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Wo kommt unser Essen her? : Salatbeet im Skyscraper

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Der Experte gähnt weise

Die Fachjournalisten der „Lebensmittel-Zeitung“ arbeiten im achten Stockwerk eines Verlagshauses in Frankfurt am Main, und von dort aus sieht man zahlreiche Flachdächer. Die „idealen Standorte“ für die Gemüse- und Fischzucht. Doch was sieht man? Nur Rohre, Kiesel, dünne Begrünungen, Bierbänke. Bernd Biehl, der stellvertretende Chefredakteur, blickt spöttisch hinaus. Urbane Selbstversorgung? Er glaubt nicht daran. Biehl sagt: „Ich halte das für romantische Rückzugsgefechte. Der globale Trend geht zu einer deutlich stärkeren Arbeitsteilung von Stadt und Land. In Frankfurt gibt es neuerdings im Ostend einen urbanen Garten, aber von dem Gemüse können Sie schätzungsweise zwei Häuser ernähren, und das vom 1. bis 7. Januar. Das hat eine sozialpsychologische Funktion. Pilze anbauen im Keller, das ginge. Aber da sind ja schon die Parkhäuser.“

Journalisten wie Biehl sind Genies im Kleinreden der Zukunft. Vielleicht aber wird er Recht behalten. Was die Gegenwart betrifft, liegt er nicht verkehrt. Urban Farming und urbanes Gärtnern, das ist auch ein Spiel, ein Spielfeld für Hipster in der Identitätskrise, ein Luxussegment – gar ein Feld post-politischer „Ideologisierung“, wie der Regensburger Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder sagt. Eine Revolution ist es nicht.

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In Zukunft leben 9 Milliarden Menschen auf der Erde. Wie werden sie satt, ohne dass der Planet kollabiert? Ein Jahr lang suchen wir Antworten.

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Aber wer Karl Marx studiert hat ahnt, dass das food-kulturelle Spiel einen ernsten Hintergrund hat. Selbst dem Feudalismus konnte Marx gegenüber der agrar-kapitalistischen Entfremdung etwas abgewinnen. Zwar beutete der Adel den Bauernstand vortrefflich aus. Jedoch habe das Landleben noch seine „gemüthliche Seite“ gehabt, kritzelte Marx in seinen Block. Damit meinte er: Der Bauer hat eine Beziehung zu „seinem“ Land, er beobachtet und experimentiert, er produziert, was ihm sinnvoll erscheint, er entscheidet selbst und hat sein Maß an Freiheit, auch wenn er Abgabe leistet. Marx verherrlicht nicht das Landleben, das hart war. Er drückte es so aus: Der Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde sei gestört.

Diese Metapher ist uns vertraut. Wie auch diejenige für die Heilung: Kreislaufwirtschaft. Davon reden alle: die Start-Ups in Berlin, die Bundesregierung, die CDU und die Grünen, die Agrarhochschulen, der Rewe und die Food-Industrie. Doch Mülltrennung, Kompost, Wassersparen und veganer Brotaufstrich bilden noch keine Kreislaufwirtschaft. Das Wort ist, wie vor ihm die Nachhaltigkeit, herabgesunken in die Niederungen des Marketings, des Politiker-Gewäschs, der Beliebigkeit.

Bringt das LED-Licht die Revolution?

Finden Stadt und Land in Zukunft doch wieder zusammen? Versorgt sich die Stadt eines Tages selbst, mit LED-Licht und Pumpen, in Hochhausfarmen? Wie utopisch, im Sinne von weltfremd, diese Idee ist, zeigen auch auf anderen Gebieten, als dem Basilikum, die bisherigen Erfolge: Die erste Erdbeere in Tokio kostete zuletzt fünf bis acht Dollar – pro Stück. Melonen wurden für mehr als 200 Euro verkauft. Teuer ist der Quadratmeter, teuer ist die Energie, aufwendig die Wartung. Und für einen Berliner Supermarkt, in dem nicht Petersilie und Basilikum, sondern Erbsen und Spinat oder vor allem die Brotfrucht Weizen wachsen, gibt es noch keine Pläne.

Vom Brot aus der Stadt spricht niemand, der bei Verstand ist. Um die Mengen zu erzeugen, die wachsende Metropolen in relevanten Anteilen versorgen können, bräuchte es die Fläche weiter Äcker – und diese Flächen gibt es in Städten nur in der Höhe. Aber man kennte die Quadratmeterpreise.

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