https://www.faz.net/-ilp-98wu5

Mangelernährung : Hilft teure Pflanzenzucht gegen Hunger?

  • -Aktualisiert am

Macht satt, aber nicht gesund: Die meisten Kinder in Afrika essen weißen Mais. So auch Comfort Kangwa, die Tochter des sambischen Bauern Felix Kangwa. Bild: Frank Röth

Konzerne stecken viel Geld in die Zucht von Mais und Süßkartoffeln mit Vitamin A. Hilft das armen Kindern oder vor allem Unternehmen? Eine Feldstudie in Sambia.

          David Samazakas Hoffnung wächst an grünen Halmen, mannshoch, GV671A heißt sie, GV672A und GV673A. Codes für eine bessere Zukunft. Was hier wächst, eine Autostunde nördlich von Sambias Hauptstadt Lusaka, auf Feld 16 des Golden Valley Research Center, das soll Großes bewirken. Das Leben Hunderttausender Kinder retten. Millionen Kindern die Sehkraft bewahren. Sie gegenüber Infektionen stärken, Masern oder Durchfall. Doch an diesem Morgen wirkt das Wundermittel ziemlich unscheinbar: Mais.

          Erbarmungslos strahlt die Sonne auf Maispflanzen, vor denen David Samazaka steht. Es ist noch einige Wochen vor Beginn der Ernte. In den vergangenen Tagen setzte der Regen aus; gerade zu dem Zeitpunkt, als er so nötig war. Samazaka tritt näher an die Halme heran, greift schmale Blütenstengel. Er kontrolliert, ob die künstliche Bewässerung die Pflanzen ausreichend mit Nährstoffen versorgt bekommt. „Sieht gut aus“, sagt er zu einer Kollegin und macht sich Notizen.

          Bald werden hier Maiskolben geerntet: bis zu 25 Zentimeter lang, 250 Gramm schwer und vor allem: Sie werden bei der Ernte orangenfarben leuchten. Das ist ihre erste Besonderheit.

          Die weißen Kolben sind so fad

          Normalerweise pflanzen die Bauern in der Region Maissorten, die weiße Kolben tragen. Gekocht schmecken sie fad und trocken. Sie werden meist zu Maismehl verarbeitet, aus dem ein fester Brei gekocht wird. Nshima heißt der in Sambia, Ugali in Tansania, Pap in Südafrika. Er wird auch in Malawi und Botswana gegessen, in Zimbabwe und Nigeria.

          Race to Feed the World
          Race to Feed the World

          In Zukunft leben 9 Milliarden Menschen auf der Erde. Wie werden sie satt, ohne dass der Planet kollabiert? Ein Jahr lang suchen wir Antworten.

          Mehr erfahren

          Was in Asien der Reis, ist in weiten Teilen Afrikas der weiße Maisbrei – die Grundlage aller Mahlzeiten. Und das wird zu einem Problem.

          Die sambische Regierung subventioniert seit Jahren die Maisproduktion, ein Abkauf wird zu einem Festpreis garantiert. So möchten die Politiker die Bauern im Land motivieren, Mais anzubauen, und somit Hungersnöte vermeiden. Fährt man durch Sambia, sieht man deshalb meilenweit meist nur noch eine Pflanze auf den Äckern: Mais. Eine fatale Entwicklung, eine gefährliche. Die zu viel drängenderen Fragen führt: Wer in den kommenden Jahrzehnten bestimmt, was auf den Feldern angebaut wird, und wer am Ende davon profitiert.

          Versteckter Hunger

          In Sambia gilt jedes zweite Kind unter fünf Jahren nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation als mangelernährt. Es leidet damit meist keinen Hunger, doch ihm fehlen lebenswichtige Nährstoffe. Eisen. Zink. Vor allem Vitamin A. Experten sprechen vom „hidden hunger“, dem versteckten Hunger. Körper stoppen wegen des Mangels früher das Wachstum, Gehirne entwickeln sich langsamer.

          Die Menschen spüren ihr Leben lang die Folgen, sind anfälliger für Infektionen, können sich schlechter konzentrieren. Einige sterben vor ihrer Jugend. Das Land liegt auf einem der letzten Plätze Afrikas, wenn es um eine ausgewogene Ernährung für Kinder geht. Nur Malawi, Äthiopien und Kongo kommen auf schlechtere Werte.

          Ein Berg von Maiskolben auf dem Markt in der sambischen Stadt Kasama.

          Dabei boomt Sambias Landwirtschaft; seit 2011 wird die südafrikanische Nation zudem von der Weltbank in der Gruppe der Länder mit einem niedrigen mittleren Einkommen aufgeführt, wie etwa Ghana, Marokko oder die Ukraine. Hier leben nicht die Ärmsten. Trotzdem scheint es nicht zu reichen.

          Eine Schande sei das, sagt David Samazaka. Und während er das sagt, beginnt er zu schreien, als müsse er eine Menschenmasse unterhalten. Dabei stehen nur drei Menschen auf dem Feld. „Dieser Boden! Diese Regenfälle! Diese Sonne! Sambia könnte ein Füllhorn des Lebens sein. Die Menschen leben im Paradies, aber sie spüren davon nichts.“ Das will er ändern.

          Der bioverstärkte Mais leuchtet golden

          Samazaka, 51, ist Biologe und Pflanzenzuchtexperte. Er arbeitet für die amerikanische Hilfsorganisation „Harvest Plus“. Ihr Ziel: besonders nährstoffreiche Pflanzen zu züchten. „Biofortified“ heißt diese Methode, bioverstärkt. Weltweit initiiert „Harvest Plus“ Projekte, um nahrhaftere Lebensmittel auf den Speiseplan der Menschen zu bringen.

          Topmeldungen

          Die meisten Manager finden ihren Job heute schwerer als früher (Symbolbild).

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Race to Feed the World

          Race to Feed the World ist ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.faz.net/feedtheworld