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Glibbriger Protein-Lieferant : Wie Mr. Lee die Welt mit Quallen ernähren wollte

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Dann kam auch noch der heiße Sommer

Einstweilen stellte Hitramat dies selbst fest, als sie versuchte, ihre Fischer für den Schneckenfang zu begeistern. Lange hatten die Fischer überhaupt keine Lust dazu. Diesen Sommer hatte Hitramat dann endlich zwei Fischer gefunden, die auf Schneckenfang setzen wollten – doch da verlief die Krabbensaison so gut, dass die Produktionslinien überlastet waren. Außerdem war der Rekordsommer 2018 so warm, dass viele Schnecken schon auf den Booten in der Hitze verendeten. Kolbjørn Ulvan sagt: „Wir haben noch zu wenig Erfahrung mit den Schnecken. Müssen wir sie kühlen? Wie lange kann man sie auf den Booten lagern?“ All das müsse erst erforscht werden.

Die Firma stellte den Schneckenfang vorläufig ein. Einige der Kriechtiere liegen noch heute im Kühlraum rum. Momentan ist kein Platz für die Tiere in den Koch- und Waschanlagen der Fabrik. Vielleicht hatte Mr. Lee ähnliche Sorgen.
Der Mangel ist in den Entwicklungsländern Afrikas und Südostasiens. Die Quallen sind in Norwegen. Die Fischer sind satt. Seit Jahren steigen in Norwegen die Exportzahlen für Lachs, der in Aquakulturanlagen aufgezogen wird. Während die Garnelenfischerei an manchen Orten drastisch zurückgegangen ist, hat Aufzuchtlachs auch in diesem Jahr wieder Rekordpreise auf dem Weltmarkt erzielt.

Die Welt wollte hier niemand retten

Auch Mr. Lee ging es ums Geld, nicht um Weltrettung. Zu den Armen der Welt wollte er die Quallen nicht verschiffen. Selbst wenn Quallen und Wellhornschnecken lange Reiserouten nach Asien auf sich nähmen, weil sie dort gute Preise erzielen, während sie in ihrer Heimat als kurioses Ekel-Essen belächelt werden, selbst dann wären solche Projekte keine Lösung für die Welternährung.

Aber vielleicht kommt die Stunde der Quallen noch. Ihre Widerstandsfähigkeit könnte die Quallen zu Verbündeten im Kampf gegen Umweltverschmutzung und Nahrungsmittelknappheit machen. Wie genau, das wollen europäische Forscher jetzt herausfinden. Anfang des Jahres startete das EU-Projekt „Go Jelly“.

Kommt der Einsatz als Tierfutter?

Universitäten und Forschungsinstitute wollen im Rahmen des Projektes eine Vielzahl von Verwendungszwecken für Quallen unter die Lupe nehmen. In der Pressemeldung zum Projektstart stand: „Wir untersuchen Möglichkeiten, wie man das Potential dieser Biomasse, die direkt vor unserer Haustür vorbeischwimmt, nutzen könnte.“ Eine Idee ist, dass Quallen Mikroplastik aus den Meeren filtern und so die Verunreinigung von Stränden und Küsten durch winzige Plastikpartikel verringern. Die Forscher arbeiten auch an der Entwicklung einer Filterpatrone aus Quallenschirmen.

Und ein anderer Teil des Projekts beschäftigt sich eben mit der Verarbeitung von Quallen zu einem Proteinzusatz im Tierfutter.
Wenn dies gelänge, könnten die Quallenproteine die Regenwälder Südamerikas entlasten. Dort wird Regenwald gerodet, um Sojabohnen für Tierfutter anzubauen. Dann würden zumindest die Schweine in Norwegen und China Quallenchips fressen.

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