt im Lotus und überblickt, fast 70 Meter groß, seine Stadt. Er soll von allen Punkten Bangkoks sichtbar sein. Vier Jahre lang wurde er erbaut, seit Kurzem ist er am Königlichen Tempel Wat Paknam Phasi Charoen zu besichtigen, den es schon seit vier Jahrhunderten gibt. Auf einer Terrasse gegenüber dem Tempel sitzt ein weiterer greiser Mann im Schneidersitz, die Hände im Schoß liegend. Er schaut und kaut. Neben ihm sind Särge in weiße Folien gewickelt aufeinandergestapelt. Sie mahnen: Vor dem Nirwana kommt Samsara.

Irgendwann wird aus Holz Beton, die Terrassen grau, die Fenster verglast. Sie sehen fremd aus, diese Neubauten, so wassernah, als hätten sie nie so nah am Ufer gebaut werden dürfen. Der Wasserspinat wuchert pflichtbewusst an den Rändern entlang. Gedünsteter Morning Glory mit Chili und etwas Reis – Mittag, Umkehr, zurück zum Markt.

Der riesige Phra Buddha Dhammakāya Thepmongkhon überblickt seine Stadt
Der riesige Phra Buddha Dhammakāya Thepmongkhon überblickt seine Stadt Foto Caroline Jebens

Unter dem Reetdach sammeln sich Menschen vor Grillständen; es hilft nichts, man kann sich der Hitze nur ergeben und sich langsam durch die Gänge winden. Das Treiben auf dem Markt ist rege, aber rücksichtsvoll. Vereinzelt hängen gebratene Hähnchen oder Enten von Ständen, aber das scheint die Ausnahme. Thailand ist ein Land der Pescetarier. Da das Boot bei den Nachtischen angedockt ist, gibt es den letzten Gang zuerst. Ein Schälchen frischer Maulbeeren und eines mit pastellfarbenen gezuckerten Reisbällchen, darin ein kleines Stück Kokos, das beim Beißen knackt. An einem Stand werden Dumplings aus Mungobohnen zubereitet, gefüllt mit gepufftem Reis oder Ingwerpaste, in Kokosraspeln gerollt, dazu wird ein Tütchen mit Zucker, Sesam und Salz gereicht, zum Darüberstreuen.

Zart und scharf: Hor Mok Pla, eine Art thailändische Tamales
Zart und scharf: Hor Mok Pla, eine Art thailändische Tamales Foto Enver Hirsch

Lebende Langusten räkeln sich in Becken, ganze in Salzkruste gegarte Fische, sogenannte Pla Pao, hängen zum Verkauf, dazwischen werden Tintenfische gegrillt. Durchsichtige Tüten mit portionierten Zutaten für Tom-Jued- oder Tom-Kha-Kai-Suppen stehen davor. Einige junge Leute sitzen an Tischen und essen, eine Frau singt auf einer kleinen Bühne, die Tanzfläche bleibt leer. Im Gang mit Blick auf den Fluss ist noch Platz an einem der Bambustische, an denen große blaue Müllsäcke befestigt sind. Es gibt Hor Mok Pla, eine Art thailändische Tamales: In Bananenblättern gegarte Kokoscurrypaste und Meeresfrüchte zur Wahl; die Entscheidung fällt auf Krebs, dazu ein gekochtes Ei mit frischem Thai-Basilikum. Die Pastete ist zart wie Eierstich, der Krebs leicht süß, der Reis fängt die Schärfe auf. Ein paar Stände weiter gibt es Suppen; eine Kanom Jeen Sao Nam, ein typisches Gericht aus dem Süden des Landes, das nicht überall in Bangkok zu bekommen ist. Sie besteht aus feinen Reisnudeln, Ananas, Ingwer, Chili, getrockneten kleinen Krabben und Kokosmilch. Eine kühle Suppe, die einem sofort die Hitze nimmt.

Öffnungszeiten Khlong Lat Mayom Floating Market: wochenends, 8 bis 17 Uhr, 15 Bang Ramat Rd, Bang Ramat, Taling Chan, Bangkok 10170

Simple Zutaten, großer Geschmack: Lunch auf einem der schwimmenden Märkt
Simple Zutaten, großer Geschmack: Lunch auf einem der schwimmenden Märkt Foto Caroline Jebens

Das Symbol der Bangkoker Chinatown ist ein Tor. Es steht inmitten des Viertels, einer der größten Chinatowns der Welt, und ist den Kaufleuten gewidmet, die diesen und andere Teile der Stadt im 19. Jahrhundert zu einem dicht gedrängten Geschäftsviertel machten. Nichts Minderes als „zwischen Himmel und Erde“ soll das Tor vermitteln. Dahinter beginnt die Yaowarat Road, auf der es nachts zu essen gibt.

In der feuchten Abendluft leuchten das Pink und Grün und Blau der Schriften noch bunter über die Straße, die Ampeln ticken laut, die Reifen rollen durch Bugwellen, in großen Pfannen wird flambiert, es dampft aus den kleinen Wagen, Eiswürfel rascheln, auf denen tote Meerestiere liegen, alte Apothekentüren quietschen, es mieft nach offenen Arzneien; zwischen Himmel und Erde ein Film, auf den nur Vangelis einen Soundtrack komponieren könnte; doch ist dies auf dem Nachtmarkt in Chinatown ein eigenes Rauschen, das keine Synthesizer braucht.

China Town in der feuchten Abendluft
China Town in der feuchten Abendluft Foto Caroline Jebens

Hier gibt es Streetfood, thailändisches, chinesisches, gemischtes. Es gibt gegrillte Insekten, die aber keine Delikatesse Bangkoks sind; man isst sie vor allem im Norden des Landes, in Isan und anderen Gegenden, in denen Reis angebaut wird. Dort herrscht Armut, und von dort stammen viele Prostituierte, die nach Bangkok kommen, um dieser zu entfliehen. In einem Schaufenster hängen Haifischflossen, „niemals kaufen“, wird einem geraten – die Fangmethoden sind grausam, und sie schmecken wohl nicht. Es schüttet seit Stunden, kaum vorstellbar, in einem anderen Land bei solch einem Regen hinauszugehen, geschweige sich draußen vor ein Restaurant zu setzen, dessen Überdachung der Kellner immer wieder mit einem Schirm anheben muss, sodass sich ein weiterer Schwall auf die Straße ergießen kann, bevor das Dach auf die Gäste platscht. Doch es ist wie mit der Hitze: Wenn man den Regen nur ausdauernd genug ignoriert, dann sitzt man bald am Tisch, bestellt eine große Schale Tom-Yum-Suppe, die auf einem Stövchen weiter zischend köchelt, Erbsensprossensalat, im Ganzen gegrillte Riesengarnelen, Tintenfisch; die Kellner bringen das Essen so schnell wie das Eis im Thai-Bier schmilzt.

Die Straßengeschäfte der Stadt schließen stets pünktlich
Die Straßengeschäfte der Stadt schließen stets pünktlich Foto Caroline Jebens
Die Straßengeschäfte der Stadt schließen stets pünktlich Foto Caroline Jebens
Keine Delikatesse, sondern ein grausames Verbrechen an dieser Art.
Keine Delikatesse, sondern ein grausames Verbrechen an dieser Art. Foto Caroline Jebens
Keine Delikatesse, sondern ein grausames Verbrechen an dieser Art. Foto Caroline Jebens
Eine der kleinen Garküchen im Ok To Kor
Eine der kleinen Garküchen im Ok To Kor Foto Enver Hirsch
Eine der kleinen Garküchen im Ok To Kor Foto Enver Hirsch

Der rosa Plastikmantel aus dem 7-Eleven ist schnell übergezogen, die nächsten Touristen warten. In einer schmalen Gasse fußläufig des Markts gibt es die Bars, dunkel und klimatisiert. Sie werden von der vierten Generation Thai-Chinesen geführt. Ein Gin im „Teens of Thailand“, ein SangSom-Rum im „Stranger Tep“, ein Craftbier auf der Dachterrasse der „Wallflower Bar“.

Am Nachbartisch sprechen sie Deutsch, man blickt sich kurz an und wendet sich höflich ab. Sicher ist: Keiner von uns wird morgen hier wieder sitzen und trinken.

Der Chinatown Nachtmarkt ist in der Yaowarat Road, „Lek & Rut Seafood“ in der Phadung Dao Rd, beide in Samphanthawong, Bangkok 10100.

Unterkunft Neu und mit großzügigem Spabereich ist das Sindhorn Kempinski Hotel in Bangkok, DZ ab 300 Euro: kempinski.com/en/sindhorn-hotel


SRI LANKA: Hoffen auf den Winter
VIETNAMS ARCHITEKTUR: Die Stadt wirft ihre Schatten

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 24.01.2023 11:38 Uhr