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Zwangsehen in Großbritannien : Tanzt nicht aus der Reihe!

  • -Aktualisiert am

Zwangsehe, Menschenhandel: Muslimische Frauen im Londoner Stadtteil Whitechapel Bild: dpa

In England greift die Ehrengewalt um sich. Junge Muslimas werden verkauft und zwangsverheiratet, junge Männer als Arbeitssklaven missbraucht. Von den Behörden kommt kaum Hilfe: Dort arbeiten viele gleichgesinnte Einwanderer.

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          Saamiya ist noch einmal davongekommen. Um ein Haar wäre die sechzehn Jahre alte, pakistanischstämmige Britin eines von den vielen Mädchen geworden, die jedes Jahr aus England in die Heimat der Eltern verschleppt werden - und spurlos verschwinden. Weil ihre Eltern herausfanden, dass Saamiya einen Freund hatte, brachten sie das Mädchen am 20. Juli vor einem Jahr von Birmingham nach Pakistan. Einen Tag später wurde sie verheiratet.

          Gegenwehr war zwecklos, erzählt sie später: „Während der islamischen Zeremonie stand mein Vater hinter mir. Eine Hand hatte er auf meiner Schulter, in der anderen hielt er eine Pistole, die auf meinen Rücken zielte, damit ich nicht ,nein' sagte.“ Zum Glück für Saamiya hatte in Birmingham jemand die Behörden alarmiert. Beamte der Forced Marriage Unit - die Abteilung gegen Zwangsheirat wurde vor drei Jahren im Außenministerium gebildet - brachten das Mädchen nach England zurück.

          Bedrückende Geschichten

          Saamiyas und viele andere bedrückende Geschichten stehen in einer neuen britischen Studie über „Gemeinschaftsverbrechen - Ehrengewalt in Großbritannien“. Herausgegeben hat sie das „Center for Social Cohesion“ - Zentrum für Sozialen Zusammenhalt -, in dessen Beirat ein ehemaliger Erzbischof von Canterbury und der aus Pakistan stammende Lord-Bischof von Rochester, Michael Nazir-Ali, sitzen. Die Autoren, James Brandon und Salam Hafez, sind beide Journalisten mit Mittelost-Expertise. Die Studie beschreibt, wie mitten in England mittelöstlich-islamische Vorstellungen von Ehre und religiöser Überlegenheit Platz greifen. Als Folge, schreiben sie, „werden in Großbritannien jeden Tag Frauen von ihren Familien mit physischer Gewalt, Vergewaltigung, Mord, Verstümmelung, Entführung und Zwangsheirat bedroht“.

          Ehrenverbrechen geschehen unter pakistanischen, kurdischen, arabischen, türkischen und iranischen Einwanderern, auch unter indischen Sikh, heißt es in der Studie. Immer geht es dabei um die Beherrschung der Frauen, um Identität und Abgrenzung von der britischen Mehrheitsgesellschaft. Dazu kommt das Scharia-Gebot, das Musliminnen strikt verbietet, einen Nichtmuslim zu heiraten. Die Zwangsehe ist auch der Ausgangspunkt aller Ehrengewalt bis hin zum sogenannten Ehrenmord. Opfer sind fast immer junge Frauen, die sich gegen eine Zwangsverheiratung wehren oder aus einer Zwangsehe entkommen wollen.

          Per Telefon verheiratet

          Der neunzehnjährigen Latifa gelang die Flucht. Aber den Preis dafür zahlt nun ihre kleine Schwester: „Ich sollte den Sohn meiner Tante heiraten. Aber weil ich weggerannt bin, gaben sie ihm stattdessen meine Schwester. Jetzt ist sie in Pakistan. Sie ist 16 und sie ist schwanger.“ Fast noch schlimmer als entführten jungen Britinnen geht es Bräuten, die in umgekehrter Richtung aus Pakistan nach England verheiratet werden. Eine Fünfzehnjährige wurde per Telefon mit einem 40 Jahre alten Pakistaner in Sheffield verheiratet. Der Mann war geistig behindert, und die Schwiegerfamilie zwang das Mädchen in England zur Prostitution.

          Auch junge Männer aus Pakistan trifft das Schicksal der Zwangsheirat: Schwiegerfamilien setzen die oft analphabetischen Opfer in England als Sklaven- und Billigarbeiter ein. Mit der Zwangsehe floriert so im 21. Jahrhundert zwischen Großbritannien und Pakistan der Menschenhandel.

          Fünftausend „Ehrenmorde“

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