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Mangelernährung : Hilft teure Pflanzenzucht gegen Hunger?

  • -Aktualisiert am

In Bangladesch stellen sie Bauern Reissaatgut zur Verfügung, das besonders reich an Zink ist. In Ruanda Bohnen mit hohen Eisenwerten. In Sambia haben sie sich auf Mais spezialisiert, der einen hohen Anteil Betacarotin in sich trägt; einen Stoff, der im Körper später zu Vitamin A umgewandelt wird. Dafür haben sie europäische mit südafrikanischen, mit südamerikanischen und mit ostafrikanischen Maispflanzen gekreuzt, immer und immer wieder.

Versuchsfelder von „Harvest Plus“ im Golden Valley in Sambia.

Generation für Generation stieg der Anteil an Betacarotin. Stieg die Dürreresistenz. Die Widerstandsfähigkeit gegen Insekten. Das kostete Millionen. Als das erste Saatgut auf den Markt kam, vor sechs Jahren, sprachen einige Landwirte vom „Golden Maize“-Zeitalter. Geht es nach Samazaka, ist die Frucht mehr wert als Gold.

Der Kampf gegen Vitamin-A-Mangel in Sambia ist ein langer. Die Regierung ließ vor einigen Jahren Zucker künstlich mit Vitamin anreichern. Die Weltgesundheitsorganisation verteilt zweimal im Jahr Vitaminkapseln an Familien. Der Anteil der Mangelernährten sinkt – aber zu langsam. „Nichts hilft so gut wie der Mais“, sagt Samazaka. Fast jeder Sambier isst täglich Mais. Direkter kann man nicht in den Alltag eindringen. 250 000 Landwirte würden inzwischen den orangenfarbenen Mais anbauen, in der Hälfte aller Distrikte werde inzwischen das Saatgut verkauft. „Der Mais wird eine Erfolgsgeschichte“, sagt Samazaka.

System-Diskussionen über Saatgut

Der Mais sei kein Erfolg, sondern Teil des Problems, sagt Emanuel Damba. Er sitzt nur wenige Autominuten entfernt von dem Versuchsfeld, auf dem Samazaka sein Loblied auf den Mais sang. Eine Lodge am Rande eines Highways, angeschlossen an eine Biofarm. Hinter den Gebäuden öffnet sich Weideland, Rinder grasen, Truthähne picken, Bauernhofidylle. Damba veranstaltet hier eine Tagung mit sambischen Landwirtschaftsaktivisten, ihr Thema: die nationale Saatgutpolitik.

Damba kennt die Argumente von „Harvest Plus“. Für ihn klingt das alles nach billiger Werbung. Er ist Vorsitzender der Allianz für Agrarökologie und Biodiversität Sambias. Er kämpft für eine ökologische Landwirtschaft, für eine Natur, frei von Pestiziden und künstlichen Düngern. Sein Hauptgegner: die großen Agrarkonzerne, die mit ihrem Saatgut, ihren Düngemitteln und ihren Pflanzenschutzmitteln den Markt beherrschen. Und genau diese profitierten vom Vitamin-A-Mais, sagt Damba.

Da es sich bei der Züchtung um eine Hybridart handelt, können die Bauern nicht selbst Samen ziehen, haben sie einmal die Pflanzen angebaut. Hybridpflanzen erhalten nur für eine Generation ihre besonderen Eigenschaften; ab der zweiten Generation gehen diese verloren. Die Landwirte müssen deshalb Saison für Saison neues Saatgut kaufen. Zudem brauchen Hybridpflanzen mehr Dünger.

Die Lizenzen für das Saatgut der Vitamin-A-Maissorten in Sambia besitzen drei der größten Agrarkonzerne, die im Land aktiv sind: Seedco, Zamseed und Kamano Seeds. David Samazaka von „Harvest Plus“ stört das nicht; er sagt, es sei nachhaltiger, Unternehmen die Lizenzen zu überlassen als Hilfsorganisationen – schließlich seien die oft nur für wenige Jahre aktiv. Unternehmen würden langfristiger denken.

Ökolandbau oder Grüne Gentechnik?

Emanuel Damba sagt, der Vitamin-A-Mais zwinge gerade Kleinbauern in neue Abhängigkeiten. Er sei Teil einer industriellen Landwirtschaft, die die Böden auslauge, die Kleinbauern verdränge und die vor allem eines verstärke: die Monokulturen auf dem Feld.

Früher, als er noch ein Kind war, erinnert sich Damba, da glichen die Sommerferien einer Reise ins Schlaraffenland. Jedes Jahr fuhr er zu seinen Verwandten aufs Land, und auf ihren Feldern wuchs Mais neben Süßkartoffeln, neben Kürbissen, neben Erdnüssen, neben Augenbohnen, neben Kichererbsen. Jeden Sommer nahm er einige Kilo zu und kehrte gut genährt zurück zur Schule. Mangel kannte damals keiner. Heute, sagte Damba, müsse er Lebensmittel mitbringen, wenn er seine Verwandten im Dorf besucht.

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