https://www.faz.net/-gpf-8ss5j

Neue Volkskrankheit : Nach dem Burnout kommt jetzt der Freakout

  • -Aktualisiert am

Einfach mal ausflippen – wie Donald Duck Bild: mauritius images

Sind Sie kurz vorm Durchdrehen? Das „Freakout-Syndrom“ ist im Anmarsch. Die wichtigsten Fakten zur neuen Volkskrankheit, und wie Sie sich am besten schützen können.

          Burnout war gestern. Wir leben in Zeiten des Freakout. Bald werden Menschen, die am Freakout-Syndrom leiden, sich bei der Arbeit krankmelden. Psychologen werden Artikel darüber in Fachmagazinen veröffentlichen. Wikipedia-Nutzer werden einen Artikel zum Freakout anlegen: Geschichte, Symptome, Ursachen, Behandlung, volkswirtschaftliche Bedeutung von Freakout.

          Der Name kommt aus dem Englischen: „to freak out“, ausflippen, durchdrehen. Ein Freakout ist ein Zustand der totalen Aufregung, ein völliges Entbranntsein. Anders als der Burnout, den es im 19.Jahrhundert schon unter dem Namen Neurasthenie gab, ist der Freakout ein modernes Phänomen. Natürlich haben Menschen sich auch früher schon aufgeregt. Aber sie haben sich auch wieder abgeregt. Den Freakout gibt es erst, seit es soziale Netzwerke und Kommentarforen gibt.

          Was geschieht dort? Dazu ein Gedankenexperiment: Man stelle sich einen Topf vor, in dem viele Frösche in lauwarmem Wasser sitzen. Die Wassertemperatur erhöht sich, sobald die Sonne auf den Topf scheint. Aber schon wenn sie am Himmel aufgeht, meldet ein Frosch „Bald werden wir gekocht“, der nächste „Ich glaube, ich werde jetzt schon gekocht“, und der nächste „Bevor ihr gekocht werdet, werde ich gekocht, denn meine Haut ist zarter“. Anders als in vergleichbaren wissenschaftlichen Experimenten sitzen die Frösche hier freiwillig im Topf. Sie könnten auch im Schatten eines kühlen Blattes der Sonne trotzen, doch im Topf ist mehr los. Mehr Frösche lauschen, aber mehr quaken auch. So viel zur Ausgangslage. Nun zurück zum Menschen.

          Anschwellendes Beschwören größter Gefahren

          Zum Freakout kommt es, wenn ein Mensch sich dem anschwellenden Beschwören größter Gefahren durch eine Gruppe nicht rechtzeitig entziehen kann oder will. Eine Gefahr ist im Prinzip vieles. Manches erscheint Unbeteiligten halb so schlimm. Ein historisches Beispiel mag das belegen. Vor vier Jahren schrieb eine Journalistin im „Stern“ über den FDP-Politiker Rainer Brüderle. Der Text begann so: „Für mich ist es nicht immer angenehm, 29 Jahre alt zu sein, eine Frau und Politikjournalistin. Das liegt an Männern wie Rainer Brüderle.“ Die Frau schilderte den vermeintlichen Sexisten als existentielle Zumutung. Feministinnen erfanden auf Twitter den Hashtag „Aufschrei“ und sammelten Aufschreie. Einige Monate später kommentierte Bundespräsident Gauck die Affäre als „Tugendfuror“. Feministinnen warfen ihm auf Twitter und brieföffentlich vor, Frauenwut abzuwerten. Vor ein paar Monaten blickte die Journalistin, die den Artikel über Brüderle geschrieben hatte, ernüchtert zurück: „Die starke Polarisierung in der Debatte verhinderte, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Positionen einfach mal zuhörten.“ Wissenschaftler werden dereinst erforschen, ob es im Zuge dieses Aufschreis, der kein Furor sein wollte, zur ersten Häufung von Freakout-Fällen bei deutschen Twitter-Nutzern kam. Möglich wär’s.

          Doch verbietet sich der Schluss, das Freakout-Syndrom träfe vorwiegend Frauen. Wer aktuelle Freakout-Zustände untersucht, erkennt, dass Männer gleichermaßen betroffen sind. Auch trifft es Linke wie Rechte. Gemeinsam ist allen Fällen, dass sie sich an politischen Themen entzünden. Der Freakout ist ein politisches Syndrom.

          Die Symptome sind mit Erregung und verminderter Leistungsfähigkeit unspezifisch. Im Kern steht das Gefühl, einer Gefahr ausgeliefert zu sein, deren Größe sich daran bemisst, wie laut man sie beschreit. Dies scheint zunächst schwer zu begreifen. Und ist es letztlich auch. Zur Veranschaulichung ein aktuelles Beispiel.

          Weitere Themen

          Boris Johnson trifft Kanzlerin Merkel Video-Seite öffnen

          Livestream : Boris Johnson trifft Kanzlerin Merkel

          Am Mittwoch wird der neue britische Premierminister Boris Johnson zu seinem ersten Staatsbesuch in Berlin erwartet. Verfolgen Sie das Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Livestream auf FAZ.NET

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.