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Kritik des Klerikalismus : Die drohende Entfremdung der Kirche von ihren Gläubigen

  • -Aktualisiert am

Entfremdung von den Gläubigen? Bischöfe beten beim Eröffnungsgottesdienst der traditionellen Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. (Symbolbild) Bild: dpa

In ihrem Abwehrkampf hat die katholische Kirche sich der Moderne entfremdet. Das droht auch mit ihren Gläubigen zu passieren. Der sexuelle Missbrauch und dessen systematische Vertuschung wirken wie Brandbeschleuniger. Ein Gastbeitrag.

          13 Min.

          Was genau meint „Klerikalismus“? Entstanden ist das Wort als polemische Fremdbezeichnung für die Aktivität der katholischen Kirche vor allem im Einflussbereich des französischen Laizismus. Es findet sich aber auch in protestantischen Diskursen. In der Tat hatte die katholische Kirche im Hochmittelalter den bis dahin erheblichen Einfluss von „Laien“, konkret von weltlichen Herrschern, auf ihre internen Verhältnisse erfolgreich eliminiert und die Führung der Kirche auf allen Ebenen – von der Universalkirche bis zur örtlichen Kirchengemeinde – geweihten Klerikern anvertraut.

          Kirchenrechtlich wurden Kleriker erheblich privilegiert, bis dahin, dass sie sich vor keinem weltlichen Richter verantworten mussten. Erst das II. Vatikanische Konzil und die darauf folgenden Reformen des Kirchenrechts haben auch den Laien einen eigenständigen Status in der Kirche zurückgegeben. Insoweit ist die Gleichsetzung von kirchlichen und klerikalen Aktivitäten ohne jede Polemik zum mindesten bis zum II. Vatikanum plausibel. Mit deren Bezeichnung als Klerikalismus ist allerdings die Bestreitung kirchlicher Ansprüche verbunden: Klerikalismus und Antiklerikalismus wurden zu Kampfbegriffen in den Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat.

          Als Selbstbezeichnung gewinnt Klerikalismus erst in jüngerer Zeit Bedeutung. Dabei wird das pejorative Moment beibehalten. Klerikalismus meint dann eine Übergriffigkeit kirchlicher Ansprüche in weltliche Bereiche, was die Anerkennung der Eigenwertigkeit dieser Bereiche voraussetzt, wie sie erst vom II. Vatikanischen Konzil anerkannt wurde.

          Die Essays des Ressorts „Die Gegenwart“ gibt es auch zum Hören, gleich hier auf FAZ.NET – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diesen Text von Franz-Xaver Kaufmann.

          Wo deren legitime Grenzen liegen, ergibt sich allerdings nicht schon aus dem Begriff. Immerhin zeugte die Übernahme des Kampfbegriffs in den kirchlichen Sprachgebrauch von einer wachsenden Sensibilität mit Bezug auf die Grenzen kirchlicher Deutungs- und Gestaltungsansprüche.

          Elitäre Einstellungen und Verhaltensweisen

          Das jüngste Aufgreifen des Wortes Klerikalismus durch Papst Franziskus hat allerdings eine andere Stoßrichtung. Für den Papst ist Klerikalismus eine kritikwürdige, im Klerus verbreitete Haltung oder Einstellung gegenüber den Laien innerhalb der Kirche, nicht im Verhältnis von Kirche und anderen gesellschaftlichen Gestaltungsbereichen. Der Papst versteht unter Klerikalismus „jene Haltung, die nicht nur die Persönlichkeit der Christen zunichte(macht), sondern dazu (neigt), die Taufgnade zu mindern und unterzubewerten, die der Heilige Geist in das Herz unseres Volkes eingegossen hat. Der Klerikalismus, sei er nun von den Priestern selbst oder von den Laien gefördert, erzeugt eine Spaltung im Leib der Kirche, die dazu anstiftet und beiträgt, viele der Übel, die wir heute beklagen, weiterlaufen zu lassen.“ (Schreiben an das Volk Gottes vom 20. August 2018)

          Diese theologisch fundierte Umschreibung lässt die soziale Dimension nur ahnen, doch wird der Papst an anderer Stelle seines Schreibens deutlicher: „Jedes Mal, wenn wir versucht haben, das Volk Gottes auszustechen, zum Schweigen zu bringen, zu übergehen oder auf kleine Eliten zu reduzieren, haben wir Gemeinschaften, Programme, theologische Entscheidungen, Spiritualitäten und Strukturen ohne Wurzeln, ohne Gedächtnis, ohne Gesicht, ohne Körper und letztendlich ohne Leben geschaffen. Das zeigt sich deutlich in einer anomalen Verständnisweise von Autorität in der Kirche – sehr verbreitet in zahlreichen Gemeinschaften, in denen sich Verhaltensweisen des sexuellen wie des Macht- und Gewissensmissbrauchs ereignet haben –, nämlich als Klerikalismus.“

          Klerikalismus meint hier erstens elitäre Einstellungen und Verhaltensweisen, in denen sich der Klerus als etwas Herausgehobenes, Besseres versteht, als die Laien. Klerikalismus meint zweitens den Gebrauch von Macht, um „das Volk Gottes auszustechen, zum Schweigen zu bringen, zu übergehen“. Klerikalismus meint drittens ein fehlgeleitetes Verständnis von Autorität, die sich in „Verhaltensweisen des sexuellen wie des Macht- und Gewissensmissbrauchs“ äußern. Letzteres verweist auf den aktuellen Kontext der Klerikalismuskritik: den öffentlich gewordenen massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, der geeignet ist, der Autorität und Vertrauenswürdigkeit der katholischen Kirche empfindlich zu schaden.

          Die Empörung über diese Sachverhalte hat zwei Dimensionen, die in der Diskussion oft vermengt werden: erstens den sexuellen Missbrauch und zweitens die jahrzehntelange, wenn nicht jahrhundertealte Praxis des Verschweigens und der Vertuschung derartigen Missbrauchs. Sexueller Missbrauch betrifft keineswegs den gesamten Klerus, sondern nur eine kleine, allerdings erhebliche Minderheit. Aufgrund der zugänglichen sporadischen Daten lässt sich schätzen, dass sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Klerus eine (möglicherweise auch regional unterschiedliche) Prävalenz zwischen 1,5 und 5 Prozent aufweist, was in etwa auch den Prävalenzraten der Männer in westlichen Bevölkerungen zu entsprechen scheint. Die konsequente Unterdrückung aller Informationen über derartige Verbrechen und der meist nachsichtige Umgang mit den Schuldigen ist dagegen ein Problem der gesamten Kleruskirche. Das ist das eigentliche kirchenpolitische Ärgernis, dessen Ursachen bisher wenig aufgearbeitet sind.

          Unterdrückung der Information über den Missbrauch fällt stark ins Gewicht

          Der päpstliche Vorwurf des Klerikalismus bezieht sich auf beide Sachverhalte. Es entspricht erstens der kirchlichen Tradition, dass Klerikern besondere Autorität zugesprochen wird, und diese steigert sich, sobald sie mit der Amtsautorität – etwa als Pfarrer oder Bischof – verbunden ist. Dementsprechend haben auch unsittliche Forderungen aus Klerikermund eine besondere Qualität, erst recht, wenn die lasterhafte Zumutung als erlaubt oder gar als Gottes Wille entsprechend ausgegeben wird. Die Asymmetrie im Verhältnis Klerus – Laien überwölbt die Asymmetrie zwischen Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen und verleiht ihr zusätzliches Gewicht.

          Noch weit stärker fällt die Autorität des Klerus mit Bezug auf die Unterdrückung der Informationen über den Missbrauch ins Gewicht: Missbrauchsopfer beklagen sich regelmäßig, dass ihren Aussagen nicht geglaubt worden sei. „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ – dies war bis vor kurzem nicht nur die Maxime der Klerikerkirche, sondern auch eine Wahrnehmungs- und Denkblockade für die meisten Laien. Die „Heiligkeit der Kirche“ sollte keinen Schaden nahmen, das war das Gebot der „Kirchenraison“ (Ernst-Wolfgang Böckenförde). Die Vertuschung betraf dabei meistens das gesamte Feld klerikaler Sexualität, wie denn überhaupt Verstöße gegen Normen der kirchlichen Sexualmoral in der Beicht- und Bußpraxis prinzipiell als schwerwiegend und damit potentiell als „Todsünde“ eingestuft wurden.

          Damit stoßen wir auf eine Schicht von Überzeugungen, welche der Einsicht in die besondere Schwere der Verführung von Kindern und Jugendlichen entgegenstanden. Da in der neuzeitlichen katholischen Moraltheologie jegliche freiwillige Aktualisierung des Sexualtriebs außerhalb der Ehe als „materia gravis“ galt, waren Unterschiede in der Gewichtung von Schuld nicht den Sachverhalten, sondern allenfalls den Eigenschaften der Sünder zu entnehmen. Ältere Bußkataloge unterscheiden zwar hinsichtlich der Höhe der Sündenstrafen, doch spielt dabei der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen keine herausgehobene Rolle, wohl aber der Geschlechtsverkehr mit Nonnen.

          Dass sexueller Umgang mit Kindern und Jugendlichen immer ein grundlegender Verstoß gegen die Einwilligungsfreiheit ist und schwerwiegende Entwicklungsstörungen verursachen kann, ist zwar erst eine rezente Einsicht. Sie hat sich aber im öffentlichen Bewusstsein mit großer Wucht durchgesetzt. Deshalb ist die Empörung so groß, und sie trifft die katholische Kirche infolge ihrer hohen sexualmoralischen Ansprüche mit besonderer Härte.

          Transformation des Christentums

          Mit Bezug auf die päpstliche Klerikalismuskritik ist die Missbrauchsdebatte zwar Anlass, aber keineswegs der Kern des Problems. Es geht vielmehr um die Aufarbeitung beziehungsweise Überwindung des gesamten zweiten Jahrtausends der okzidentalen Kirchengeschichte. Im Sinne einer groben Skizze: Gegen Ende des ersten Jahrtausends standen die lokalen Kirchen im Eigentum der jeweiligen Grundherren, die auch über die Besetzung kirchlicher Ämter entschieden. Die Kirche war weitgehend in das herrschende Lehensrecht eingebunden.

          Es war deshalb eine institutionelle Innovation, als im Jahre 909 das Kloster Cluny gegründet wurde, dem sein Gründer, der Herzog Wilhelm III. von Aquitanien, die Unverletzlichkeit des Klostergutes garantierte, ihm mit der Abtswahl das Recht zur Selbstverwaltung gewährte und es unmittelbar dem Papst unterstellte. Die dadurch ermöglichte Unabhängigkeit („Libertas“) wurde zum Modell für die Forderung nach „Libertas Ecclesiae“, welche mit der Wahl des den Cluniazensern nahestehenden Mönches Hildebrand zum Papst Gregor VII. (1073) zum gesamteuropäischen Kirchenprogramm wurde und in den Investiturstreit mündete. Spätestens mit dem Pontifikat von Innozenz III. (1198–1216) hatte sich die römisch-katholische Kirche ganz nach klerikalen Grundsätzen konsolidiert, wobei die Einführung des Pflichtzölibats für alle Kleriker eine formgebende Rolle spielte.

          Die Transformation des Christentums von einer gemeinschaftlich an der Basis gelebten Bewegung auf der Suche nach Vervollkommnung einerseits zu einer hierarchischen Institution der Gnadenverwaltung mit universalem Gehorsamsanspruch andererseits war ein langwieriger, über die Jahrhunderte zwischen Spätantike und Hochmittelalter ablaufender Prozess. Für Entfremdung zwischen der griechischen Ostkirche und der lateinischen Westkirche, die sich in dieser Epoche vollzog, wurde die Erbsündenlehre des Augustinus einflussreich. Ihre Verbreitung im Westen bildete die Grundlage für eine wachsende Abhängigkeit der Laien von der entstehenden Klerikerkirche, die schließlich ihren definitiven Ausdruck in der sakramentalen Individualbeichte fand. In dieser Übergangszeit spielten die zölibatär lebenden Mönchsorden eine große Rolle als gemeinschaftliche Form des Strebens nach christlicher Vollkommenheit. Mönche waren in der Regel keine geweihten Priester, aber aufgrund ihres guten Rufes Seelsorger, an die sich sündige Menschen mit der Bitte um Fürsprache bei Gott wandten. In diesem Kontext entstanden erste Formen des individuellen Sündenbekenntnisses und der Bußpraxis.

          Soziale Ausnahmestellung des Klerus

          Deren Transformation in ein kirchenrechtlich reglementiertes Sakrament, dessen Verwaltung geweihten Klerikern vorbehalten blieb, ist ein Schlüsselprozess in der Klerikalisierung der Kirche. Er vollzog sich im 12. Jahrhundert und gipfelte in den Vorschriften des IV. Laterankonzils (1215), denen zufolge jeder Getaufte mindestens einmal jährlich beichten und die Kommunion empfangen müsse. Etwa gleichzeitig wurde die bis dahin nur für das Mönchtum charakteristische Zölibatsverpflichtung auf alle Kleriker ausgedehnt und damit jener aparte Stand des Klerikers geschaffen, der in der Folge die lateinische Kirche geprägt hat.

          Bemerkenswert ist in unserem Zusammenhang die damals aufkommende Lehre, dass die Spendung der Sakramente unabhängig von der Würdigkeit des Spenders gültig sei. Auch ein selbst in Todsünde lebender Kleriker kann gültig die Eucharistie feiern oder Sünden vergeben. Das ist ein besonders deutliches Zeichen, wie sehr sich die kirchliche Institution von den ursprünglichen Ansprüchen des Christentums gelöst hat. In Auseinandersetzung mit der Einebnung des Unterschieds zwischen Klerus und Laien durch die Reformation verschärfte das Konzil von Trient die Sonderstellung des Klerus und regelte unter anderem dessen Ausbildung, wobei den Richtlinien des Konzils zum Teil erst im 19. Jahrhundert entsprochen wurde.

          Der Prozess der Klerikalisierung der katholischen Kirche ist somit eng mit ihrer Verselbständigung als weltweite Korporation verbunden. Insoweit als die Kirche gesellschaftlich prägend wurde, gewann der Klerus eine soziale Ausnahmestellung, die durch viele hierarchieinterne Mechanismen gestärkt wird. Im 19. Jahrhundert bis weit ins 20. hinein gewann der Klerus auch dank seiner akademischen Ausbildung Sozialprestige, doch entfällt dieser Vorteil heute infolge der allgemeinen Bildungsexpansion und fortschreitenden Akademisierung immer weiterer Tätigkeitsgebiete zunehmend. Das dürfte eine Ursache für die sinkende Attraktivität des Priesterberufs sein. Eine andere folgt aus dem Pflichtzölibat: Wo nur noch ein bis zwei Kinder die Regel sind, tun sich Familien schwer, auf potentiellen Nachwuchs zu verzichten und einen Sohn „Gott zu schenken“. Aus demselben Grunde verschwinden übrigens die meist mit dem Priester verwandten Haushälterinnen, welche den Weltgeistlichen bis dahin den Haushalt geführt hatten.

          Verpflichtung zur „armen und dienenden Kirche“

          So ist der Status des Weltklerikers in unseren Breitengraden prekär geworden. Aber auch die Orden haben Nachwuchsschwierigkeiten. Generell mindert die Erosion der katholischen Milieus die Wertschätzung der Kleriker. Zu diesen profanen Schwierigkeiten kommen für viele potentielle Priesteramtskandidaten solche dazu, die sich aus der zölibatären Lebensweise selbst, aber auch aus Anforderungen der kirchlichen Disziplin ergeben, die unter den herrschenden Lebensumständen teilweise ihre Plausibilität verloren haben. Der aktuelle Mangel an Priesternachwuchs hat also komplexe und vermutlich dauerhaft wirksame Gründe. Er stellt das überkommene Modell der Klerikerkirche in unseren Breitengraden schon aus statistischen Gründen auf Dauer in Frage. In weniger entwickelten Gesellschaften vermag dagegen das kirchliche Angebot (noch!) attraktiv zu wirken.

          Nun also scheint Papst Franziskus das klerikale Kirchenmodell selbst in Frage zu stellen, allerdings nur auf der Einstellungsebene und noch ohne erkennbare institutionelle Konsequenzen. Klerikalismus ist nach Papst Franziskus eine verbreitete Haltung oder Einstellung der „Selbstbezogenheit“, die zu einer Spaltung in der Kirche zwischen Klerus und Laien führt. Der klerikale Kleriker nimmt sich selbst und damit auch die Klerikerkirche wichtig, was zu einer Marginalisierung der Laien in der Kirche führt. Aber: „Es ist unmöglich, sich eine Umkehr des kirchlichen Handelns vorzustellen ohne die aktive Teilnahme aller Glieder des Volks Gottes.“ Der Klerikalismus ist also ein Haupthindernis für jegliche Kirchenreform. Es erscheint daher schlüssig, dass Papst Franziskus seine Kritik in einem „Schreiben an das Volk Gottes“ veröffentlicht, während kirchliche Lehrschreiben in der Regel vor allem an die geweihten Mitbrüder im Amt gerichtet sind.

          Dennoch drängen sich skeptische Rückfragen auf. Schon die Aufforderung, Laien sollten nicht durch allzu ehrfurchtsvolles Verhalten dem Klerikalismus Vorschub leisten, kann angesichts der weiterhin kirchenrechtlich geforderten Gehorsams- und Ehrfurchtspflicht gegenüber den „geistlichen Hirten“ (can. 212 CIC/ 1983) als widersprüchlich und als Abwälzung von Verantwortung qualifiziert werden. Aber noch grundlegender gilt: Klerikalismus ist der selbstverständliche Habitus in einem System, in dem alle entscheidenden rechtlichen Kompetenzen, nämlich die gesamte Gesetzgebung und die höhere Verwaltung und Rechtsprechung, an die Priesterweihe und damit auch an das männliche Geschlecht gebunden sind (can. 129, can. 134 § 1 CIC/1983). Wer die Macht hat – und die wird als legitime Herrschaft in der Kirche primär durch das Kirchenrecht verteilt –, wird nach aller menschlichen Erfahrung dazu neigen, sich „als etwas Herausgehobenes, Besseres“ zu verstehen; er wird seine Macht auch gegenüber Widerstrebenden einsetzen, um Gehorsam zu erreichen; und er steht in der ständigen Versuchung, seine Macht zu missbrauchen, vor allem, wenn er keine Sanktionen zu fürchten braucht. Der Papst stellt also das übliche menschliche Verhalten in seiner Kirche in Frage. Wird das irgendetwas bewirken?

          Nein – wenn man nach allgemeiner sozialer Erfahrung urteilt. Ja – wenn man die Botschaft Jesu ernst nimmt, wie sie in den Evangelien überliefert ist. Besonders eindrücklich in der „Bergpredigt“ des Matthäus und der „Feldrede“ des Lukas, aber auch in den Abschiedsreden Jesu im Johannes-Evangelium. Dort lesen wir: „Versteht ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich ,Lehrer‘ und ,Herr‘, und recht sagt ihr, denn ich bin es. Wenn ich euch nun die Füße gewaschen habe als euer Herr und Lehrer, so sollt auch ihr einander die Füße waschen. Denn ich habe euch ein Vorbild gegeben; wie ich euch getan habe, so tut auch ihr . . . Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt. Wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr einander lieben. Daran sollen alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr euch untereinander liebt.“ (Joh. 13, 12-15, 34-35). Die Klerikalismuskritik des Papstes ist nichts anderes als die Einforderung des jesuanischen Liebesgebots.

          Verfolgt man die Geschichte des Christentums, so lassen sich immer wieder Bewegungen beobachten, die sich dem Haupttrend der Klerikalisierung widersetzt haben. Viele von ihnen wurden als häretisch gebrandmarkt, aber auch die immer wieder neu ansetzenden Ordensbewegungen gehen auf biblische Impulse und Kritik an den herrschenden kirchlichen Verhältnissen zurück. Aus jüngerer Zeit ist an den sogenannten Katakombenpakt aus dem Jahr 1965 zu erinnern, in dem sich kurz vor dem Abschluss des II. Vatikanischen Konzils vierzig Bischöfe zu einer „armen und dienenden Kirche“ verpflichteten, dem in der Folge mehrere hundert weitere Bischöfe beitraten. Papst Franziskus’ bescheidener Lebensstil steht ebenfalls in dieser Tradition.

          Die klerikalisierte ist also auch aus soziologischer Perspektive nicht die ganze katholische Kirche. In ihr sind vielmehr unterschiedliche spirituelle, soziale und politische Strömungen wirksam, und deren Einfluss wird auch durch außerkirchliche Entwicklungen mitbestimmt. Die dominierende Gestalt der hierarchischen Klerikerkirche hat ihre Form kulturell im Barockzeitalter und politisch in der Periode des absolutistischen Fürstenstaates gefunden. Im Zuge der Unterdrückung aufklärerischer Tendenzen im 19. Jahrhundert wurde der absolutistische, am römischen Zentrum orientierte Charakter der Klerikerkirche theologisch und kirchenrechtlich überhöht. Indem die herrschende Kirchendoktrin ihre strukturellen Eigenschaften als „Wesensmerkmale kraft göttlichen Rechts“ immunisiert, versucht sie, die Geschichtlichkeit und damit Wandelbarkeit ihrer eigenen Existenz zu verdrängen und den Immobilismus zur Maxime ihres Fortbestandes zu machen. Das Gewicht des römischen Zentrums ist in der Folge aufgrund der Entwicklung moderner Kommunikationsmittel noch gewachsen, denn es fehlt an allen institutionellen Gegengewichten.

          Der klerikale Charakter wird in Frage gestellt

          Von daher wird verständlich, warum Papst Franziskus den Klerikalismus als bloßes Einstellungs- und Verhaltensproblem geißelt. Er müsste sonst den klerikalen Charakter kirchlicher Herrschaft in Frage stellen und brächte den gesamten kirchlichen Traditionalismus gegen sich auf, dessen Macht nicht zu unterschätzen ist. Aber moralische Appelle reichen nicht aus.

          Immerhin deuten sich Entwicklungen an, die den klerikalen Charakter aller kirchlichen Vollzüge in Frage stellen – zumal in der katholischen Kirche in Deutschland. Auslösend wirkt hier die Frauenfrage. Weil Frauen vom klerikalen Amt grundsätzlich ausgeschlossen sind, ihr Anspruch auf Mitwirkung in der Kirche aber immer unabweisbarer wird, wollen die deutschen Bischöfe die Beteiligung der Frauen an der kirchlichen Aufgabenerfüllung stärken, und zwar auch durch die Zuweisung von Leitungsverantwortung. Das scheint auf dem Wege der Kompetenzdelegation unter der Verantwortung des letztverantwortlich bleibenden Bischofs möglich. Die Absicht von Kardinal Reinhard Marx, einen „synodalen Weg“ zusammen mit dem Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) als führendem Laiengremium zu planen, weist in dieselbe Richtung.

          In der Schweiz haben sich Modelle der Gemeindeleitung durch nichtordinierte Theologen entwickelt. Gemeindeleiter werden hier durch die Gemeinden gewählt und dann vom Bischof beauftragt. Generell stellt sich die Frage, wie angesichts des zunehmenden Priestermangels mit gewachsenen pastoralen Strukturen umzugehen ist. Wird die Gemeindegröße an die sich reduzierende Zahl der Priester angepasst, entstehen anonyme Mammutpfarreien ohne soziale Bindungskraft. Auch dies scheint Papst Franziskus im Auge zu haben, wenn er von „Spiritualitäten und Strukturen ohne Wurzeln, ohne Gedächtnis, ohne Gesicht, ohne Körper und letztendlich ohne Leben“ spricht.

          Kirche mit normativen Ansprüchen konfrontiert

          Solange die Spendung der meisten Sakramente geweihten Klerikern vorbehalten bleibt und hierfür nur zölibatär lebende Männer in Frage kommen, drängt sich eine Entlastung der wenigen Priester von nicht sakramental definierten Aufgaben und deren Übertragung an Laien auf. Der Import von Klerikern aus anderen Kulturkreisen zur Rettung der herkömmlichen Strukturen mag zwar in Einzelfällen zu vertretbaren Lösungen führen, kann aber als flächendeckendes Prinzip nicht überzeugen.

          In weiten Teilen der westlichen Welt drohen der Klerikerkirche die Kleriker auszugehen. Gleichzeitig sieht sich die Kirche mit normativen Ansprüchen konfrontiert, die ursprünglich christlichen Werten entsprechen, heute jedoch als Kriterien guten säkularen Zusammenlebens gelten: Gleichberechtigung der Geschlechter, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte. In ihrem antimodernistischen Abwehrkampf hat die Kirche auf die Loyalität klerikaler Hierarchien gesetzt und sich der Moderne entfremdet. Zunehmend droht die Gefahr, dass sie sich auch ihren Gläubigen entfremdet – der sexuelle Missbrauch und vor allem dessen lang anhaltende systematische Vertuschung wirken wie Brandbeschleuniger.

          Aber sie sind nicht allein das Problem. Nur eine Kirche, die den ursprünglichen Liebesimpuls der Bewegung von neuem zur Maxime ihres Handelns werden lässt, hat noch Aussichten, Vertrauen zu erzeugen. Das erfordert auch ein neues institutionelles Verhältnis zwischen Klerus und Laien. Die sakramentalen Kompetenzen und die Leitungskompetenzen ließen sich entkoppeln.

          Der Verfasser lehrte Sozialpolitik und Soziologie an der Universität Bielefeld.

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