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Pflanzen und der Klimawandel : Wo das Saatgut lagert, das die Welt retten könnte

  • -Aktualisiert am
Kurz vor dem Eingang in die schlafende Welt der globalen Samen.

Die Tresorkammern liegen schließlich tief im Berg. Selbst dann, wenn das Schmelzwasser den Tunnel bis zu den Kammern hinunterliefe, würde es spätestens in den Räumen - bei minus achtzehn Grad - zu Eis erstarren. Und bis die Tresorräume für die Saatgutsammlung zu warm würden, müssten erstmal viele Tonnen Gestein auftauen.

Gegen Tsunamis gesichert

Dass sich das Wetter ändern könnte, hatten die Bauherren beim Bau auch schon eingeplant. Der Eingang liegt hoch am Berg. Sogar wenn das gesamte Meereseis schmelzen und ein Tsunami an die Küste rollen würde, läge der Tresor noch rund zwanzig Meter über dem Meeresspiegel. Das Saatgut im Inneren sollte auch im schlimmsten Katastrophenszenario noch sicher sein.

Dass der Eingangstunnel derzeit nachgebessert wird, das wird als Sicherheitsvorkehrung beschrieben. Auch will man verhindern, dass die Leute von Nordgen, die in Spitzbergen die Einlagerungen überwachen, mit ihren Wägelchen mit den Saatgutproben auf einer Eisbahn in Richtung Tresorraum schlittern müssen, wenn das Tauwasser am Tunnelboden gefriert. Schließlich werden mehrfach im Jahr neue Saatgutlieferungen geschickt, die in den Regalen im Berginneren verstaut werden müssen.

Der Geschäftsführer Fowler findet die für den Tresor geläufige Bezeichnung Doomsday Vault auch verkehrt. Es sei kein Tresor des Jüngsten Gerichts, keine Zeitkapsel, die auf den Untergang wartet, um dann die Welt zu retten.

Der Sommer war auch auf Spitzbergen zu warm.

Auch wenn das Saatgut in seinem Inneren ruht, der Tresor selbst pulsiert und hält am Leben, was lange vor Armageddon nicht verlorengehen darf: die biologische Vielfalt unserer Nutzpflanzen. "Aussterben beginnt, wenn Vielfalt verschwindet", sagt Fowler. Deswegen lagert nicht jeweils ein Korn oder Samen einer Nutzpflanzenart im Saatguttresor, sondern viele verschiedene Samen der jeweiligen Art.

Das hat einen einfachen Grund. Es reicht nicht, ein Maiskorn zu lagern und dann zu behaupten, Mais sei für alle Zeiten gesichert. Denn Mais, der im fruchtbaren Kongo-Delta wächst, hat andere genetische Eigenschaften als Mais, den Bauern in der ägyptischen Wüste auf kargen Ackerböden ziehen.

Armageddon kommt bestimmt

Mais für die Welt kann es nur dann zuverlässig geben, wenn die Pflanze widerstandfähig ist. Deswegen sammeln Genbanken Samen, die bei unterschiedlichen Temperaturen und Bodenarten gedeihen. Sollte sich das Klima tatsächlich drastisch ändern, hätte der Saatguttresor immer noch ein Samenkorn in petto, das bei glühender Hitze oder großer Kälte wachsen und - über einige Jahre vervielfältigt - dann wieder die Menschheit ernähren könnte.

Der Tresor muss nicht auf Armageddon warten. Er macht seinen Job längst, und er macht ihn gut, trotz Tauwasser im Eingangsbereich. Seit seiner Eröffnung 2008 wurde die Tresorkammer 232 Mal geöffnet, um neues Saatgut einzulagern. Das kommt in Kisten und Päckchen an, die Black Boxes genannt werden. Nur die Genbank, der das Saatgut gehört, weiß, was darin ist. Nur die Absendergenbank darf sich ihre versiegelte Box zurückschicken lassen.

Eine solche Rücksendung geschah zuletzt im Jahr 2016, um die Genbank des Zentrums für landwirtschaftliche Forschung in Trockenregionen in Beirut neu aufzubauen. 2012 war der Hauptsitz in Aleppo von Rebellen besetzt und schließlich geräumt worden. Zum Glück hatte das Zentrum vorgesorgt. Mehr als hunderttausend ihrer verschiedensten Saatgutvariationen lagerten im Tresor auf Spitzbergen. Nur deswegen konnte die gesamte Sammlung gerettet werden. Ähnliche kriegsbedingte Schicksale könnten anderen Genbanken drohen.

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