https://www.faz.net/-ilp-9i3p6

Korn der Welt

Von MARCUS JAUER
Foto: AP

29.12.2018 · Weizen ist das wichtigste Getreide für die menschliche Ernährung. Doch sein Ertrag bleibt hinter dem Bedarf zurück, wenn im Jahr 2050 fast zehn Milliarden auf der Erde leben. Gibt es einen Weg aus der globalen Hungerfalle?

I m Jahr 1970 ging der Friedensnobelpreis an einen Mann, der vermutlich mehr Menschen das Leben gerettet hat als irgendjemand sonst. Sein Name ist Norman Borlaug, Sohn eines Farmers aus Iowa und bedeutendster Agrarwissenschaftler überhaupt. Ab Mitte der vierziger Jahre züchtete er in Mexiko, wo die Armut der Bauern damals bedrückend war, neue Weizensorten, die ertragreicher waren als alles, das man kannte. Es war der Beginn der sogenannten „Grünen Revolution“. Von Mexiko aus führte Norman Borlaug die neuen Sorten nach Asien und Afrika ein, wo es in den fünfziger und sechziger Jahren wiederholt zu Hungersnöten gekommen war. Innerhalb weniger Jahrzehnte vervielfachten sich die Erträge und Länder wie Indien, Pakistan oder Indonesien, die bis dahin Weizen einführen mussten, konnten sich auf einmal selbst versorgen. Szenarien, nach denen der Kampf um die Ernährung der Menschheit verloren war und Verteilungskämpfe zum Zerfall jeglicher Ordnung führen mussten, wirkten nun verfrüht. Der Hunger nahm ab, die Armut ging zurück, die Kindersterblichkeit fiel. Wieder einmal hatte der Mensch, und in diesem Fall nur ein einziger, das scheinbar Unausweichliche mit Hilfe des Fortschritts abgewendet.

In der Rede zum Nobelpreis erklärte Norman Borlaug, man habe es beim Kampf gegen den Hunger mit zwei widerstreitenden Kräften zu tun: der Nahrungsmittelproduktion und dem Bevölkerungswachstum. Die Menschheit habe die Macht, beide zu steuern, konzentriere sich bisher aber nur auf die Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion, ohne sich angemessen um das Bevölkerungswachstum zu kümmern. Doch die Grüne Revolution könne das Problem, dass immer mehr Menschen auch immer mehr Nahrung brauchen, nicht grundsätzlich lösen. Sie habe der Menschheit nur etwa eine Generation Zeit verschafft, es anders zu lösen als durch eine Grüne Revolution. „Im Moment haben wir vielleicht gerade Flut“, sagte Norman Borlaug „aber die Ebbe könnte bald einsetzen, wenn wir selbstgefällig werden und in unseren Anstrengungen nachlassen.“

Der Vater der Grünen Revolutíon, Friedensnobelpreisträger Norman E. Borlaug Foto: Micheline Pelletier/Sygma/Corb

„Im Moment haben wir vielleicht gerade Flut, aber die Ebbe könnte bald einsetzen, wenn wir selbstgefällig werden und in unseren Anstrengungen nachlassen.“
NORMAN BORLAUG

D ie Welternährung fußt in der Hauptsache auf drei Pflanzen: Mais, Reis und Weizen, wobei Weizen für den Menschen der wichtigste Kalorienlieferant ist. Er ist nach Mais das am zweithäufigsten angebaute und am häufigsten gehandelte Getreide der Welt und Hauptnahrungsmittel für die Ärmsten der Armen, also Menschen, die über weniger als zwei Dollar am Tag verfügen. Vielerorts hat er die traditionellen Grundnahrungsmittel verdrängt, weil es kaum etwas gibt, das schneller zuzubereiten ist als Nudeln oder verbreiteter als Fast-Food. Inzwischen wird mehr Weizen für Pizzateig verbraucht denn für Brot. Weizen ist das Korn der globalisierten Welt und zugleich ihr Ursprung.

In dem Moment, in dem vor ungefähr zwölftausend Jahren, irgendwo im fruchtbaren Halbmond, im weiten Bogen zwischen Persischem Golf, Mittelmeerküste und der Sinai- Halbinsel, Menschen das erste Feld anlegten, änderten sie den Lauf der Geschichte. Aus Nomaden wurden Sesshafte, aus Jägern und Sammlern Bauern. Durch die neolithische Revolution gelang es dem Menschen erstmals mehr Energie aus dem Boden für sich zu erlösen, aber die Energie musste gesichert, zugeteilt, verteidigt und vermehrt werden. Es brauchte Gefäße, Werkzeuge, Zugtiere, Kornspeicher, Stadtmauern, Märkte, Soldaten und Bürokratie. „Cultura“, das lateinische Wort, bedeutet ursprünglich schlicht „Pflege des Ackers“. Die Zivilisation erwuchs aus diesem Acker. Die Frage ist nur, wie weit er unsere Zivilisation noch tragen wird.

Laut der Welternährungsorganisation wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 fast zehn Milliarden Menschen wachsen. Um sie ernähren zu können, muss sich die Nahrungsmittelproduktion auf der Erde verdoppeln. Anders ausgedrückt: Die Menschheit muss bis dahin so viel Lebensmittel produzieren, wie sie seit ihrem Bestehen verkonsumiert hat. Für den in dieser Rechnung so wichtigen Weizen heißt das: Die Erträge müssen jährlich um 1,5 Prozent wachsen. Derzeit steigen sie nur um 1,0 Prozent. Der Unterschied ist kein geringer, denn er bedeutet, dass der Zuwachs derzeit tatsächlich um die Hälfte unter dem liegt, was unbedingt nötig wäre, damit die Welt nicht in eine gigantische Hungerfalle hineinläuft.


Ä gypten ist das Land auf der Welt, in dem am meisten Brot gegessen wird. Die Wichtigkeit des Brotes für Ägypten zeigt sich schon im Namen, den es hier trägt: „Aish“ bedeutet im Hocharabischen „Leben“, im ägyptischen Dialekt heißt es „Brot“. In der Zwanzig-oder-mehr-Millionen-Einwohner-Metropole Kairo, in der ein Drittel aller Ägypter lebt, arbeiten tausende Bäcker rund um die Uhr, um den enormen Brotbedarf zu decken. Brot gibt es an jeder Ecke.

Bäckerei in Kairo: Von subventioniertem Brot leben 65 Millionen Ägypter. Foto: Picture-Alliance

Die „Agalati“, Männer, die sich auf Fahrrädern einhändig und mit meterlangen Tabletts in den chaotischen Verkehr stürzen, um das Brot zu Märkten, Restaurants und Imbissständen zu bringen, prägen das Straßenbild.

Das billigste Brot nennt sich „Aish baladi“, „Brot der Armen“ – oder eben: „Leben der Armen“. Frisch aus dem Ofen ähnelt es einem kleinen Ballon, der in sich zusammenfällt, sobald er abkühlt. Es gibt es in einer trockenen, dünnen und in einer feuchteren, dickeren, aber auch grobkörnigeren Variante. Allein in Kairo werden jeden Tag gut fünfzig Millionen Stück verkauft. Baladi-Brot kostet fünf Piaster, das ist umgerechnet weniger als ein Cent und damit sieben Mal billiger als normales Brot in Ägypten kostet. Der Preis wurde von der Regierung vor mehr als dreißig Jahren festgelegt.

Agalati, die Brotträger, stürzen sich mit ihrer Ware auf dem Fahrrad, einhändig und Tablett auf dem Kopf, in das Verkehrschaos von Kairo. Foto: Picture-Alliance

Billiges Brot ist in Ägypten für die Bevölkerung und für die Regierung eine Überlebensfrage. Aber die Möglichkeiten des Landes sind begrenzt, seinen riesigen Weizenbedarf von derzeit mehr als zwanzig Millionen Tonnen pro Jahr zu decken – was in etwa dem entspricht, was in einem durchschnittlichen Jahr in der Ukraine geerntet wird. Zwar baut Ägypten seit langem im großen Stil Weizen an, doch die Fläche, auf der Landwirtschaft betrieben werden kann, ist klein und lässt sich kaum steigern. Ackerbau ist fast ausschließlich mit künstlicher Bewässerung möglich, also entlang des Nils und in dessen Delta. Der weite Rest des Landes, mehr als neunzig Prozent, besteht aus Wüste.

Gleichzeitig nimmt die Einwohnerzahl Ägyptens jährlich um zwei Millionen zu und wird bald die hundert Millionen-Marke erreichen. Das zwingt das Land, mehr als die Hälfte seines ständig steigenden Bedarfs auf dem internationalen Markt zu kaufen. Ägypten, eines der ärmsten Staaten der Welt, ist der größte Weizenimporteur.


I m Jahr 2015 veröffentlichte die Londoner Versicherungsbörse Lloyd’s einen Report über die Gefahr einer weltweiten Nahrungsmittelkrise – einen „Food System Shock“. Darin spielen Ökonomen, Meteorologen und Agrarwissenschaftler ein Szenario durch, das noch nie eingetreten ist, aber auf realen Zahlen beruht. Es beginnt mit einem ungewöhnlich starken El Nino, der im Verlauf eines Jahres eine Kettenreaktion auslöst. Hurrikans verzögern in Amerika die Aussaat. Überschwemmungen des Mississippi und Missouri lassen die Erträge von Mais, Weizen und Soja um ein Viertel schrumpfen. In Indien kommt es zu einer Hitzewelle, während in Pakistan, Nepal und Bangladesch sintflutartige Regenfälle niedergehen, was in Australien zu einer Dürre führt und die Hälfte der Weizenernte vernichtet. In der Türkei, Kasachstan und der Ukraine wird der Weizen von Rost befallen, einem Pilz, der die Erträge um zehn Prozent fallen lässt.

Aus Sorge, den Eigenbedarf nicht mehr decken zu können, verhängt Indien daraufhin einen Ausfuhrstopp für Weizen. Thailand antwortet mit einem Ausfuhrstopp für Reis. In der Folge bricht der weltweite Getreidehandel ein, der Weizenpreis verdreifacht sich. Um die Ausfälle abzufangen, überdüngen die Bauern ihre Felder, was das Grundwasser belastet und den Preis für Erdöl treibt, das zur Düngerherstellung notwendig ist. Um Futterkosten zu sparen, schlachten viele amerikanische Bauern mehr Vieh als sonst, was zu einem Überangebot an Fleisch führt und zu einer Pleitewelle. Wegen der hohen Lebensmittelpreise kommt es in Nigeria zu einem Bürgerkrieg, in Ägypten übernehmen Muslimbrüder die Macht. Im Mittleren Osten, Nordafrika und Lateinamerika brechen Unruhen aus, die den Ölpreis weiter treiben. Ein außergewöhnliches Wetterphänomen – und am Ende eines einzigen Jahres sieht die Welt anders aus. Kann so etwas passieren?

Die Autoren des Reports betonen, dass keines der Ereignisse in ihrer Argumentation fiktiv ist, jedes ist schon einmal eingetreten, wenn auch nicht innerhalb eines Jahres. „Auffallend ist jedoch“, so die Autoren, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit dieses Szenarios als wesentlich höher eingeschätzt werden müsse, als die Wahrscheinlichkeit, mit der Versicherungen sonst vom Auftreten sogenannter „extremer Ereignisse“ wie Erdbeben ausgehen – diese liegt bei 1:200. Interessanter als die Frage, ob und wann der Fall eines „Food System Shock“ eintreten kann, ist jedoch das Bild, das sich in diesem Report von der Welternährung vermittelt. Das Bild eines immer komplexer werdenden Systems, in dem die einzelnen Faktoren immer schneller aufeinander reagieren.

Lebensmittelpreis und

soziale Unruhen

Tunesien (300+)

Libien (10000+)

Ägypten (800+)

Algerien (4)

Saudi-Arabien (1)

Mauretanien (1)

Sudan (1)

Jemen (300+)

Oman (2)

Marokko (5)

Irak (29)

Bahrain (31)

Syrien (900+)

Uganda (5)

Lebensmittelpreisindex

Lebensmittelunruhen

Mosambik (6)

Kamerun (40)

Jemen (12)

Sudan (3)

Haiti (5)

Ägypten (3)

Elfenbeinküste (1)

Somalia (5)

Tunesien (1)

240

Indien (1)

Sudan (1)

220

Mauretanien (2)

Mozambique

(13)

200

Indien (4)

Somalia (5)

180

160

140

Burundi (1)

120

2004

2006

2008

2010

FAO Lebensmittelpreisindex von Januar 2004 bis Mai 2011. Rote, vertikale Linien entsprechen den Anfangsdaten von „Lebensmittelunruhen“ und Protesten während des Arabischen Frühlings.

Grafik: F.A.Z. / Quelle: „The Food Crises and Political Instability in North Africa and the Middle East“, Marco Lagi, Karla Z. Bertrand and Yaneer Bar-Yam, 2011

Lebensmittelpreis und

soziale Unruhen

Mosambik (6)

Kamerun (40)

Jemen (12)

Sudan (3)

Haiti (5)

Ägypten (3)

Elfenbeinküste (1)

Somalia (5)

Tunesien (1)

Tunesien (300+)

Libien (10000+)

Ägypten (800+)

Algerien (4)

Saudi-Arabien (1)

Mauretanien (1)

Sudan (1)

Jemen (300+)

Oman (2)

Marokko (5)

Irak (29)

Bahrain (31)

Syrien (900+)

Uganda (5)

Lebensmittelpreisindex

Lebensmittelunruhen

240

Indien (1)

Sudan (1)

220

Mauretanien (2)

Mozambique (13)

200

Indien (4)

180

Somalia (5)

160

140

Burundi (1)

120

2004

2006

2008

2010

2012

FAO Lebensmittelpreisindex von Januar 2004 bis Mai 2011. Rote, vertikale Linien entsprechen den Anfangsdaten von „Lebensmittelunruhen“ und Protesten während des Arabischen Frühlings. Die Gesamtzahl der Todesopfer ist in Klammern angegeben.

Grafik: F.A.Z. / Quelle: „The Food Crises and Political Instability in North Africa and the Middle East“, Marco Lagi, Karla Z. Bertrand and Yaneer Bar-Yam, 2011


D er deutsche Molekularbiologe Michael Baum leitet die Abteilung für Biodiversität und Pflanzenveredelung von Icarda, einer von fünfzehn über den ganzen Erdball verteilten Einrichtungen, in denen die Weltgemeinschaft – Entwicklungsländer, Industrieländer und internationale Organisationen wie die UN – landwirtschaftliche Forschung gegen den Hunger finanziert. Icarda ist in dem Verbund für die Trockengebiete zuständig. Bis zum Bürgerkrieg in Syrien saß Michael Baum im Hauptquartier in Aleppo, jetzt sitzt er in Rabat, Marokko. Aber er ist ohnehin sehr viel unterwegs in der Welt.

„Das Gebiet, um das wir uns kümmern, reicht von Mauretanien bis China“, sagt er.
Eine Aufgabe von Icarda ist es, für die gängigen Feldfrüchte in dieser Region neue Sorten zu züchten. Kichererbsen, Saaterbsen, Ackerbohnen, Linsen, Gerste und Weizen. Jedes Jahr veröffentlichen die Wissenschaftler diese neuen Sorten auf ihrer Website wie in einem Katalog, damit registrierte Benutzer diese bestellen und testen können. Eine neue Weizensorte zu entwickeln, dauert wenigstens zehn Jahre und kostet eine Million Euro. Für die Länder, die von Icarda unterstützt werden, ist das Saatgut kostenlos. „Wir verschicken allerdings immer nur wenige Gramm“, sagt Michael Baum.

In der Forschungsstation Sids im Nildelta werden neue Weizensorten gezüchtet und erprobt, mit denen Ägypten seine Erträge steigern könnte. Foto: Aladdin Hamwieh

Für Ägypten werden die Päckchen unter anderem nach Sids geschickt, einer Stadt im Nildelta, in der Icarda und das ägyptische Landwirtschaftsministerium gemeinsam eine Zuchtstation betreiben. Die Körner werden in Reihen von vier Metern Länge ausgebracht, unterbrochen von einer Reihe mit altem Saatgut, um später vergleichen zu können. Damit eine neue Weizensorte von den Behörden zugelassen wird, muss sie in zwei bis drei aufeinanderfolgenden Jahren zehn Prozent mehr Ertrag bringen. Erst dann wird ihr Saatgut in großen Stil vermehrt, was noch einmal drei Jahre dauert und wie fast alles, was mit Ernährung zu tun hat, in den Händen des Staates liegt.

Die Anbaubedingungen für Weizen sind in Ägypten an sich gut. In der Antike war das Land die Kornkammer Roms. Heute liegt es, was die Erträge angeht, immerhin an der Spitze der Entwicklungsländer. Mit einer guten Sorte ernten Bauern bis zu elf Tonnen Weizen pro Hektar, das ist viermal so viel wie in Marokko. Schädlinge wie Rost, ein Pilz, der inzwischen ein Viertel der weltweiten Anbaufläche bedroht, können sich aufgrund der hohen Temperaturen kaum ausbreiten. Der wichtigste Grund für die Erträge aber ist die künstliche Bewässerung. Fast der gesamte Wasserbedarf des Landes wird durch den Nil gedeckt, doch während die wachsende Bevölkerung und mit ihr die Landwirtschaft einen immer größeren Wasserbedarf haben, lässt sich die Wassermenge des Flusses nicht steigern. Vollkommen unklar ist außerdem, welche Auswirkungen der gigantische Staudamm haben wird, den Äthiopien derzeit am Oberlauf des Nil baut, um seine Bevölkerung mit Strom zu versorgen.

Ob es vor diesem Hintergrund reicht, wenn Michael Baum neue Weizensorten züchtet und die Bauern vor Ort in einer Anbaumethode anlernen lässt, die er „raised bed“ nennt, eine Art Hochbeet, bei der sich Wasser sparen und der Ertrag steigern lässt? „Wir müssen es in Ägypten einfach schaffen“, sagt er. „Wenn nicht da – wo dann?“


D er weltweite Nahrungsmittelhandel läuft vor allem über vier Unternehmen, die zusammen als „ABCD“ abgekürzt werden. Ihr Marktanteil beträgt siebzig Prozent. Aber Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus handeln nicht nur Mais, Soja und Weizen, Zucker, Palmöl oder Reis. Sie besitzen auch Schiffe und Züge, um sie zu transportieren, Häfen, um sie zu verladen, Silos, um sie zu lagern, Mühlen, Raffinerien und Fabriken, um sie zu verarbeiten. Die großen Vier sind nicht nur Teil der Kette vom Feld zum Teller, sie sind die Kette. Gewinne generieren sie heute aber nicht mehr vorrangig aus der Spanne zwischen Einkauf und Verkauf, wo sie einst gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil hatten, weil sie als international agierende Unternehmen aus jeder Ecke der Erde schneller an Informationen über Saatgutpreise, Düngereinsatz, Niederschläge und Ernteerwartungen kamen und ihr Geschäft darauf einstellen konnten. Diese Daten bekommt jetzt jeder aus dem Internet. Gewinn macht ein Händler heute, wenn er – wie in anderen Branchen auch – so viele Glieder der Wertschöpfungskette wie möglich in seinen Konzern integriert und für deren reibungsloses Ineinandergreifen sorgt – rund um die Welt, an jedem Ort, über das ganze Jahr, möglichst auf den Tag genau. „Allein ein Schiff, das länger im Hafen liegt, weil die Ware nicht da ist, kostet einen Händler bis zu fünfzehntausend Dollar pro Tag“, sagt Klaus-Dieter Schumacher.


„Allein ein Schiff, das länger im Hafen liegt, weil die Ware nicht da ist, kostet einen Händler bis zu fünfzehntausend Dollar pro Tag“
KLAUS-DIETER SCHUMACHER

Schumacher hat lange die Volkswirtschaftliche Abteilung des Hamburger Handelshauses Toepfer International geleitet, das vor Jahren von einem der großen Vier geschluckt wurde, bevor er sich als Berater für die Agrar- und Ernährungswirtschaft selbständig machte. Er ist einer der wenigen Experten, die auch von Kritikern der Monopolisten anerkannt werden, wie es etwa viele Entwicklungshilfeorganisationen sind, weil sie glauben, dass die großen Vier ihre Macht ausnutzen, um Bauern die Preise zu diktieren.

„Dabei gibt es nur wenig Märkte, die so transparent sind, wie der Agrarmarkt“, sagt Klaus-Dieter Schumacher. Wie kommt es dann zu Preissprüngen, wie beispielsweise zwischen 2005 und 2008, als sich Weizen, Mais und Soja plötzlich um das Dreifache verteuerten? Preissprünge sind Ergebnis von Knappheit. Knappheit entsteht in der Landwirtschaft üblicherweise durch das Wetter. Das muss kein ungewöhnlich starker El Nino sein. Der Nahrungsmittelkrise von 2007 gingen einfach ein paar schlechte Ernten voraus. Gleichzeitig verteuerte ein hoher Ölpreis Beregnung, Dünger und Transport. Die globalen Weizenvorräte, von denen heute die Hälfte in China liegen, so groß ist der Bedarf inzwischen dort, fielen unter die Marke, ab der die Welternährungsorganisation von Engpässen ausgeht. Hinzu kamen die Erzeuger von neuen Biokraftstoffen, die in einem ohnehin schon engen Markt einkauften. Die eigentliche Veränderung aber war das Aufkommen der Nahrungsmittelspekulation.


„Es gibt nur wenig Märkte, die so transparent sind, wie der Agrarmarkt“
KLAUS-DIETER SCHUMACHER

Mit dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise gingen die Kapitalanleger auf die Suche nach neuen Gewinnmöglichkeiten. Zwar waren an der Chicagoer Börse, die der wichtigste Haupthandelsplatz für Agrarrohstoffe ist, schon zuvor Warentermingeschäfte zugelassen, bei denen sich ein Händler einen Rohstoff, beispielsweise Weizen, noch vor der Ernte zu einem bestimmten Preis sichern konnte. Doch dieses Instrument wurde vor allem von den Getreidehändlern genutzt, um die eigenen Geschäfte abzusichern. Nun aber drängten institutionelle Anleger wie Fondsgesellschaften in den Markt, die gar nicht vorhatten, Agrarrohstoffe zu kaufen, sondern nur mit ihnen spekulieren wollten. Wie bei jeder Spekulation steigt auch hier der Gewinn umso mehr, je stärker die Preise schwanken. Und je mehr sie schwanken, umso mehr Spekulanten werden angelockt, was wiederum zu Schwankungen führt. „Diese Finanzinvestoren haben so viel Geld, dass sie die Preisbewegungen nach oben oder unten übertreiben können“, sagt Klaus-Dieter Schumacher, der schätzt, dass in Chicago heute nur noch zu einem Drittel klassische Agrarhändler am Werk sind und zu zwei Dritteln institutionelle Investoren. „Die Verhältnisse haben sich umgedreht.“

Der Anteil der reinen Spekulation am Weizenhandel ist nach Angaben der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam seit Mitte der Neunziger Jahre von zwölf auf siebzig Prozent gestiegen. Allein die Allianz hat die Menge des Kapitals, das sie in Agrarrohstoffe anlegt, nach 2008 innerhalb von drei Jahren auf sechs Milliarden Euro vervierfacht. Das ist der Markt, in dem Ägypten, eines der ärmsten Länder der Erde, jedes Jahr mehr als die Hälfte seines Weizens kaufen muss – und zwar so viel wie kein anderes Land sonst. Ägypten ist nicht nur der größte Weizenimporteur weltweit, der ägyptische Staat ist auch der größte Einzelkäufer. Die größten Exporteure sind Russland, Kanada, die Europäische Union und Australien. Die Dritte Welt kauft in der Ersten ein.


H ans Braun ist der Nachfolger vom Norman Borlaug. Er sitzt an dessen Schreibtisch, in einem zweigeschossigen Flachbau, eine knappe Autostunde westlich von Mexiko-Stadt, aber wer ihn sprechen will, erreicht ihn meist irgendwo anders auf der Welt. Die Hälfte aller Weizensorten, die heute in den Entwicklungsländern angebaut werden, gehen auf Züchtungen von ihm und seinen Kollegen zurück. Es gibt wohl niemanden, der mehr über den globalen Weizenanbau weiß, als der deutsche Agraringenieur Hans Braun, aber so würde er seine fünfunddreißig Jahre währende Karriere nie zusammenfassen.


„Für mich ist das Wichtigste, dass die Menschen zu essen haben“
HANS BRAUN

Hans Braun leitet das Weizenzuchtprogramm von CIMMYT, das wie Icarda zu jenem weltweiten Forschungsverbund gehört, der im Zuge der „Grünen Revolution“ entstand. Aber so leicht wie in den fünfziger und sechziger Jahren gelingen heute keine Wunder mehr. Norman Borlaug hatte damals in Mexiko, ganz amerikanischer Farmersohn, zuerst die Düngung auf den Feldern verbessert, bis er feststellen musste, dass die Halme in die Höhe schossen und umknickten, weil sie die Ähren nicht mehr tragen konnten. Daraufhin kreuzte er seinen Weizen mit einer Zwergweizensorte, die ursprünglich aus Japan stammte. Die Pflanzen wurden kleiner und stabiler. Später züchtetet er Weizen, der gegen Rost resistent war und rottete den Pilz so gut wie aus. Züchtung, Düngung, professioneller Anbau – die „Grüne Revolution“ richtete die Landwirtschaft der Dritten Welt an jener der Ersten aus, aber das Potential ist aufgebraucht. Man kann jeden Fortschritt nur einmal machen.


„Wir düngen heute mit zehn Mal mehr Stickstoff als am Anfang der Grünen Revolution, aber die Erträge sind nur um das Dreifache gestiegen.“
HANS BRAUN

Die „Grüne Revolution“ hatte vor allem die Städte im Blick, um gewaltsame Umstürze zu verhindern, die das Gleichgewicht der Blöcke im Kalten Krieg hätten gefährden können. Den Menschen auf dem Land hat sie weniger genützt. Sie bevorzugte größere Flächen, machte Bauern arbeitslos, die daraufhin selbst in die Städte abwanderten. Sie führte zum vermehrten Einsatz von Dünger, Pestiziden und Herbiziden, die inzwischen die Böden und Wasser belasten – und Ende der Neunziger Jahre tauchte in Uganda auch der Schwarzrost wieder auf. Er hatte die Resistenz im Weizen überwunden und seine Sporen verbreiten sich seither mit dem Wind über die Welt, auch nach Europa. Vor zwei Jahren vernichtete er in Sizilien große Teile der Ernte. „Und dann ist da ja auch noch der Klimawandel“, sagt Hans Braun.

Weizen reagiert sensibel auf Hitze. Erhöht sich die durchschnittliche Temperatur in den Entwicklungsländern nur um ein Grad, so haben es Hans Braun und seine Kollegen in Mexiko oder Indien beobachtet, verringert sich der Ertrag um acht Prozent. Die internationale Klimapolitik will die Erwärmung der Erdatmosphäre bis zum Jahr 2100 auf zwei Grad begrenzen. Womöglich werden es drei oder sogar vier Grad. Das würde die Lücke zwischen dem, was die Menschheit künftig an Weizen braucht und dem, was sie ernten wird, weiter vergrößern. Wenn Züchter wie Hans Braun diese Lücke schließen wollen, wird es Zeit für eine neue Revolution. „Und wir haben mit der Gen-Editierung seit kurzem ja auch die Technologie dafür“, sagt Hans Braun. „Aber der Widerstand dagegen ist groß.“


D as Genom des Weizens ist ein Ungetüm, fünfmal so groß wie das des Menschen und so kompliziert, dass es lange als nicht entzifferbar galt. Das liegt daran, dass Weizen das Erbgut von drei Pflanzen in sich vereinigt; da sind die beiden Wildgräser, aus denen vor fünfhunderttausend Jahren der Emmer entstand und das Ziegengras, das sich mit dem Emmer kreuzte, als er vor zehntausend Jahren vom Menschen angebaut wurde. Seit Sommer dieses Jahres liegt das Genom entschlüsselt vor. Es war eines der größten Projekte der Pflanzenforschung. Mehr als zweihundert Wissenschaftler aus zwanzig Ländern hatten dreizehn Jahre daran gearbeitet. Nun lässt sich der Bauplan für eine der wichtigsten Nutzpflanzen nicht nur lesen, sondern gezielt verändern.

Die ägyptischen Weizenerträge gehören zu den höchsten in den Entwicklungsländern. Dennoch ist das Land stark von Importen abhängig. Foto: pictures-alliance

Um den Ertrag zu steigern, kann ein Weizenzüchter die Anzahl der Halme an einer Pflanze erhöhen, die Anzahl der Ähren an einem Halm, die Anzahl der Körner in einer Ähre und die Größe der Körner. In den entwickelten Ländern ist all das in der Vergangenheit gemacht worden, aber seit den Neunziger Jahren steigen die Erträge dort kaum noch, weil Ertragssteigerungen oft zu Lasten der Widerstandsfähigkeit der Pflanze gehen. Sie wird anfälliger für Krankheiten und Umwelteinflüsse, gegen die ihr erst wieder Resistenzen hineingezüchtet werden müssen. Dazu wurde die Pflanze bisher mit Chemikalien und Gamma-Strahlen bearbeitet, um zufällige Mutationen auszulösen, deren Nutzwert die Züchter dann in jahrelanger Versuchsarbeit herausfinden mussten – immer wieder Aussäen, Ernten, Vergleichen, Aussäen. Darum braucht es zehn Jahre und eine Million Euro, bis mit traditioneller Züchtung eine neue Sorte entsteht. Könnte man die Gene gezielt verändern, würde es innerhalb eines Jahres gehen.

Eines der Instrumente, die den Forschern dafür jetzt zur Verfügung steht, ist die Crispr/Cas-Methode, eine sogenannte Genschere. Sie besteht aus Eiweißen, die das Erbgut an einer bestimmten Stelle durchtrennen, um so Teile zu entfernen oder neue einzusetzen. Die Methode wurde bei Bakterien erprobt, funktioniert aber auch bei Menschen und Pflanzen. Weizen, der toleranter gegen Hitze ist, der mehr Dünger verträgt, weniger Wasser braucht und Unkrautvernichtungsmittel aushält. Weizen, der dem Rost widersteht, weil die Resistenz mehrfach genetisch abgesichert ist. Die Möglichkeiten der neuen Technik sind unbegrenzt – aber genau das ist es ja.

Einige Wochen, bevor die Wissenschaftler die Entschlüsselung des Weizengenoms bekannt gaben, riefen französische Bauern den Europäischen Gerichtshof wegen der Genschere an. Sie wollten erreichen, dass Pflanzensorten, die auf diesem Weg entstehen, unter die Gentechnik fallen und entsprechend gekennzeichnet werden müssen. Zwar argumentierten die Befürworter der Genschere, dass mit ihr ja keine fremden Gene in die Pflanzen eingesetzt würden und sich die Methode deshalb im Grunde nicht von der traditionellen Züchtung unterscheide, sie sei nur gezielter. Aber dem folgten die Richter nicht. Sie ordneten die Genschere in ihrem Urteil der Gentechnik zu und Pflanzensorten, die damit entstehen, den gentechnisch veränderten Organismen, deren Anbau in der Europäischen Union strengen Regeln unterliegt.

Agrarkonzerne, Wissenschaftler und Bauernverbände reagierten auf das Urteil, als hätten die Richter die neue Technik verboten. Doch das haben sie nicht. Sie haben nur eine Kennzeichnung verlangt, damit der Verbraucher entscheiden kann, ob er ein gentechnisch verändertes Lebensmittel essen möchte oder nicht – die Mehrzahl der Verbraucher will das bisher nicht. Das ist nicht nur in Europa so.

Als der amerikanische Agrar-Chemie-Konzern Monsanto, der heute zu Bayer gehört, Ende der neunziger Jahre einen gentechnisch veränderten Weizen entwickelte, der resistent gegen das ebenfalls von Monsanto hergestellte Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat war; der dessen Einsatz also überleben konnte, während das Unkraut ringsum starb, verhängte Japan einen Einfuhrstopp für amerikanischen Weizen. Andere Länder schlossen sich an und Monsanto zog den Zulassungsantrag für die Sorte zurück. Eine genveränderte Weizensorte ist bisher in keinem Land der Welt zugelassen.


A ls Osama Naser El-Din Ahmed sein Studium der Agrarökonomie an der Universität Kairo beendet hatte, verdiente er gut genug, um kein Baladi-Brot mehr kaufen zu dürfen. Darauf war er stolz. Sein Großvater hatte das vom Staat subventionierte Brot bezogen, sein Vater bezog es, doch er, der Sohn, hatte die Einkommensgrenze überschritten, die von der Regierung eingeführt worden war. Allerdings war die Mitteilung, dass jemand diese Einkommensgrenze erreicht hat, freiwillig.

„Dass ich mich trotzdem gemeldet habe, konnte mein Vater nicht verstehen“, sagt Osama Ahmed. „Es hätte keiner gemerkt.“ In den vergangenen Jahren hat die ägyptische Regierung Schritte unternommen, das System der Nahrungsmittelsubventionen zu verändern. Baladi-Brot wird mit Mais gestreckt und nicht mehr in unbegrenzter Menge abgegeben. Jeder Bezieher muss eine Smart-Card vorzeigen, auf der gespeichert ist, wie viele Brote er im laufenden Monat gekauft hat. Das billige Brot, das den Staat so viel kostet, soll nicht mehr zum Mästen von Schafen und Ziegen benutzt werden, wo sich der Weizenverbrauch in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat, das Bruttoinlandsprodukt aber gleich geblieben ist. Inzwischen zahlt der staatliche Getreideeinkäufer GASC seine Rechnungen für die Importe, die im Hafen von Alexandria ankommen, nicht mehr in den zwei Wochen nach Sichtung der Lieferung, sondern nach zweihundert Tagen. „Die meisten Menschen mögen diese Reformen nicht“, sagt Osama Ahmed.

Denn bessere Weizensorten zu züchten, nützt wenig, wenn man den Bauern nicht zeigt, wie sie diese richtig anbauen. „Ein Jahr lang mussten sie sich genau an das halten, was der Mastertrainer ihnen zeigt“, sagt Osama Ahmed. Foto: Aladdin Hamwieh

„Wer bei uns ein Feld besitzt, der muss auch Weizen anbauen – alles andere gilt als Schande“(...) „Bei einer anderen Pflanze ließe sich die Mentalität der Bauern vielleicht ändern, aber nicht bei Weizen.“
OSAMA AHMED

Er sitzt im Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien in Halle an der Saale, wo er Experte für die ägyptische Landwirtschaft ist. In seiner Heimat hat er mehrere Projekte betreut, welche die Arbeit von Michael Baum und Icarda fortführen. Denn bessere Weizensorten zu züchten, nützt wenig, wenn man den Bauern nicht zeigt, wie sie diese richtig anbauen. Doch das eine scheint genauso schwierig zu sein wie das andere. Als Osama Ahmed Bauern im Nildelta neue Anbaumethoden im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums vorstellen wollte, musste er ihnen Geld anbieten, damit sie überhaupt zuhören – und dann kamen nur sieben Bauern, obwohl das Programm für dreihundert gedacht war.

„Ein Jahr lang mussten sie sich genau an das halten, was der Mastertrainer ihnen zeigt“, sagt Osama Ahmed.
Die landwirtschaftlichen Betriebe in Ägypten sind klein, weil das Land immer unter den männlichen Nachkommen aufgeteilt wird. Für den Einsatz von Dünger, Herbiziden und Pestiziden gilt unter den Bauern oft noch der Grundsatz, dass viel auch viel hilft. Wasser wird in einem offenen Kanalsystem aus dem Nil abgezweigt und auf die einzelnen Flächen zugeteilt – aber in der Angst, dass ihre Pflanzen vertrocknen, wässern viele Bauern ihre Felder zusätzlich mit Wasser aus den abfließenden Kanälen, das mit Rückständen der Pestizide und Herbizide verunreinigt ist. Außerdem wird, um Geld zu sparen, oft Saatgut aus dem Vorjahr mit neuem vermischt, was die Ertragssteigerung zunichte macht. Aber all das durften die Bauern ein Jahr lang nicht mehr tun.

„Am Ende ernteten sie mehr als das Doppelte“, sagt Osama Ahmed, „und im nächsten Jahr wollten dann vierhundertfünfzig Bauern ins Programm.“ Steigen die Erträge, wird Ägypten weniger abhängig vom Import, und natürlich ist das erst einmal gut. Auf der anderen Seite gibt es Pflanzen, bei denen das kostbare Wasser gewinnbringender eingesetzt wäre als bei Weizen. Würden die Bauern stattdessen grüne Bohnen anbauen, die sich exportieren ließen, könnten sie das Zwanzigfache verdienen. Aber wie für viele Länder, die von den plötzlich steigenden Preisen während der Nahrungsmittelkrise überrascht wurden, gilt Weizen in Ägypten als strategisch wichtige Pflanze.

Das fällt mit den traditionellen Ansichten zusammen. „Wer bei uns ein Feld besitzt, der muss auch Weizen anbauen – alles andere gilt als Schande“, sagt Osama Ahmed. „Bei einer anderen Pflanze ließe sich die Mentalität der Bauern vielleicht ändern, aber nicht bei Weizen.“


D ie Frage, ob die Erde die Menschen im Jahr 2050 noch ernähren wird, kann heute mit Sicherheit niemand beantworten. Aber bei der Suche danach, auf welchem Weg das – wenn überhaupt – möglich sein könnte, zeigen sich zwei verschiedene Ansätze. Der eine gründet auf der Annahme, dass die Probleme, die der Fortschritt erzeugt, mit noch mehr Fortschritt in den Griff zu bekommen sind, ohne dass sich an der Art und Weise, wie der Mensch lebt, etwas grundsätzlich ändern muss. Für den Weizen bedeutet das, alle Möglichkeiten der Technik zu nutzen, um den Weg, den er vom Feld zum Teller zurücklegt, Schritt für Schritt effizienter zu machen. Es bedeutet, ertragreichere Sorten zu züchten, wirksamere Unkrautvernichtungs- und Pflanzenschutzmittel herzustellen, auf größeren Feldern mit besserer Bewässerung anzubauen, die weltweite Logistik genauer aufeinander abzustimmen und freien Handel zu befördern, um die Preise zu senken. Im Kern unterscheidet sich der Ansatz nicht von dem, was Norman Borlaug vor mehr als fünfzig Jahren getan hat. Er versucht, Zeit zu gewinnen, nur noch umfassender, tiefgreifender und feiner, weil jetzt auch Gentechnik und Digitalisierung bereitstehen.

Der andere Ansatz argumentiert, dass der Mensch eine grundsätzlich andere Richtung einschlagen muss, weil das System der Nahrungsmittelversorgung absehbar instabiler werden wird. Erdöl und Wasser werden knapper und teurer werden. Der Klimawandel trifft gerade die Regionen am härtesten, die schon jetzt Weizen zukaufen müssen und die so noch abhängiger von Importen werden, während Spekulanten in einem immer wechselhafteren Markt die Preise treiben. Diesem Ansatz nach kann die Lösung der Probleme nicht darin liegen, ein System fortzuführen, das im Versuch, Ungleichgewichte aufzufangen, immer neue schafft, weil erst durch diese Ungleichgewichte in Wahrheit Gewinnchancen entstehen, von denen das System lebt. Es sind dann doch ganz große Fragen, die ein so kleines Korn wie Weizen stellt.

Und da hat man noch keinen einzigen Gedanken auf das verwendet, was Norman Borlaug in seiner Rede für den Friedensnobelpreis das andere Problem der Welternährung nannte – das stetige Bevölkerungswachstum.

Race to Feed the World
Race to Feed the World

In Zukunft leben 9 Milliarden Menschen auf der Erde. Wie werden sie satt, ohne dass der Planet kollabiert? Ein Jahr lang suchen wir Antworten.

Mehr erfahren

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 29.12.2018 19:43 Uhr