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Wo kommt unser Essen her? : Salatbeet im Skyscraper

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Wenn in der Zeit nach dem Erdöl alle oder noch mehr Menschen zu essen haben wollten, muss entweder die Erzeugung näher an die Städte, oder der Abfall der Städte als Nährstoff zurück aufs Land. Man bräuchte Filter und Trennanlagen, die zudem energiesparsam funktionierten, sie bräuchten Rohre und Leitungen, sie müssten verzahnt sein mit dem Wissen über komplexe Wechselwirkungen in den Ökosystemen, den Böden, der Luft, dem Wasser, mit der Pflanzenzucht, der Tierzucht. Wenn es nun um Verzahnung, ganzheitliche Koordination geht, in Zeiten von „Big Data“: Dann wird auch die Agrarwende zum Hightech-Projekt, wie zuvor die Energiewende.

Robert Habeck brachte den neuen Ton

Dafür steht Robert Habeck. Der erste grüne „Jamaika“-Minister in Kiel ist der Pionier seiner Partei im post-ideologischen Landwirtschaftsdenken. In Kiel sagte er kürzlich, er wolle die „Digitalisierung in den Mittelpunkt meiner Überlegungen stellen“, denn „für die Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie spielt sie eine große Rolle in der Landwirtschaft“. Er sprach von Melkrobotern, selbstfahrenden Traktoren, automatisch gesteuerten Schweineställen. Und sagte Sätze, die nicht so vertraut „grün“ klingen, wie die Klagen über Lobbys, Tierqual oder Ackergifte: „Der Ersatz des Pralltellers durch Injektionsverfahren, denen per Sensorik der Nährstoffbedarf der Pflanze, die Bodenbeschaffenheit, die Wetterprognose, der Nährstoffgehalt der Gülle simultan und in Echtzeit berücksichtigt und dokumentiert werden, bringt unstreitige ökologische Vorteile.“

Jedoch: Drei Viertel der Bauernhöfe könnten im Zuge der Digitalisierung auf der Strecke bleiben, schätzt Habeck, denn die neuen Geräte sind teuer. „Die emotionale Entfremdung zwischen Landwirten und Tieren und Böden und Feldfrüchten könnte größer werden“, fürchtet Habeck auch, „vielleicht gibt es ja irgendwann ein Label für computerfreie Landwirtschaft.“

Balanceakt auf dem Bohrturm

Melkroboter, selbstfahrende Traktoren und Schweineställe, in denen Computer das Sagen haben – das alles gibt es schon. Es bietet Chancen, und man kann es aus guten Gründen bedauern. Die Daten-Revolution steht am Anfang, Mittels Daten können die Behörden Landwirte gezielt überwachen, genauere Bilanzen von Dünger-Input und Produktion erstellen, die Bauern können dokumentieren, dass die automatisierten Trecker Brutvögel und Rehkitze umfahren.

Die Vorstellung, ausgerechnet die Digitalisierung könnte das Verhältnis von Land und Mensch wieder „gemüthlicher“ gestalten, enthält gewisse Ironie. Doch sie kann bestimmt dazu führen, dass viel Energie und Nährstoffe eingespart werden. Zweitens kann sie die Logistik verbessern, also die Essgewohnheiten erforschen; der Kühlschrank kann Daten an den Händler schicken oder den Erzeuger, es kann mehr nach Bedarf und weniger für den Müll geerntet werden. Vielleicht wird die Erdbeerzucht in Tokio signifikant günstiger. Die Datenwissenschaft macht die Landwirtschaft effizienter, auf dem Land, in der Stadt.

Sie ist ein Pflaster, aber kein Heilmittel. Denn die Landwirtschaft muss auch klüger werden, nicht nur sparsamer: Regenerative Landwirtschaft lautet ein Stichwort, sie ließ sich inspirieren von der Permakultur – ökosystemisch begründete Gartenkonzepte, die ohne Dünger auskommen. Pflanzen wie Bohnen binden Stickstoff aus der Luft, andere wie Tomaten verbrauchen ihn. Man spürt, dass die forschenden Gärtner, die Idealisten, die Selbstversorger aus den Ökodörfern, die gärtnernden Bürger, die interessiert sind an alten Sorten und Omas Hausmitteln, und die Industrie dringend miteinander ins Gespräch kommen müssten. Denn niemand weiß, wer uns übermorgen füttert, und die Industrie denke noch viel zu wenig darüber nach.

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