https://www.faz.net/-ilp-9c5za

Ein Bauer erklärt : „Das wird hier bald Wüste“

  • -Aktualisiert am

Lächelt nett, hat aber Angst, dass Brandenburg bald Wüste ist: Bauer Benedikt Bösel Bild: Foto privat

Die Ernte ist mager. Weil der Regen ausfiel – aber auch, weil die Böden am Ende sind. Sagt ein Bauer aus Brandenburg, der neue Methoden sucht.

          Herr Bösel, Sie bewirtschaften 1100 Hektar Acker- und Grünland in Brandenburg. Wie geht es den Pflanzen, wann hat es zuletzt geregnet?

          Es regnet jetzt, zum ersten Mal seit neun Wochen. Und es soll zwei weitere Tage regnen. Aber das kommt zu spät. Wir ernten jetzt den Dinkel und dann Weizen, Hafer und Lupinen; Gerste und Roggen sind geerntet.

          Der Sommer war extrem. Wir haben 40 Prozent weniger Dinkel und 35 Prozent weniger Roggen und Wintergerste. Schon das letzte Jahr war schlecht. Für die Bäume und Böden ist der Regen gut. Die Eichen hatten wegen der Trockenheit allerdings schon im Frühjahr die Eicheln abgeworfen.

          Kommen solch lange Trockenperioden häufiger vor als früher?

          Ich habe den Betrieb ja erst vor zwei Jahren übernommen. Unsere Mitarbeiter, die teils seit vierzig Jahren hier sind, sagen: eindeutig ja. Die Verteilung der Niederschläge hat sich geändert. Es regnet Wochen nicht und dann so viel, dass der Boden das Wasser nicht aufnehmen kann. Aber das liegt auch an den Böden.

          Was ist mit den Böden passiert?

          Viele Jahrzehnte wurden sie extrem intensiv bewirtschaftet. Kurzfristig höhere Erträge wurden so mit einem Verlust an Bodenleben erkauft. Es gibt weniger Mikroorganismen, Würmer, Wurzeln, die Böden versanden. Sie halten weniger Wasser. Wenn wir unsere Landwirtschaft nicht ändern, ist hier in 15 Jahren Wüste.

          Ist das Ihre Sicht als Biobauer – oder sagen das Ihre Nachbarn auch?

          Die merken auch, dass sich etwas ändern muss. Die konventionellen Ackerbauern sind von der Trockenheit teilweise noch stärker betroffen. Sie düngen mehr Stickstoff, die Zellwände der Pflanzen werden dadurch weicher, und die Pflanzen sind noch anfälliger gegen Trockenheit und Krankheiten.

          Auch in den Vereinigten Staaten gibt es ein Umdenken. Die Farmer haben dort dieselben Probleme. Immer mehr versuchen sich an regenerativer Landwirtschaft, die die Gesundheit des Bodens erhalten will.

          Race to Feed the World
          Race to Feed the World

          In Zukunft leben 9 Milliarden Menschen auf der Erde. Wie werden sie satt, ohne dass der Planet kollabiert? Ein Jahr lang suchen wir Antworten.

          Mehr erfahren

          Wie geht das?

          Man muss das passende Anbausystem für seinen Standort finden. Es ist für einen Landwirt sehr schwierig, sich neben dem Tagesgeschäft noch Gedanken über all die ökologischen Zusammenhänge zu machen und nach Lösungen zu suchen. Man braucht Partner. Wir arbeiten daran mit Experten von der Uni Cottbus, dem Nabu Brandenburg und dem Bauernverband Südbrandenburg sowie anderen Landwirten.

          Es lohnt sich, für unsere Trockenregion über Agroforstsysteme nachzudenken, also den Getreideanbau unter Bäumen, die Schatten spenden. Die Wurzeln erhalten den Boden und erhöhen seine Fähigkeit, Wasser aufzunehmen. Wir denken über Brombeeren nach, Äpfel, Nüsse und Dutzende Strauch- und Baumarten.

          Wenn Brandenburg zur Wüste würde, kämen auch Wüstenpflanzen infrage: Hirse, Aloe?

          Es ist nicht einfach, auf ganz neue Feldfrüchte umzustellen. Man braucht Zugang zu den Märkten und Abnehmer. Durch industrielle Verfahren werden immer mehr erdölbasierte Stoffe durch pflanzliche ersetzt werden, das erweitert das Spektrum – zum Beispiel auf Weißdorn oder Hanf, welche etwa in der Pharmaindustrie verwendet werden können.

          Können Sie die Ernteausfälle dieses Sommers wirtschaftlich verkraften?

          Wir können das wegstecken, wir werden nicht pleite sein. Aber die wichtigere Frage ist doch: Wie geht es langfristig weiter?

          Topmeldungen

          Faksimile des Ur-Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland von 1949, unterzeichnet vom Konrad Adenauer (CDU), Präsident des Parlamentarischen Rates und seinen Vizepräsidenten Adolph Schönfelder (SPD) und Hermann Schäfer (FDP).

          70 Jahre Grundgesetz : Eine zeitlose Verfassung

          Das Grundgesetz ist zur Bibel der Deutschen geworden. Wer verstehen will, wer wir sind und woran wir glauben, sollte sie lesen. Wer zu uns gehören möchte, muss ihre Gebote befolgen.

          Ibiza-Video : Anwalt soll Drahtzieher der Strache-Falle sein

          Ein selbst ernannter Spionage-Fachmann behauptet im österreichischen Fernsehen, er wisse, wer die Hintermänner des „Ibiza-Videos“ sind. Er habe auf dem Video einen ehemaligen Geschäftspartner aus München erkannt.
          Internetnutzer in Simbabwe

          Digitale Entwicklung : Der Süden vernetzt sich

          Mehr als die Hälfte aller Internetnutzer lebt in Entwicklungsländern. Sie digitalisieren schnell – doch nicht alle haben etwas davon.
          „Sie sollen weiter kaufen“: Rapper John-Lorenz Moser, bekannt unter seinem Künstlernamen Bonez MC, ist Mitglied der 187 Strassenbande aus Hamburg.

          Gewaltvorwürfe gegen Musiker : Der Deutsch-Rap muss umdenken

          Auf die Debatte um #MeToo wollte die Szene nicht hören. Also müssen wir den Künstlern die Grenzen der Gewalt zeigen. Ein Gastbeitrag von einer Rap-Journalistin, die selbst schon körperlich angegangen wurde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Race to Feed the World

          Race to Feed the World ist ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.faz.net/feedtheworld