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Ausbeutung von Migranten : Die Tomate, Afrika und wir

Erntehelfer während der Tomatenernte auf einem Tomatenfeld in der Nähe des kleinen Ortes Borgo Mezzanone (Apulien, Italien). Bild: Wiesinger, Ricardo

Zusammengepfercht werden sie zu den Feldern gefahren, für zwölf Stunden Arbeit erhalten sie nicht mal 30 Euro Lohn: In Italien nutzt nicht nur die Mafia Migranten aus Afrika als Erntehelfer aus. Geschichten von der globalen Ausbeutung für unsere Tomaten.

          Die Bombe

          Pasquale Potito erinnert sich noch genau an den Satz, den sein Vater sagte, als das Auto explodiert war. Ein Donnerschlag hatte sie nachts um kurz nach zwei geweckt. Erst dachten sie an ein Feuerwerk, dann sahen sie die Flammen, in der Gasse gleich vor ihrem Haus. Der Fiat Grande Punto von Pasquales Vater brannte lichterloh. Er sagte nur: „Jetzt haben wir das auch hinter uns.“

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Pasquales Vater war Gewerkschafter, einer vom alten Schlag. Er kämpfte gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit, ohne Rücksicht auf Verluste, vor allem was ihn selbst anging. Und so hatte er sich auch der Erntearbeiter angenommen, die im Frühjahr 2016 in sein Büro in Ascoli Satriano kamen, seinem Heimatstädtchen in der süditalienischen Provinz Foggia.

          Gewerkschafter Pasquale Potito

          Die meisten von ihnen waren Rumänen, und sie arbeiteten für Miscia P., einen älteren Herren, den in Ascoli Satriano jeder kannte. P. vermittelte Arbeiter an Landwirte, zum Aussäen, Unkrautjäten und Ernten. In zwei Kastenwagen, so die Arbeiter, lasse P. sie zu den Feldern bringen, jeweils 25 bis 30 zusammengepfercht wie Tiere, und verlange auch noch vier bis sechs Euro pro Fahrt. Vom Tageslohn behalte er mindestens 20 Prozent, so dass sie, selbst wenn sie zwölf Stunden schufteten, nicht einmal 30 Euro verdienten. Mehrere Frauen erzählten, dass P. sie bedränge und zu Sex zwinge, mit der Drohung, ihnen sonst keine Arbeit mehr zu geben, die sie ja so dringend benötigten.

          Pasquales Vater erstattete Anzeige, in der Provinzhauptstadt Foggia, denn den Carabinieri in Ascoli Satriano traute er nicht. Die Polizei nahm Ermittlungen auf. Und kurz darauf ging es los: Auf Flugblättern wurde Pasquales Vater eine Affäre mit einer der Rumäninnen unterstellt. Als Pasquale in einer Bar zufällig auf P. traf, zog der wortlos sein Hemd hoch und zeigte ihm die Pistole darunter. Der Anschlag auf das Auto wurde mit einem selbstgebastelten Sprengsatz verübt, Täter unbekannt. Wenige Monate später starb Pasquales Vater an einem Herzinfarkt. „Die Arbeit stand für ihn immer an erster Stelle. Für seine Gesundheit hatte er keine Zeit“, sagt Pasquale. Miscia P. schmiss am Tag der Beerdigung ein großes Fest.

          Der Bauer

          Auch Sanés Vater hat Herzprobleme. Einen Arztbesuch oder Medikamente kann er sich aber nicht leisten. Die Ernte seiner kleinen Farm in Gambia reicht meist gerade, um die Familie zu ernähren. Sie bauen dort Maniok an, Erdnüsse, Mais und Reis. Sané mochte die Arbeit auf den Feldern. Er war gern Bauer.

          In den vergangenen Jahren aber dörrte der Wind, der in der Trockenzeit aus der Wüste im Norden kommt, den Boden immer mehr aus. Immer länger mussten sie auf den Regen warten, und wenn er kam, war er oft so stark, dass er alles mit sich riss. Dann reichte die Ernte nicht einmal, um alle satt zu machen. Und so beschloss Sanés Familie, ihn loszuschicken.

          Sané verließ sein Dorf, sein Heimatland, zog durch die Wüste, übers Meer. Europa erreichte er an der Küste Siziliens. Von dort wurde er in ein Aufnahmelager in Turin gebracht. Er bekam Taschengeld und ab und zu Italienischunterricht. Nach anderthalb Jahren wurde er weggeschickt, mit einer Aufenthaltsgenehmigung bis zur endgültigen Klärung seines Asylantrags in der Hand, aber ohne Dach über dem Kopf. Ein Freund lieh ihm 50 Euro, so dass er in den Süden reisen konnte, in die Provinz Foggia. Sané hatte gehört, dass es auf den Feldern dort Arbeit gebe.

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