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Dünger gegen Welthunger : Urin macht satt

Hier gibt es wertvollen Dünger, der zu wenig genutzt wird. Bild: dpa

Urin gehört aufs Essen und nicht in den Abfluss. Das fordern Forscher aus Schweden. Klingt absurd? In Afrika könnte dieser Ansatz Millionen von Menschen ernähren.

          Man muss nicht zwingend düngen, um zu ernten. Das sieht jeder, der in seiner Küche eine Basilikumpflanze beherbergt und ihr ab und zu ein paar Blättchen abzupft. Doch man muss düngen, um die Welt zu ernähren. Europäische Landwirte produzieren nicht vor allem deshalb mehr als afrikanische, weil sie bessere Bauern sind oder für die Arbeit bessere Maschinen zur Verfügung haben, sondern weil sie mehr Dünger einsetzen können.

          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Es ist mehr als nur eine Binse: Ohne Stickstoff, Phosphor und Kali fällt die Ernte mager aus. Diese Stoffe aber können sich viele Bauern auf der Welt nur in kleinen Mengen leisten – zumal sie für die Bewohner in den ländlichen Teilen Afrikas auch logistisch oft nicht so einfach zu bekommen sind. Wie also kann man es schaffen, Landwirte in aller Welt mit mehr Dünger zu versorgen?

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          Die Antwort ist so einfach wie unglamourös: Das beste und kostengünstigste Düngemittel befindet sich überall schon vor Ort. Es ist der menschliche Urin. Dieser ist nicht nur reich an genau den drei Stoffen, die Pflanzen zum Wachstum brauchen und die auch die wesentlichen Bestandteile üblicher Kunstdünger sind. Er eignet sich auch genauso für den Einsatz in der Landwirtschaft wie die stofflichen Erntehelfer aus der Dünger-Fabrik: Versuche am Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag und der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich haben gezeigt, dass Pflanzen mit Urindünger gleich gut gedeihen wie jene, die mit herkömmlichem Kunstdünger behandelt worden sind.

          Auch in Stockholm ist man vom Wert des menschlichen Urins überzeugt. ,,Bei jedem Toilettengang des Menschen, ob er nun in der Spültoilette oder einer Sickergrube landet, werden im Prinzip Unmengen an wertvollen Rohstoffen vergeudet, mit denen man die Menschen auch in den ärmsten Regionen der Welt vom Hunger befreien könnte“, sagt Kim Andersson vom Stockholm Environment Institute (SEI).

          Eine Frage der Toilette

          Als Leiter der Arbeitsgruppe nachhaltige Abwasserversorgung an dem bekannten Umweltinstitut hat er viel zu der Frage geforscht, wie man die wertvollen Rohstoffe zurückgewinnen kann. Technisch sei die Lösung denkbar banal, erklärt der Umweltingenieur. ,,Alles, was man dazu braucht, sind Trenntoiletten, die den Urin von den restlichen Ausscheidungen gleich an der Quelle trennen und in separaten Kanistern sammeln.“

          Um den Urin als Dünger einsetzen zu können, ist nicht einmal eine Weiterverarbeitung nötig. ,,Es reicht aus, ihn luftdicht zu lagern", erklärt er. Denn die chemischen Prozesse, die er in dieser Zeit durchlaufe, reinigen den Urin und machen ihn steril. Durch einen natürlichen Zersetzungsprozess wird dabei Ammonium frei. Der PH-Wert steigt an und tötet alle Bakterien ab, die zum Beispiel durch eine versehentliche Kontaminierung mit Kot in den Urinbehälter gelangt sind. ,,Schon nach einigen Monaten kann der Urin mit Wasser verdünnt als Dünger auf den Feldern verteilt werden“, erklärt der Forscher.

          Nutzt kein Urin für die Düngung seiner Maisfelder: Kleinbauer Felx Kangwa in Nkolemfumu, nördliches Sambia.

          So weit die Theorie. Ob ihre Lösung aber auch praxistauglich ist? Das haben die Stockholmer in einem Langzeitprojekt im ländlichen Burkina Faso getestet, einer der ärmsten Regionen der Welt, wo nur sieben Prozent der Bevölkerung überhaupt Zugang zur verbesserten Sanitätsversorgung hat. In Zusammenarbeit mit der EU haben sie dafür im Jahr 2002 für rund 10 000 Familien in 44 Gemeinden Trenntoiletten errichtet.

          Hoffnungen in das Projekt waren groß, würden sich doch im Idealfall die hygienischen Verhältnisse verbessern und zugleich der Ernteertrag steigen. Und das zu überschaubaren Kosten von 150 bis 200 Euro je Toilette. Eine wesentliche Aufgabe der Forscher bestand deshalb auch darin, die Bevölkerung über den Nutzen der Anlagen aufzuklären - und sie davon zu überzeugen, nur noch auf die neuen WCs zu gehen.

          Aufklärung ist entscheidend für den Erfolg

          Als die Stockholmer Wissenschaftler nach zehn Jahren nun eine Bilanz zogen, waren sie von der Resonanz in der Bevölkerung verblüfft. Denn: Mit der Betonung der hygienischen Vorzüge der neuen Toiletten hatten sie nicht allzu viel erreicht. Zwar brachte es einige Menschen dazu, die sanitären Anlagen in ihrem Alltag zu nutzen. Aber erstens blieb doch fast die Hälfte bei den Sickergruben, und zweitens wurden die Anlagen oft nicht ordnungsgemäß gewartet.

          Ganz anders sah es dagegen aus, wenn die Einheimischen den landwirtschaftlichen Nutzen der Systeme kannten. Nicht nur suchte die Bevölkerung die neuen stillen Örtchen danach deutlich öfter auf. Auch leerten sie die Anlagen öfter und setzten im Anschluss die gesammelten Nährstoffe auch häufiger in der Landwirtschaft ein. ,,Aufklärung ist daher entscheidend für den Erfolg der Technologie“, meint Umweltingenieur Andersson.

          Umgewöhnung fällt schwer

          Die Forscher glauben daran, dass sich Trenntoiletten gerade in Ländern wie Burkina Faso durchsetzen könnten. Erstens sei das Bewusstsein in der Bevölkerung groß, dass etwas getan werden müsse, um den Ernteertrag nachhaltig zu erhöhen. Vor allem aber sei von Vorteil, dass sich die Menschen dort nicht von Toiletten mit Wasserspülung umgewöhnen müssten.

          ,,Haben sich die Menschen erst einmal an scheinbar hygienischere Spültoiletten mit Wasser gewöhnt, fällt die Umstellung auf das wasserlose System deutlich schwerer", sagt Andersson. Zumal es mit Blick auf Nachhaltigkeit unsinnig wäre, bestehende Infrastruktur herauszureißen und zu ersetzen. ,,Sinn macht es also gerade dort, wo man sowieso neu baut.“

          Aufbereitung erhöht die Akzeptanz

          Auch an der ETH Zürich forscht man über den landwirtschaftlichen Nutzen des Urins. Johan Six, Professor für nachhaltigen Landbau, erfuhr in Südafrika, dass die Bauern und ihre Nachbarn menschlichen Urin als Dünger dann akzeptieren, wenn es maschinell nitriert worden sei; damit verarbeitet und geruchlos.

          Menschlicher Urin müsste nachhaltige Landwirtschaft aber auch weltweit wieder verwendet werden, sagte er im Sommer der F.A.Z. Schließlich enthält es den wertvollen Harnstoff, der sonst chemisch synthetisiert werden muss. Und Felix Kangwa, der Kleinbauer, den diese Zeitung ein Jahr lang in seiner Hoffnung auf wachsende Ernten begleitete? Er düngt nicht mit Urin. Die Fäkalien des gesamten Dorfes Nkolemfumu verschwinden ungenutzt in den Sickergruben.

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