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Wo kommt unser Essen her? : Salatbeet im Skyscraper

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Dabei ist besonders fraglich, wie mit den Fäkalien der Menschen umzugehen sei. Auf sie kommt es letztlich an. Kreislaufwirtschaft hieße: Die menschlichen Fäkalien müssten raus auf die Felder, anstatt sie ins Meer fließen zu lassen. Doch Stadtwerke und kommunale Abwasserbetriebe dürfen das nicht: Das Abwasser der Städte ist voller Hormonen von der Antibabypille, und voller Arzneimittelrückständen: Schmerzmittel vor allem, auch Kosmetika und Mikroplastik.

Anthropogene Gülle

Im großen Maßstab müsste all das aus der Fäkalbrühe herausgefiltert werden, damit die anthropogene Gülle zurück aufs Feld dürfte. Und auch das ist, im Herbst 2017: viel zu teuer. Und technisch Zukunftsmusik. Noch ist das frische Phosphat aus Marokko ist billiger, und versorgt die Königsfamilie vortrefflich. Derzeit werden unsere Fäkalien zumeist mitsamt allem Müll getrocknet und verbrannt. Daraus entsteht Strom, der unsere schönen iPhones nährt.

Und der Stickstoff? Fließt in die Flüsse und Meere. Und der aus der Landwirtschaft? In Niedersachsen, im Nordwesten, gibt es schon so viel Gülle, dass sie auf Schiffen nach Mecklenburg verfrachtet wird. Sie kostet wenig, ist im Überfluss da. Sie kommt aus Hühnern und Schweinen, die brasilianisches Soja fraßen. Das ist im Überfluss da. Denn tausende Tonnen Glyphosat – „Roundup“ von Monsanto – und genveränderte Saaten wachsen in Monokulturen. Doch die Grenzen des Wachstums sind immer deutlicher: Resistenzen von Sojapflanzen gegen Glyphosat, ausgelaugte Böden. Ökologische Krisen überall: Etwa 40 Prozent der weltweiten Böden sind als ausgelaugt klassifiziert; arm an Humus und bestimmten Nährstoffen.

Die Zukunft gehört den guten Nematoden

Ein Grund sind die auf maximalen Ertrag gezüchteten Pflanzen, ein anderer der, dass immer weniger Pflanzenreste auf den Feldern verbleiben – alles wird genutzt, etwa als Tiernahrung. Auf Weiden stehen zu viele Tiere, die Farmer düngen. Dies alles hat komplexe Auswirkungen auf das Ökosystem Boden: Würmer und Nematoden, Bakterien. In einer Handvoll „gesundem“ Boden leben mehr Mikroorgansimen, als es Menschen jemals auf der Welt gibt.

Die Lösung muss nicht in „100 Prozent Bio“ bestehen, sondern vielleicht in Forschung an intelligenteren Ackerbausystemen. Etwa so: der Bauer kippt die Nützlinge aufs Feld, die es in der Agrar-Natur nicht mehr gibt. BASF und andere bieten das schon an: Nematoden und Käfer im Tausenderpack. Auch andere Ideen, die künftig Standardtechniken werden könnten, finanziert ausgerechnet das Agribusiness selbst. Nahe Cloppenburg, im Herzen von Deutschlands Intensiv-Agrarwirtschaft, sitzt ein Start-Up, das seit gut drei Jahren an ganz neuartigem Saatgut forscht. Beziehungsweise, das ihm einen neuen Mantel gibt: Der besteht aus denjenigen Mikropilzgeflechten, die durch den zerstörerischen Ackerbau immer weniger werden (Mykorrhiza). Wilhelms Best heißt das Unternehmen, finanziert mit Millionen vom steinreichen Mittelstand, dem Landhandel Bröring.

Mykorrhiza heilt die Erde

Mykorrhiza sind in ihrer Bedeutung für die Versorgung der Pflanzen lange unterschätzt worden. Sie versorgen die Wurzeln der Pflanzen mit Nährstoffen, die sie aus schwer zugänglichen Boden- und Gesteinsschichten heraussaugen. Die Idee von Wilhelms Best lautet: Weiter intensiv ackern, aber die Folgen mit neuen Präparaten reparieren. So brauchen die Bauern weniger Dünger. Unweit sitzt ein anderes Start-Up, das aus Gülle trockenen Nährstoff und Trinkwasser macht.

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