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Mangelernährung in Deutschland : „Vegan geht nicht ohne Pharma“

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Zur Ernährung und deren Auswirkungen forscht seit 40 Jahren der Biochemiker und Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski. „Junge Frauen, die sich vegan oder unausgewogen vegetarisch ernähren, gehen im Falle einer Schwangerschaft ein hohes Risiko ein.“ Wenn schon vor der Schwangerschaft eine Unterversorgung mit Eisen, Zink, Selen, Folsäure und Vitamin A, Biotin und Vitamin B12 besteht, gehe diese auf das Kind über. „Die Folgen müssen bei der Geburt des Kindes nicht unbedingt offensichtlich sein, sie können sich sehr viel später einstellen.“ Eisen und Zink sind in den ersten Lebensjahren für das Wachstum wichtig, Vitamine besonders für die Gehirnentwicklung. Wenn in den ersten Lebensjahren Mängel auftreten, kann der Säugling sein natürliches Potential nicht ausschöpfen, weder physisch noch psychisch. Bei gravierenden Mängeln können die Schäden irreparabel sein. Häufigster Grund für Mängel seien aber nicht diätische Ernährungsweisen der Eltern, sagt Biesalski, sondern der soziale Status.

Männer und Frauen aus den unteren sozialen Schichten essen weniger Lebensmittel mit „günstiger Nährstoffzusammensetzung“, wie Daten des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden belegen. Gegenüber Gemüse und Fisch landen wesentlich häufiger kalorienreiche Lebensmittel auf den Tellern, auch weil diese wesentlich preiswerter sind. Männer und Frauen aus den unteren sozialen Schichten sind dreimal so oft übergewichtig wie der Rest der Bevölkerung, ebenso ihre Kinder. Die Auswirkungen sind nicht nur körperlich sichtbar: Kinder mit niedrigem sozialen Status weisen fast doppelt so oft Merkmale von Essstörungen auf wie Kinder mit hohem sozialen Status, zeigt eine Studie des Robert-Koch-Instituts. Biesalski weiß von Schülern, die sich als Mahlzeit in der Mittagspause im Discounter einen Tortenboden kaufen. Die Mittagsangebote in Schulen würden besonders von „finanziell belasteten Familien“ nicht wahrgenommen.

In der Politik wird geschwiegen

Kinder aus einkommensschwachen Familien sind nicht nur dicker und zeigen häufiger Anzeichen von Essstörungen: Sie sind im Schnitt auch kleiner. Die Verbindung von Arbeitslosigkeit der Eltern und geringerem Wachstum ihrer Kindern wurde schon vor Jahren nachgewiesen. Zwei Forscher machten sich die Mühe, die Daten von mehr als 250.000 Grundschülern aus Brandenburg zu vergleichen. Besonders ein Zusammenhang hat die Wissenschaftler überrascht: Kinder waren mehr als einen Zentimeter kleiner, wenn mindestens ein Elternteil arbeitslos war. Auch vorangegangene Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien kleiner sind, unabhängig von der Größe ihrer Eltern. Die Ursache dafür kann Nährstoffmangel in der kindlichen Entwicklung sein.

Auf die Frage, warum Mangelernährung nicht längst bundespolitisch diskutiert wird, sagt Biesalski: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Ein Programm gegen gesellschaftliche Mängel würde signalisieren, dass ein flächendeckendes Problem besteht. „Wer will das anfassen und erklären, hier haben wir Fehler gemacht und die Gesundheit unserer Kinder aufs Spiel gesetzt?“ Die Argumentation, es sei allein Aufgabe der Eltern, lässt er nicht gelten: „Mit Hartz IV kann eine alleinerziehende Mutter ein Kind nicht altersgerecht und gesund ernähren. Das Problem der Mangelernährung von Kindern, vor allem von solchen, die in Armut leben, ist in Deutschland nicht neu.“

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Der durchschnittliche Preis für ein Schulessen beträgt 2,60 Euro. Das entspricht fast dem gesamten Tagessatz für das Essen eines Kindes, dessen Eltern Hartz IV beziehen. Nach Angaben Biesalskis ist gesunde Ernährung damit unmöglich. Die Linke fordert seit Jahren die Subventionierung von Schulessen im Wert von 4,50 Euro. Nur so sei die „nährstoffliche Vollverpflegung“ möglich. Bis jetzt wurden alle Anträge abgelehnt. Die Argumente der anderen Parteien: Es sei zu teuer, Aufgabe der Länder. Und es sei alles nur Schwarzmalerei.

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