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Zurück nach Senegal : Wie ein ehemaliger Flüchtling zu einem besseren Bauern wurde

  • -Aktualisiert am

Helke Fussell besucht Babakar Segnane, um zu schauen, wo die Spenden aus Prien am Chiemsee landen. Bild: Caspar Schwietering

Babakar Segnane kam über das Mittelmeer nach Deutschland – doch durfte nicht bleiben. Aber er fand Helfer, die ihm ermöglichen, zurück im Senegal Bauer zu werden. Die Geschichte einer Rückkehr.

          Senegal, Kaffrine. Irgendwo an der Hauptstraße muss das Restaurant liegen: „Prime am Kinze“. Es ist das beste der Stadt, da ist sich Helke Fussell sicher. Sie hat Fotos gesehen. Und sie hat gehört, dass auch der Bürgermeister dort isst. Stolz hat sie den Chauffeur gefragt, ob er das „Prime am Kinze“ kennt.

          Es liegt direkt am Ortseingang. Der Chauffeur ist irritiert. Will die Deutsche nach vier Stunden Fahrt wirklich hierhin? Eine kleine Hütte – das „Prime am Kinze“ – liegt eingeklemmt zwischen dem Busbahnhof, einer Tankstelle und den Taxis. „Die Gegend habe ich mir anders vorgestellt“, sagt Helke Fussell.

          „Helke!“, ruft Babakar Segnane. Mit einem Moped fährt er die Böschung zum Restaurant hinab. Er läuft auf sie zu, umarmt sie. „Helke!“ Er bittet Fussell herein. Das „Prime am Kinze“ ist eine eigentümlich geschriebene Hommage an ihre Heimat Prien am Chiemsee. Auf den Fotos mit dem bunt gefliesten Eingang hat es schick ausgesehen. Jetzt erweist es sich als kleiner, dunkler Verschlag.

          Es ist stickig. Babakar Segnane macht den Ventilator an. Die Tische stehen dicht an dicht. Sie sind leer. Als das Essen kommt, sieht Fussell im Licht der blauen Glühbirnen kaum, was sie isst. Sie schaut mit dem Handy nach: Fisch mit Reis und Salat. Fussell redet jetzt wenig. Das Restaurant war ihre große Hoffnung. Im Blaulicht kommen ihr Zweifel. Doch da ist auch die Freude über das Wiedersehen. Hand in Hand gehen sie im Dunklen in die Vorstadtsiedlung zu Segnanes Hof.

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          Nach dem Tod des Vaters blieb nur die Flucht

          Am nächsten Morgen gibt es zum Frühstück aus großen Schalen klein gemahlenes Couscous mit süßem Joghurt. Die Männer essen auf der einen, die Frauen und die Kinder auf der anderen Seite. Jetzt sieht Fussell, wie viele Menschen auf dem Hof leben. Babakar mit seiner Frau Cotia und dem Sohn Ibrahim. Seine Großmutter. Sein Bruder mit dessen Frau. Tanten, Geschwister, Cousinen, Neffen und Nichten. Mitarbeiter. Sie wohnen in einem Haus mit vier kleinen Zimmern und einer Hütte mit Strohdach. Seine Mutter, die Matriarchin der Familie, bewohnt ein Schachtelhaus für sich allein. Dazwischen Esel, Gänse, Tauben, ein paar Hühner. Wie viele Menschen insgesamt hier wohnen, weiß Babakar Segnane nicht. Das wechsle ständig. Aber so zwanzig seien es immer.

          Als sein Vater vor acht Jahren starb, war er mit Mitte zwanzig als ältester Sohn plötzlich für all diese Menschen verantwortlich. Zehn Hektar Land vererbte ihm der Vater, in dem kleinen Agrardorf Musa, das der Familie gehörte. Kurz vor seinem Tod hatte der Vater dort eine Wasserleitung verlegen lassen. Nun waren da die Schulden und niemand mehr, der alles koordiniert: die Großfamilie Segnane (der Vater hatte noch vier weitere Frauen), die Dorfbewohner und den gemeinsamen Gemüseanbau. Schnell brach die Produktion zusammen.

          Babakar Segnane wollte nach Europa, Geld verdienen. Die Mutter war dagegen. Aber er sah die Häuser von denen, die es in Europa geschafft hatten und Geld schickten. In Kaffrine, wo unverputzte Zementsteine das Stadtbild prägen, fallen die ordentlichen Fliesen-Fassaden auf. Als seine Mutter eines Tages auf den Markt ging, fuhr er heimlich los. Das war vor ungefähr sechs Jahren, meint er. Sein Sohn Ibrahim war da gerade eine Woche alt. Es war auch eine Flucht aus der Verantwortung.

          Von Dakar nahm er den Bus nach Mauretanien. Dort musste er Geld verdienen für die Schlepper nach Marokko; und in Marokko für die Schlepper nach Spanien. Die Jahre verschwimmen ihm in der Erinnerung. Waren es drei oder vier? Keine gute Zeit. Nachdem er an Spaniens Küste anlandete, fuhr er schnell weiter nach Deutschland. Im Erstaufnahmezentrum in München bekam er 150 Euro Taschengeld. „Davon habe ich mir ein Handy gekauft und meine Familie angerufen.“

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