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Pränataldiagnostik : Ich wollte nicht abtreiben

  • Aktualisiert am

Für Sie hat der Abbruch nicht Leid verhindert, sondern Leid geschaffen.

Auch das wird tabuisiert: Dass viele Frauen unter einem Abbruch leiden. Für alle ist es traumatisch und mit Depressionen verbunden, die manchmal erst Jahre später auftreten. Ich wurde von meiner Ärztin mit dem Satz abgespeist: Die Ambivalenz wird bleiben.

Sie mussten für den Abbruch das Kind schließlich doch gebären, ein quälend langer Prozess von sechs Tagen. Als Leser kann man das kaum ertragen und nicht fassen: Wieso lässt sie das mit sich machen?

Niemand hat mich festgebunden. Man kann schwer beschreiben, wie sich das anfühlt.

Sie beschreiben, dass sich Ihr Körper gegen den Abbruch gewehrt hat. Oder Ihre Seele durch den Körper.

Ja. Aber ich hatte mich ausgeliefert. Ich hatte überhaupt keine Orientierung mehr. Ich war überfordert und allein. Diese Ohnmachtsgefühle sind unbeschreiblich.

Die Frage Ihres Buches ist: Wie konnte das passieren?

Ja, wie konnte ich das zulassen?

Das Wort Reue kommt in Ihrem Buch nicht vor, aber es ist klar, dass Sie den Abbruch später bereut haben.

Ich habe ihn von Anfang an bereut. Ich hatte durchgängig das Gefühl, ich mache mich schuldig. Aber weder mein Verstand noch meine Gefühle konnten mir helfen.

Sie hatten die Verbindung zu Ihren Gefühlen verloren.

Es geht um die Tötung eines Kindes. Körper und Seele einer Schwangeren sind darauf ausgerichtet, das Kind zu schützen. Zu unterschreiben, dass das Kind abgetrieben werden soll, und selber dazu beizutragen, dass das Kind getötet wird, ist kaum auszuhalten.

Spielte für Sie Religion eine Rolle?

Es war eine Frage, die mit meinem Selbstbild und meinen Werten zu tun hat, mit meiner Haltung zu Verantwortung. Ich hätte nicht gedacht, dass ich an dieser Stelle schwach werden könnte.

Sie benutzen im Buch das Wort „Scham“.

Es ist die Scham, trotz dieser Werte nicht die Kraft gehabt zu haben, mein Kind zu schützen.

Sind Sie gegen das Recht auf Abtreibung?

Nein, ich weiß, wie viele Frauen dafür gekämpft haben. Ich bin dafür, dass Frauen autonome Entscheidungen treffen. Aber aus dem Zwang, ein ungewolltes Kind auszutragen, ist der Zwang geworden, sich den Methoden der Pränataldiagnostik auszusetzen und sich gegen diese Kinder zu entscheiden. Wenn neunzig Prozent der Kinder mit Down Syndrom abgetrieben werden, heißt das nicht, dass das in allen Fällen wirklich der Wunsch der Eltern ist.

„Mein Bauch gehört mir“ - das stimmt heute auf eine andere Weise nicht mehr.

Mein Bauch muss mir auch gehören, wenn ich ein Kind behalten will. Aber vielleicht ist die Befürchtung, Abtreibung könne wieder unter Strafe gestellt werden, bis heute so groß, dass jede Diskussion darüber, dass Pränataldiagnostik nicht immer im Sinne der Frauen ist, abgeblockt wird.

Frauen tragen doch selbst dazu bei, indem sie diese Selbstbestimmung wie eine Monstranz vor sich her tragen. Ich bezweifle, dass die Entscheidungen von Frauen so autonom sind, wie sie glauben.

Es sind ja hier nicht staatliche Stellen, die etwas vorschreiben. Aber es gibt gesellschaftliche Kräfte, die auf Frauen einwirken, damit sie so entscheiden. Dazu gehört implizit auch der Hinweis auf die gesellschaftlichen Kosten eines behinderten Kindes. Es gibt Berechnungen darüber, was ein Kind mit Down Syndrom die Gesellschaft kostet, inklusive Produktionsausfall. Und nicht zu vergessen: der Produktionsausfall der Mutter. All das ist im persönlichen, intimen Raum der Schwangeren wirksam.

Wir leben ja auch in einer Leistungsgesellschaft. Es gibt einen Druck, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Ein behindertes Kind ist eine nicht erbrachte Leistung.

Leistung bedeutet auch Anpassung an äußere Anforderungen. Um sich der Pränataldiagnostik zu verweigern, muss man aber extrem widerständig sein. Man muss - aus einem von Anpassung bestimmten Alltag heraus - begreifen, dass es hier um Leben und Tod geht. Mit der Frage der Pränataldiagnostik ist man darum auch im Zentrum einer Kritik an der Leistungsgesellschaft, die immer weniger Toleranz für Schwache hat.

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