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Algen als Lebensmittel : Kleine Krümel ganz groß

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Die Firma Roquette Klötze GmbH & Co. KG produziert Algen in Gewächshäusern und bietet diese als alternative Nahrungsmittel an. Bild: Klötze

Als Lebensmittel und Nahrungsergänzung gewinnen Algen an Bedeutung – wie wichtig können sie angesichts der wachsenden Weltbevölkerung werden?

          Kulinarik kennt nur noch wenige Grenzen. In die entlegensten Winkel der Welt schwärmen die Köche aus, um doch noch irgendeine Zutat zu entdecken, die bislang im Verborgenen geblieben ist. Nun, die Besuchszahlen Sachsen-Anhalts halten sich diesbezüglich in überschaubaren Grenzen. Zu Unrecht, wie man sagen muss. Das Sachsen-Anhalt-Lied gibt kleine Hinweise, womit der Besucher zu rechnen hat, wenn er sich auf die Reise in das flächenmäßig von der Landwirtschaft dominierte Bundesland begibt. Die fruchtbare Börde, die Saalekirschen wie auch der Wein aus dem Unstruttal finden allesamt Erwähnung. Konsequent verschwiegen werden die in Klötze kultivierten Algen. In dem 10000-Seelen-Dorf steht, rund 150 Kilometer Luftlinie von der Küstenlinie entfernt, eine der weltweit größten Algenfarmen. In einem System aus 500 Kilometer langen Glasröhren werden dort Mikroalgen angebaut, die für die Kosmetik- und Nahrungsmittelindustrie geerntet und aufgearbeitet werden.

          „Wenn Sie hier mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurechtkommen wollen, sind Sie aufgeschmissen“, sagt Jörg Ullmann, Biologe und Geschäftsführer der Algenfarm in der Altmark. Der 44-Jährige weiß, dass Algen in der allgemeinen Wahrnehmung grün und glitschig sind und in erster Linie im Verdacht stehen, Strandgästen den Aufenthalt zu verderben. Für ihn sind Algen weitaus mehr. Für ihn sind sie die Zukunft. „Als wir hier vor 15 Jahren angefangen haben, kannte das in Europa niemand. Es gab nur ein paar Gesundheitsfanatiker, die hatten Algen bereits auf dem Schirm.“

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          Um die erste Blockade im Kopf seiner Gäste zu lösen, hat Ullmann ein paar Zutaten bereitgestellt. Bananen, Kokosmilch, Wasser, blaues Pulver, das aus Spirulina-Algen gewonnen wurde. All das kommt mit Augenmaß dosiert in einen Standmixer. Tatsächlich schmeckt der blaue Smoothie, den er anrührt, lecker – ob trotz oder wegen der Algen, man weiß es nicht. „Die Landwirtschaft, wie wir sie kennen, hat eine Kulturgeschichte. Vor über zehntausend Jahren hat sie begonnen – das Ergebnis ist das, was wir heute sehen“, sagt Ullmann. „Algen werden erst seit rund 60 Jahren erforscht. Wir stehen in der Entwicklung noch ganz am Anfang.“

          Die konventionelle Landwirtschaft hat mit vielen Problemen zu kämpfen, zunehmende Trockenheit, Bodenerosion, Verlust von Nährstoffen, Belastung durch Dünger und Pestizide. Es stellt sich kaum mehr die Frage, ob, sondern wie lange die Landwirtschaft, so, wie sie gegenwärtig betrieben wird, die Menschheit ernähren kann. „Die Meere spielen bei der Suche nach Antworten eine immer größere Rolle“, sagt der Biologe.

          Meeresalgen gelten als eine der ältesten Lebensformen der Erde. Dadurch, dass sie Photosynthese betreiben und Kohlendioxid verarbeiten, sind sie nicht nur ein wichtiger Kohlenstoffspeicher und dämpfen damit die globale Erwärmung, sie sorgen seit etwa zweieinhalb Milliarden Jahren auch dafür, dass Sauerstoff in unsere Atmosphäre gelangt. Eine herausragende Bedeutung haben sie zudem für das Leben in den Ozeanen: In der Nahrungskette aller Wasserlebewesen stehen sie an erster Stelle. Plankton, Krebse, Fische und Wale – sie alle sind auf die Proteine, Kohlenhydrate und mehrfach ungesättigten Fettsäuren, die Algen liefern, angewiesen.

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          Race to Feed the World ist ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.faz.net/feedtheworld