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Gefräßiger Maiswurzelbohrer : Ein Schädling von Welt

  • -Aktualisiert am

Westlicher Maiswurzelbohrer (Diabrotica virgifera), sitzt auf einem Stein Bild: Picture-Alliance

Der Maiswurzelbohrer fühlt sich überall wohl, wo es Mais gibt. Seit 30 Jahren verwüstet der Schädling die Ernten auch in Europa. Chemisch-technische Abwehrmaßnahmen lassen ihn ziemlich kalt. Es hilft nur eines: Man muss ihm den Mais wegnehmen.

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          Die Reise über den Atlantik überstand er wohl im Bauch eines Flugzeuges, vielleicht einer Lockheed C-5, wie es das amerikanische Militär damals nutzte, versteckt irgendwo zwischen den Hilfslieferungen für die Menschen in dem Krieg, der gerade die Grenzen auf dem Balkan blutig neu ziehen würde, neben Carepaketen und Medizinischem Bedarf. Vielleicht hat er auch einen ganz anderen Weg genommen. Ganz sicher kann man es nicht sagen. Fest steht nur, dass er im Sommer 1992 in großer Stückzahl da war, auf einem Acker in der Nähe des Nikola-Tesla-Flughafens in Belgrad: Der Maiswurzelbohrer, lateinisch Diabrotica virgifera virgifera LeConte.

          Ein Tier aus der Klasse der Insekten, Ordnung Käfer. Fünf Millimeter groß mit körperlangen Fühlern, einem gelben Halsschild und mit charakteristischen schwarz-gelben Streifen auf den Deckflügeln. Einen Neozoon nennen ihn die Wissenschaftler, ein eingeschlepptes, nicht heimisches Insekt. Einen Schädling nennen ihn die Pflanzenschutzexperten. Die Pest nennen ihn die Bauern, deren Felder er verwüstet.

          Auf Serbien hat sich der Käfer nicht beschränkt. Seit 1992 breitet er sich in konzentrischen Kreisen rund um den ersten Fundort aus, kommt pro Jahr rund 20 Kilometer weit und wird oft mitgenommen – als blinder Passagier in Landwirtschaftsfahrzeugen, Privatautos oder Bussen. Der Maiswurzelbohrer hat 1995 Ungarn und Kroatien erreicht, ein Jahr später war er in bosnischen Fallen zu finden. Im Jahr 2002 hat er lautlos die österreichische Grenze übertreten. Die Gefahr, von der man nur gehört hatte und die sich nun zwischen den Fingern der Bauern zerdrücken ließ.

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          Wie eine Linie legen sich die Fundorte genau auf den Grenzverlauf zwischen der Slowakei und Österreich. Dann setzte er zum Übertritt nach Deutschland an. Vor elf Jahren fanden Mitarbeiter der bayrischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LFL) die ersten Käfer in den Pheromonfallen. Überraschung war das schon keine mehr: „Wir kannten ja die stark steigenden Fangzahlen in Österreich. Wir wussten, dass der Käfer kommt. Wir haben auf ihn gewartet“, sagt Michael Zellner vom Institut für Pflanzenschutz an der LFL. Die ersten Käfer fanden seine Mitarbeiter in einer Baulücke im Passauer Stadtgebiet, heute hat er sich in ganz Ober- und Niederbayern ausgebreitet, vor allem dort also, wo die Tiermäster Mais als Futterpflanze anbauen.

          25.000 Stück gingen dieses Jahr in die bayrischen Fallen. Viermal so viele wie im Jahr zuvor. Achtmal so viele wie vor zwei Jahren. Und: Auch die Zahl der Käfer an den einzelnen Standorten nimmt stark zu. Ähnliches berichtet man aus Baden-Württemberg. Mit einer Anbaufläche von mehr als 2,5 Millionen Hektar ist der Mais nach dem Winterweizen die zweitwichtigste Kulturpflanze auf dem deutschen Feld. Und es ist keine Frage, ob der Maiswurzelbohrer auch Niedersachsen erreichen wird, jenes Bundesland, wo besonders stark Mais angepflanzt wird. Die Frage ist nur wann.

          Zwei zu Null für den Käfer

          Der Maiswurzelbohrer ist ebenso gefräßig wie wenig liebestoll: Nur eine Generation pro Jahr bringt er hervor. Der weibliche Käfer legt im Herbst die Eier in mehrere Paketen zur Überwinterung im Boden, jeweils 300 bis 400 Stück zusammen, und stirbt. Im Folgejahr schlüpfen Ende Mai die Larven im Maisacker und beginnen ihr Werk: Noch unter der Erde fressen sie die Wurzeln der Maispflanzen an und ab. Bei starkem Befall fressen die Käfer die ganze Wurzelmasse weg. Die Pflanze kann weniger Wasser und Nährstoffe aufnehmen und findet weniger Halt im Boden, sie knickt um. Schafft sie es, sich noch einmal aufzurichten, krümmen sie sich nach oben. Der Mais sieht dann aus wie ein Gänsehals.

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