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Pränataldiagnostik : Ich wollte nicht abtreiben

  • Aktualisiert am

Wie kann es sein, dass Sie sich nicht zur Wehr setzen konnten? Sie waren doch eine gebildete, erfahrene Frau.

In meinem Beruf bin ich sehr durchsetzungsstark. Aber ich stand unter Schock, war in einem psychischen Ausnahmezustand. Mein Mann und ich hatten zunehmend das Gefühl: Wir müssen das erdulden.

Was hätten Sie gebraucht?

Beratung, einen einfühlsamen Umgang, jemanden, der andere Möglichkeiten aufzeigt. Ich wusste nicht genug über das Down Syndrom. Ich konnte nicht widerlegen, was die Ärzte mir sagten. Ich wusste auch nicht, dass sie vieles nur sagen, um sich selbst vor möglichen rechtlichen Folgen zu schützen.

Wurden Sie denn nicht an eine Beratung verwiesen?

Nein. Fachkräfte, die sich mit den seelischen Aspekten in der Medizin beschäftigen, werden von Ärzten oft geringgeschätzt. Deshalb ist es gut, dass die Novelle des Schwangerschaftskonfliktgesetzes von 2010 die Ärzte zur Beratung verpflichtet und auch dazu, auf Beratungsmöglichkeiten hinzuweisen.

Was wollte Ihr Mann?

Vor der Diagnose hatten wir täglich von unserem Sohn gesprochen. Wir hatten einen Namen für ihn und konkrete Pläne, wo das Bettchen stehen wird. Nach dem Feinultraschall stand für meinen Mann nicht mehr das Kind im Mittelpunkt, sondern ich als seine Frau, die er in Gefahr glaubte.

Ein Kind mit Down Syndrom gefährdet doch nicht das Leben der Mutter.

Das hatte der Arzt aber so gesagt. Denn die Begründung für den Abbruch darf nicht sein, dass das Kind behindert ist. Das ist das Ergebnis der Reform des Paragraphen 218 von 1995. Dort wurde die embryopathische Indikation durch die medizinische ersetzt. Seitdem geht es darum, was ein behindertes Kind für die Frau bedeutet. Eine medizinische Indikation ist gegeben, wenn der Arzt davon ausgeht, dass Gefahr für Leben oder Gesundheit der Frau besteht.

Das hat dazu geführt, dass heute 90 Prozent der Kinder mit Down Syndrom abgetrieben werden.

Heute ist üblich, dass die Diagnose Down Syndrom automatisch zu einer medizinischen Indikation führt. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich besser verstanden, warum der Arzt behauptete, mein Leben sei in Gefahr. Die Diagnose Trisomie 21 wird umgedeutet in einen Notfall für die Frau. Im Gendiagnostikgesetz wurde die Nackenfaltenmessung, der Ultraschall, der für mich so verhängnisvoll war, gegen den Wunsch der Ärzte als gendiagnostische Untersuchung eingestuft. Es ist eine rein diagnostische Untersuchung für einen Befund, der nicht auf eine Therapie zielt, sondern in eine medizinische Indikation für eine Abtreibung führt.

Warum haben Sie sich nicht Zeit genommen, um zu sich zu kommen und zu erkennen, was Sie wirklich wollen?

Ich stand auch unter dem Druck, schnell zu entscheiden. Man sagte mir, dass der Abbruch sonst nur noch als Geburtsvorgang möglich wäre. Da bekam ich Angst. Es erschien als einziger Trost, dass ich das Kind gar nicht mehr zur Welt bringen müsste.

Sie erheben in Ihrem Buch schwere Vorwürfe gegen die Ärzte. Fällt es Ärzten schwer, sich diesen Fragen zu stellen?

Ein schwieriges Thema. Im Deutschen Ärzteblatt heißt es: Pränatalmediziner sind die einzigen Vertreter unter Ärzten, die mit juristischen Folgen rechnen müssen, wenn der ihnen anvertraute Patient nicht im gegebenen Zeitraum getötet wird.

Aber es sind Eltern, die diese Prozesse anstrengen.

Andere Eltern leiden darunter, dass es diese Prozesse gibt. Bei der Recherche für mein Buch habe ich festgestellt, dass der Wunsch von Frauen, ihr Kind abzutreiben, von Ärzten nicht genügend hinterfragt und der Wunsch, nicht abzutreiben, nicht genügend unterstützt wird.

Vielleicht sind die Ärzte mit der Verantwortung überfordert, gerade weil sie es eigentlich nicht als ihre Aufgabe ansehen zu töten.

Die Verantwortung wird hin und her geschoben. Natürlich sind die Frauen verantwortlich. Aber Sie haben, auch wenn Sie Akademikerin sind, sehr schnell das Gefühl, von den medizintechnischen Prozessen überrollt zu werden. Pränataldiagnostik ist schließlich auch ein Geschäft.

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