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Pflanzen und der Klimawandel : Wo das Saatgut lagert, das die Welt retten könnte

  • -Aktualisiert am
Die alte Kohlegrube wäre eine gefährliche Alternative als Saatgut-Tresor.

Regionale Genbanken sind teilweise abenteuerlich. Das zeigt ein Experiment, das - nur wenige hundert Meter vom Saatguttresor entfernt - in einer stillgelegten Kohlegrube schlummert. Denn schon lange bevor Fowler und seine Leute den Saatguttresor in den Berg bohrten, stellte die Nordische Genbank einen Container mit Samenproben ans Ende eines stillgelegten Kohleschachts.

Solche Schächte gibt es auf Spitzbergen viele. Die Berge dort sind von Kohleadern durchzogen, deren Gruben und Gänge ins Herz der Felsen führen. Die Kohlevorkommen auf der Inselgruppe sind der Grund dafür, dass dort überhaupt Menschen leben. Heute sind die Gruben aber fast alle stillgelegt.

Der Container steht heute noch in Grube drei. Um dorthin zu gelangen, muss man einen unsicheren Tunnel hinuntersteigen. Kohlestücke liegen auf dem Boden, und man braucht ein Gerät, das den Sauerstoffgehalt in der Luft misst. Ein schlichtes Schild an einer alten Holzpforte kündigt Frøyhall an, die Saatgutkammer.

Eine Datenbank gegen den Hunger

Nordgen testet hin und wieder die Qualität der Samen. Das Experiment soll noch siebzig Jahre laufen. Man möchte herausfinden, wie lange sich das Saatgut in dem Container hält. Die Verhältnisse in der Grube sind einfach. Nicht einmal die Tür zur Kammer ist verriegelt, die Wände sind nackt, und nichts wurde verändert oder gar ausgebessert, bevor der Container dort abgestellt wurde. Eine billige Lösung, aber ist sie sicher?

Nordgen lagert seine Rücklagen mittlerweile im Tresor. Aber bevor der moderne Saatguttresor gebaut wurde, überlegten Cary Fowler und seine Kollegen, den existierenden Kohleschacht auszubauen. Ein Grubenarbeiter riet ab. Brände, Einsturzgefahren und sogar Explosionen können in Kohlegruben plötzlich entstehen. Kein guter Ort für schlafende Samen.

Die Arbeiter frästen einen neuen Schacht und hielten sich von den Kohleadern fern. Aber auch ohne das Explosionsrisiko waren die Bauarbeiten am Saatguttresor abenteuerlich. Dreimal wurde die Baustelle von neugierigen Eisbären besucht. Wer zum Tresor wandern möchte, muss sich bewaffnen. Das ist auf Spitzbergen Vorschrift.

Die Bären und der Tresor teilen sich nicht nur die rauhen Berghänge der Insel, sie haben noch ganz andere Gemeinsamkeiten. Fowler erklärt das so: "Für Eisbären und Weizen stellt sich dieselbe Frage: Ist die Spezies in der Lage, den Klimawandel zu überstehen?"

Jeder kennt die Bilder von verzweifelten Bären, die sich an schrumpfende Eisschollen klammern. Eine vertrocknete Maispflanze auf einem kargen Acker hat nicht denselben Knalleffekt. Aber auch Saatgutpflanzen sind im täglichen Überlebenskampf.

Naturschutz gelingt nur, wenn wir satt sind

Dass das Überleben der Bären mit dem Überleben der Nutzpflanzensamen zusammenhängt, daran denken wenige. "Globale Hungerkrisen sind erfahrungsgemäß schlechte Zeiten für Naturschutz", sagt Fowler. Wer Eisbären, Panda und Co. schützen will, tut also gut daran, auch Nutzpflanzen zu schützen. Dort wo Armut und Chaos herrschen, werden Eisbären im schlimmsten Fall gleich überm Feuer gebraten. Wenn die Menschen keine Not leiden, können sie sich um andere Lebewesen kümmern. Deswegen ist der Saatguttresor wichtig und auch die Genbanken, die ihn nutzen.

Die Leute, die in den Genbanken arbeiten, die immer neues Saatgut ziehen, Tests machen, die Lager erneuern und aufstocken, die Saatgut hin- und hersenden, diese Leute nennt Fowler "echte Helden". Sie retten die Welt, lange vor Armageddon, mit Glasampullen, Muttererde und schlummernden Samen in Tiefkühlbehältern.

Saatgut für alle

Im Falle einer Hungerkrise haben die Länder die größte Macht, die Zugang zu Nahrungsmitteln und Saatgut haben. Jährlich veröffentlicht die Welthungerhilfe den Welthunger-Index. Der Bericht von 2018 zeigt, dass immer noch 51 Länder unter ernstem Hunger leiden. Die Zentralafrikanische Republik ist am schlimmsten dran, gefolgt von Tschad, dem Jemen, Madagaskar, Sambia, Sierra Leone und Haiti. Bis 2030 haben sich die Vereinten Nationen vorgenommen, das Hungerproblem auf der Welt zu lösen. Bis dahin muss viel getan werden. Wer einmal die Macht über das Saatgut erlangt hat, könnte damit im Zweifel die ganze Welt erpressen. Deswegen ist es wichtig, dass sich alle Länder die Aufgabe der Bewahrung der Nutzpflanzen teilen und Saatgut nicht von Einzelnen kontrolliert wird. Um zu verhindern, dass wirtschaftliche Interessen, Umweltkatastrophen und politische Konflikte zu Nahrungsmittelknappheit führen, haben die Vereinten Nationen den Internationalen Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (Internationaler Saatgutvertrag) geschlossen. 143 Länder und die EU haben den Vertrag unterschrieben. Er soll sicherstellen, dass die Rechte der Bauern geachtet werden und dass Technologie und Wissen über Landesgrenzen hinweg ausgetauscht werden. Der Saatguttresor auf Spitzbergen hilft dabei, den Zugang zu Saatgut auch in einer ungewissen Zukunft zu gewährleisten. Der Inhalt in den Boxen, in denen das Saatgut zur Lagerung verschickt wird, gehört dem Absender. Der norwegische Staat kann niemals Rechte auf das Saatgut anmelden oder die Rücksendung verweigern. Die Genbanken verpflichten sich zudem, mit dem Saatgut verantwortungsvoll umzugehen und ihr Wissen mit anderen Ländern und Einrichtungen zu teilen.

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