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Lachs für die Welt : Giftige Fischsuppe

  • -Aktualisiert am

Die Aufzuchtfirmen fühlten sich gegängelt. Die Küstenfischer, die auf ein konkretes Verbot gehofft hatten, ärgerten sich darüber, dass davon keine Rede mehr war. Dann ging auch noch der Krach mit den Wissenschaftlern los.

Bei einer Veranstaltung 2016 sagte der Fischereiminister, dass es „Kräfte“ an Universitäten und Forschungsinstitutionen gebe, die das Wachstum der Aquakulturanlagen verhindern wollten. Die Wissenschaftler, die sich angesprochen fühlten, beschwerten sich. Der Minister nahm es zurück. Doch hat man erst mal in die Suppe gespuckt, bleibt immer ein Rest Speichel zurück.

Fischerminister fordert neue Lausmittel

Der Fischereiminister hatte den Eindruck erweckt, dass es zwei Sorten von Wissenschaftlern gebe. Solche, die Hoffnungsträger und Zukunftsvisionäre sind. Solche, die neue, umweltfreundliche Läusemittel erfinden und bessere Anlagen entwerfen, in denen die Suppe weniger schnell überkocht. Und solche, die mit hochgekrempelten Ärmeln im Dreck wühlen, wenn sich das Meer mal wieder den Magen verdorben hat.

Solche also, die nachschauen wollen, was unter den Anlagen los ist und was mit den Meeresbewohnern passiert, wenn sie von der Aufzuchtsuppe trinken. Das sind die, die mit unangenehmen Funden auftauchen, die das Wachstum bremsen.

Wir brauchen mehr Wissen, sagt das Fischereiministerium, sagen die Aquakulturbetreiber und die Fischer. Gleichzeitig werfen die Aufzuchtfirmen in rasender Geschwindigkeit neue Zutaten in die Brühe und eröffnen weiter Anlagen. Stetig wächst der Berg, den die Wissenschaftler durchwühlen müssen. Wie soll man herausfinden, wie viel man dem Meer noch in den Rachen werfen darf, wenn man nicht weiß, was es schon alles schlucken musste?

Vor kurzem hat das Meer wieder an die norwegische Küste gekotzt. Toten Krill, massenweise. Von weitem sieht das schön rosa aus. Aber es stinkt zum Himmel. Zufällig wurden in der Nachbarschaft Aufzuchtlachse entlaust. Mit dem Giftcocktail, der schon 2015 als gefährlich galt.

Zuchtlachs: Gefüttert mit
Soja aus dem Regenwald

Der norwegische „Regenwaldfond“ kritisiert den hohen Verbrauch von Sojabohnen im Futter für Fische in Aquakulturanlagen. Um ein Kilo Lachs zu produzieren, braucht man 0,55 Kilo Sojabohnen. Die Hülsenfrucht wird noch in Brasilien bearbeitet und als Proteinkonzentrat in Pulverform importiert. Bis zu 30 Prozent des Fischfutters besteht aus diesem Konzentrat. Wenn sich die Produktion der Anlagen, wie norwegische Behörden vorhersagen, tatsächlich bis 2050 verfünffachen sollte, wird die Nachfrage nach dem Sojaprotein drastisch steigen. Daher warnt der Regenwaldfond vor Abholzung des brasilianischen Regenwaldes für Plantagen, vor der Vertreibung der Ureinwohner und dem Gebrauch von gefährlichen Pestiziden.

Um den nachhaltigen Anbau der Sojabohnen zu garantieren, haben einige norwegische Futtermittelhersteller 2015 ein Zertifikat unterschriebene. Damit verpflichten sie sich, nur Soja für ihre Produkte zu verwenden, das von der Organisation „Pro-Terra“ oder dem „Roundtable on Responsible Soy“ zertifiziert wurde. Der „Regenwaldfond“ bemängelt, vor allem bei der Organisation „Pro-Terra“, fehlende Kontrollroutinen und Transparenz. Auch seien die Richtlinien für den Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln zu lasch, da in einigen Fällen Mittel benutzt werden dürfen, die in Europa und den USA verboten sind.

Während der norwegische Staat seit 2006 insgesamt 7.473 Millionen norwegische Kronen an den „Brasilien- und Amazonasfond“ gezahlt hat, um die Abholzung des Regenwaldes zu stoppen, bedroht die wachsende Sojanachfrage aus der Aquakulturindustrie denselben Wald. Um die steigende Nachfrage nach Proteinen im Fischfutter zu bedienen, braucht man in Zukunft kreative Lösungen. Der Regenwaldfond schlägt neue Proteinquellen wie Tang, Insekten oder Holzspäne vor.

Lachsfarm in Norwegen.
Race to Feed the World Ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“. faz.net/feedtheworld

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