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Lachs für die Welt : Giftige Fischsuppe

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Es gibt verschiedene Methoden: Man kann die Pestizide füttern oder den Lachs in Läusemitteln baden. Zum Baden werden die Lachse auf ein Boot gepumpt, durch eine Giftmischung geschickt und wieder zurück in die Gehege entlassen. Jeder Lachs, der zurück ins Wasser flutscht, trägt ein wenig Läusemittel ins Meer. Manchmal werden die Fische direkt im Gehege behandelt. Mit einer Plastikplane trennt man Meer- von Giftwasser, bis die Behandlung fertig ist. Giftreste, die an der Plane kleben, werden vom Meer geschluckt.

Das Gift, das dann im Wasser rumschwimmt, kann dem Meer Bauchschmerzen bereiten. Es ist schon vorgekommen, dass das Meer Schwärme von totem Krill an die norwegische Küste gekotzt hat. Fischer klagen, dass es weniger Garnelen an den Küsten gibt und der Dorsch nicht mehr in die Fjorde schwimmt.

Rätselhafte Giftsuppe

Mit der Läusebekämpfung kommt das Gift ins Meer und mit dem Gift die Frage, wie viel Schaden es anrichtet. Keiner weiß das genau. Doch alle wollen mitreden: die Aufzuchtfirmen, die in Ruhe ihre Suppe kochen wollen, die Küstenfischer, die sich aus ihren Jagdgründen vertrieben fühlen, und die Wissenschaftler, die an Universitäten und Forschungsinstituten in die Suppe tauchen und Proben entnehmen.

Die Aufsicht über die Suppenküche hat die Regierung, allen voran das Fischereiministerium. Da wird der Deckel gehoben und geschnuppert. Den Firmen wird erklärt, wie sie die Suppe kochen sollen, Wissenschaftler werden ausgefragt und Fischer besänftigt, die sich an den Rand gedrängt fühlen. Wer anderen in die Suppe guckt, kann schon mal einen Deckel auf den Kopf kriegen. Deswegen liegt das Fischereiministerium mit allen ein wenig im Clinch.

Der Krach ging richtig los, als eine Masterstudentin der Universität in Bergen 2015 eine besondere Art von Läusebekämpfung untersuchte. Die Methode, bei der zwei verschiedene Läusemittel gemischt werden. Das nennt man „Off-label“-Benutzung. „Off-label“ bedeutet, dass man sich nicht an die Packungsbeilage hält. Darin steht, dass man die Mittel nicht mischen sollte. Verboten war es aber nicht.

Obwohl die Züchter das schon länger so machten, hatte noch niemand untersucht, was mit Garnelen passiert, die in die Giftmischung geraten. Ergebnis der Masterarbeit: ziemlich giftig, Krebstier tot. Unter Umständen im Umkreis von mehreren Kilometern um die Anlage.

Überlebenskünstler Laus

Ein Ruck ging durch die Suppenküche. Das Fischereiministerium schlug vor, den Giftcocktail zu verbieten, bis man mehr darüber wisse. Das war Ende 2015.

Die Küstenfischer freuten sich. Sie sagten schon länger, dass im Meer was nicht in Ordnung war. Die Aufzuchtfirmen freuten sich nicht.

Läuse sind zäh und wie alles Ungeziefer wunderbar anpassungsfähig. Da der Mensch der Laus in diesem Bereich in nichts nachsteht, ist die Läusebekämpfung ein Wettlauf zwischen menschlicher Hartnäckigkeit und lausiger Widerstandskraft. Das letzte chemische Mittel, was gegen die Läuseplage wirkte, war die Kombinationsmethode.

Die Industrie machte der Regierung klar, dass sie darauf nicht verzichten konnte. Das Fischereiministerium steckte in der Klemme. Wer die Aquakultur zum Hoffnungsträger des Landes erklärt hat, kann nicht zulassen, dass Horden fresswütiger Läuse ungeniert die Lachse anzapfen. Denn dann müssten sämtliche Lachse geschlachtet werden. Aus. Kein Lachs für die Welt.

Statt die Läusemittel ganz zu verbieten, wurde die Gesundheitsbehörde eingeschaltet. Man schickte Boote zu den Anlagen raus und kontrollierte, wie viel Läusemittel wo benutzt wurde. Unangemeldet schaute man in die Aufzuchtsuppe. Wo der Deckel gehoben wurde, stellte man fest, was alle wussten: Es war gang und gäbe, die Mittel „Off-label“ zu benutzen.

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