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Zwei Jahre Papst Franziskus : Der populäre Provokateur

Was ist das Geheimnis seiner Popularität? Papst Franziskus auf einem Plakat in Neapel Bild: dpa

Er provoziert, er polarisiert. Aber vereinnahmen lässt Franziskus sich nicht. Das gläubige Volk hält zu diesem Papst. Bis jetzt.

          Das renommierte Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center wollte es jüngst wieder wissen: Wie schon oft seit den frühen Tagen von Johannes Paul II. fragte es die amerikanischen Katholiken nach ihren Ansichten über den Papst. Das Ergebnis scheint sogar die erfahrenen Meinungsforscher überrascht zu haben.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Erst im Herbst hatte Pew für Papst Franziskus Zustimmungsraten ermittelt, die alle Werte für Papst Benedikt übertrafen und sich mit denen für Papst Johannes Paul II. messen konnten. Und nun hat der Papst aus Argentinien mit der Jahrhundertgestalt aus Polen sogar gleichgezogen. Mehr noch: Niemals zuvor haben sich so viele amerikanische Katholiken uneingeschränkt positiv über ihr geistliches Oberhaupt geäußert, und zwar unabhängig von ethnischer Herkunft, politischem Standpunkt und Stärke der Kirchenbindung.

          Zu erwarten war dieser Befund nicht. Zwar war seit der letzten Umfrage bekanntgeworden, dass Franziskus eine Schlüsselrolle bei der Annäherung zwischen Präsident Obama und dem Castro-Regime auf Kuba gespielt hatte. Doch ist dieser Schritt bis heute innenpolitisch umstritten, so dass Franziskus nicht nur mit Beifall rechnen konnte. Durchaus zwiespältig aufgenommen wurde in Amerika auch die ihrerseits ambivalente, mit massiver Kritik durchsetzte Ansprache an die Mitarbeiter der Römischen Kurie, die Franziskus zum Abschluss der Adventszeit gehalten hatte. Dann kam zu Beginn des neuen Jahres die Kaskade spontaner, aber höchst missverständlicher Einlassungen über religiös motivierte Gewalt („meine Mutter...“), das Fortpflanzungsverhalten von Katholiken („Karnickel“) und körperliche Züchtigung von Kindern („nicht ins Gesicht“). Auch in den Vereinigten Staaten schwankten die Reaktionen zwischen Erheiterung und Irritation. Im Februar hätte die Stimmung endgültig umschlagen können. Zum zweiten Mal ließ Franziskus die amerikanischen Bischöfe bei der Ernennung neuer Kardinäle links liegen – und das, obwohl er im September in die Vereinigten Staaten reisen wird.

          Doch nichts da! Zwei Jahre nach seiner Wahl steht Franziskus unter den Katholiken in höherem Ansehen denn je, und das nicht allein in den Vereinigten Staaten. Umfragen aus dem vergangenen Jahr deuten darauf hin, dass Franziskus in Europa und in weiten Teilen Lateinamerikas mindestens so populär ist wie in den Vereinigten Staaten – nicht nur unter den Katholiken, sondern auch bei anderen Christen, ja selbst bei der Bevölkerung im Allgemeinen. In Asien dürfte seine Popularität nach seiner Reise im vergangenen Jahr nach Korea und neulich nach Sri Lanka und auf die Philippinen gleichfalls gestiegen sein.

          Was ist das Geheimnis dieser Popularität? Die Volkstümlichkeit des Argentiniers, der mit Worten und Gesten immer wieder an der Schwelle zum Populismus agiert, dürfte nicht der einzige Grund sein. Ohne Zweifel sprengt Franziskus viele Konventionen: mit seinem antikurialen Lebensstil, der direkten Sprache, dem Bestehen auf Barmherzigkeit und Freimut sowie mit vielen kleinen und großen Gesten wie jüngst der Beerdigung eines Obdachlosen im Vatikan. Ohne Zweifel verfügt er über ein starkes Charisma, darin seinem Vorvorgänger Johannes Paul II. ähnlich.

          Wie Jorge Mario Bergoglio von seinem Charisma Gebrauch macht, entzweit die Gemüter. Im Unterschied zu seinen Vorgängern scheint sich der Papst mit verständnisvollen Bemerkungen über Homosexuelle oder Geschiedene westlich liberalen Kirchenreformern anzudienen. Zudem könnten die sich durch seine Kritik an Klerikalismus und kurialer Selbstbezogenheit in ihrem antirömischen Affekt bestärkt sehen, der sie schon immer gegen Lehramt und Tradition eingenommen hat.

          Wer nun aber die Kirche vor einem Kulturkampf von oben sieht, der dürfte auf dem Holzweg sein. In jedem seiner Interviews hat Franziskus erkennen lassen, dass er sich jeder Anpassung der Tradition an postmoderne Gesellschaftsentwürfe verweigern werde. Das gilt selbst für die Vereinnahmung der globalen Kirche durch die großen abendländischen Erzählungen von der Menschheitsgeschichte als einer Geschichte immer größerer Freiheit und wachsenden Wohlstands für alle.

          „Gender“-Theorien hält er für verwerflich, die Priesterweihe für Frauen lehnt er ab; unter den vielen Facetten der Globalisierung, die in den vergangenen Jahrzehnten mehr Menschen aus der Armut befreit hat, als alle Entwicklungsprogramme es je vermocht hatten, sind ihm nur die Schattenseiten eine Betrachtung wert. Dass Franziskus Europa gar der Unfruchtbarkeit zeiht, macht das Maß der Fremdheit und des Befremdens noch nicht voll.

          Vereinnahmen lässt dieser Papst sich nicht. Niemand kann sicher sein, dass Franziskus nicht auch ihm den Spiegel dessen vorhält, was er für die unaufgebbare Botschaft des Evangeliums hält. Das muss provozieren, das muss polarisieren. So hielten es im Namen Gottes einst die Propheten. Am Ende hatten es sich die meisten mit allen verscherzt. Bis jetzt hat Papst Franziskus „nur“ große Teile der vatikanischen Kurie gegen sich aufgebracht. Bergoglio hält es, wie seit Jahrzehnten, mit dem „pueblo fiel“ – dem gläubigen Volk. Bis jetzt hält es zu ihm.

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