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Zuspitzung : Atomwaffen: Nordkorea kündigt Sperrvertrag

  • Aktualisiert am

Düstere Aussichten auf der koreanischen Halbinsel Bild:

Konfrontation oder der Versuch, Zugeständnisse vom Westen zu erhalten? Nordkoreas Entscheidung ist auf breite internationale Kritik gestoßen.

          3 Min.

          Nordkorea hat sich mit sofortiger Wirkung aus dem Atomwaffensperrvertrag (NPT) zurückgezogen, der die Verbreitung von Atomwaffen verbietet. Nicht nur der amerikanische Präsident George W. Bush hält diesen Schritt für Besorgnis erregend.

          Bush und Chinas Präsident Jiang Zemin hätten die Lage am Telefon erörtert und seien sich in dieser Bewertung einig, sagte ein Sprecher des Präsidialamts am Freitag in Washington. „Der Präsident (Bush) hat betont, dass die Vereinigten Staaten keine feindlichen Absichten gegenüber Nordkorea hegen und eine friedliche, multilaterale Lösung des Problems suchen, das durch den nordkoreanischen Schritt hervorgerufen wurde.“

          Nordkorea lässt keine Kontrolleure einreisen

          Nordkorea habe jedoch nicht vor, Atomwaffen herzustellen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur KCNA am Freitag. Die Regierung weise zudem Forderungen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zurück, wieder Kontrolleure ins Land zu lassen. Experten sprachen von einem Versuch des Landes, vom Westen Zugeständnisse zu erhalten. Im amerikanischen Bundesstaat New Mexico fanden Gespräche zwischen Vertretern der USA und Nordkoreas zu dem Streit über die Wiederaufnahme des nordkoreanischen Atomprogramms statt.

          „Der Rückzug aus dem NPT ist eine legitime Maßnahme zur Selbstverteidigung gegen die Schritte der USA, Nordkorea zu unterdrücken und das unzumutbare Verhalten der IAEA, die den USA folgt", meldete KCNA. Die atomaren Bestrebungen des Landes gälten ausschließlich friedlichen Zwecken wie der Stromerzeugung. Der Atomwaffensperrvertrag war 1968 von den Vereinten Nationen (UN) gebilligt worden. Er soll die Verbreitung von Atomwaffen, ihre Beschaffung oder ihre Herstellung durch Staaten zu verhindern, die bislang nicht über derartige Waffen verfügen.

          Japan: "Überaus besorgt"

          Ein Sprecher des japanischen Außenministeriums äußerte sich „überaus besorgt“. Tokio verlange, dass Pjönjang seine Entscheidung widerrufe, erklärte Kabinettssekretär Yasuo Fukuda. Südkoreas Regierung rief am Morgen ihren Nationalen Sicherheitrat zusammen. Der Yen fiel zum Euro auf den tiefsten Stand seit dreieinhalb Jahren, der Won fiel gegenüber dem Dollar und südkoreanische Aktien brachen als Reaktion auf den Rückzug ein.

          Das südkoreanische Fernsehen zitierte nordkoreanische Diplomatenkreise in Peking mit der Aussage, Nordkorea werde seinen Rückzug aus dem Vertrag überdenken, wenn die USA ihre Öl-Lieferungen an Nordkorea wieder aufnähmen. Einzelheiten wurden nicht genannt. Der Nordkorea-Experte Brad Glosserman vom Pacific Forum CSIS sagte, die kommunische Regierung wolle Zugeständnisse gewinnen. „Nordkorea verbreitet immer die hysterischste Rhetorik und nimmt die unnahbarste Position ein, kurz bevor sie einer Vereinbarung zustimmen", sagte er.

          Internationale Kritik

          Frankreich verurteilte die nordkoreanische Haltung. Pjöngjang habe eine „ernste, folgenschwere Entscheidung“ getroffen, über die im UN-Sicherheitsrat beraten werden müsse, sagte der französische Außenminister Dominique de Villepin bei einem Besuch in Schanghai. Diese Entwicklung unterstreiche die „Notwendigkeit und Dringlichkeit einer internationalen Mobilisierung“. Paris werde sich in den kommenden Stunden mit den Partnern im Sicherheitsrat, aber auch Südkorea und Japan beraten. Frankreich gehört zu den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats. Am 1. Januar übernahm Paris die monatlich wechselnde Präsidentschaft.

          Australien kündigte die Entsendung einer Delegation nach Nordkorea an. Sein Land habe ein „wesentliches Interesse“ an einer „konstruktiven diplomatischen Lösung“, sagte Außenminister Alexander Downer.

          Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi sollte am Freitag mit Russlands Präsident Wladimir Putin in Moskau sprechen. In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul wurde Frankreichs Außenminister Dominique de Villepin erwartet. Australien kündigte an, in der kommende Woche eine Delegation nach Pjöngjang schicken zu wollen.lexander Downer. Südkorea berief seinen Nationalen Sicherheitsrat zu einer Dringlichkeitssitzung ein.

          Zweite Kündigung nach 1993

          Nordkorea hatte bereits einmal im März 1993 einen Rückzug aus dem Vertrag angekündigt, diesen jedoch später zurückgenommen. Das Land verpflichtete sich dann 1994, sein Atomprogramm einzumotten. Im Gegenzug sicherten mehrere Staaten zu, dem Land Heizöl zu liefern und Atomreaktoren zu bauen, die nicht zur Herstellung von Atomwaffen benutzt werden können. Nordkorea hatte nach US-Angaben jedoch im vergangenen Jahr eingestanden, sein Atomprogramm heimlich fortgesetzt zu haben. Die USA und die EU stellten daraufhin ihre Öl-Lieferungen ein, worauf Nordkorea mit der Reaktivierung eines stillgelegten Atomreaktors begann.

          Am Donnerstagabend traf sich der ehemalige UN-Botschafter der USA und jetzige Gouverneur von New Mexico, Bill Richardson, in Santa Fe mit zwei Diplomaten aus Nordkorea. Ein Sprecher Richardsons bezeichnete die zweistündigen Gespräche als „offen und herzlich", nannte jedoch keine Einzelheiten. Ein weiteres Treffen sei für Freitag geplant. Der Demokrat Richardson hatte in den 90er Jahren zwischen beiden Staaten vermittelt. Die USA und Nordkorea unterhalten keine diplomatischen Beziehungen.

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