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Johann Georg Reißmüller : Ein eiserner Zeuge des 20. Jahrhunderts

Besuch eines Kanzlers: Johann Georg Reißmüller im Gespräch mit Helmut Kohl am 11. November 1997 auf dem Weg zur großen Redaktionskonferenz Bild: Barbara Klemm

Der frühere F.A.Z.-Herausgeber Johann Georg Reißmüller ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren in Frankfurt am Main. Sein journalistisches Lebensthema war das Schicksal Mittel-, Ost- und Südosteuropas.

          So hatte sich noch niemand von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verabschiedet. Und wer hätte es nach ihm wagen sollen? Als Johann Georg Reißmüller Ende Februar 1999 in den Ruhestand ging, erzählte er keine Anekdoten aus den 38 Jahren in den Diensten dieser Zeitung. Er hielt keine Rede, die als ein Vermächtnis hätte verstanden werden können. Er sagte gar nichts. Er sang.

          Er sang Lieder, die Außenstehende am wenigsten von ihm erwartet hätten – Lieder der frühen DDR. Das Thälmannlied, das Lied der Partei, „Mit Walter Ulbricht kämpft’s sich gut“ und, mit besonderer Hingabe, „Stalin, Freund, Genosse“. Selbst im Hause der F.A.Z. wollten das viele erst nicht glauben: Reißmüller, der Antikommunist, singt Propagandahymnen der SED? Er tat es sogar zweimal, weil im großen Konferenzsaal der Zeitung nicht alle Zuhörer Platz fanden. Nicht nur Nachbarn in Neu-Isenburg, wo er wohnte und für diese Auftritte probte, verstanden die Welt nicht mehr. Doch die Aufnahme war so begehrt, dass der Musik- und Buchverlag „Zweitausendeins“ Reißmüller ins Tonstudio holte und eine Studiofassung ins Programm nahm. Sie fand reißenden Absatz.

          Seine Motive aber ließ der Sänger im Dunkeln. Dabei war es gar nicht so schwer, Reißmüllers Abschiedsgesang zu verstehen. Er hat sich für vieles interessiert. Die Zeitung hatte sogar erwogen, ihn als Korrespondenten nach Lateinamerika oder nach Asien zu schicken. Nach Italien, nach Rom fuhr der gläubige Katholik immer gerne. Doch nichts zog ihn mehr an als das Schicksal Mittel-, Ost- und Südosteuropas im 20. Jahrhundert. Stalins Vormarsch bis an die Elbe mit all den furchtbaren Folgen für die unter das Joch des Kommunismus gezwungenen Völker, die damit verbundene Teilung Deutschlands und die Auslöschung des deutschen Ostens waren Reißmüllers Lebensthema.

          Johann Georg Reißmüller (1932-2018)

          Den „real existierenden Sozialismus“ in der DDR hat er selbst erlebt. Die publizistische Auseinandersetzung mit ihm war fortan für ihn zwingend. Nie aber ließ er es bei reiner Ideologiekritik bewenden. Reißmüller spürte der Monstrosität des Stalinismus bis ins Detail nach, wobei ihm sein Sinn für das Einzigartige, das Widersprüchliche, das Kafkaeske den Weg wies. Stalin, dessen Konterfei in seinem Büro hing, war für ihn einer der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte. Warum sang Reißmüller, der Stalins Herrschaft nur knapp entkommen war, dann Loblieder auf ihn? Er holte sie wieder ans Licht, weil diese Lieder und die darin verbreitete Propaganda in Vergessenheit geraten waren. Ihre Verfasser hatten vorgegeben, „gegen Lüge und Ausbeuterei“ zu kämpfen, wie es im „Lied der Partei“ heißt. Das war nicht die einzige Lüge der Leninisten und Stalinisten.

          Wie viele andere schrieb Reißmüller zeit seiner journalistischen Laufbahn gegen das Vergessen an – er aber vor allem gegen das Ausblenden jener Schicksale, Kulturen und Verbrechen, die bei den meisten Nie-wieder-Aufrufen übergangen wurden, weil sie nicht in das gängige Täter-Opfer-Schema passten. Die Antriebskraft dafür lieferte seine Biographie. Reißmüller hatte erlebt, worüber er später schrieb. Am 20. Februar 1932 im nordböhmischen Leitmeritz geboren, wurde er schon als Heranwachsender von dem Mahlstrom erfasst, in den Hitlers Krieg Europa gestürzt hatte. Seine Mutter verlor er früh. Dass der Vater, der den Kaiser in Wien bewacht und 1918 in die Dienste der Tschechoslowakischen Republik getreten war, antihitlerisch und tschechenfreundlich war, half der Familie wie so vielen anderen Deutschböhmen nichts. Sie musste 1946 binnen Stunden ihr Haus verlassen, wurde nach Theresienstadt gebracht und später nach Vorpommern deportiert. Während viele im Waggon verzweifelten, als sie merkten, dass der Zug nicht ins amerikanisch besetzte Bayern fuhr, sondern nach Norden, in die von den Sowjets besetzte Zone, war der junge Reißmüller vor allem froh, dem Terror der tschechischen „Revolutionsgarden“ entgangen zu sein. „Vor den Russen fürchtete ich mich nicht“, sagte er später. „Die Tschechen waren viel brutaler.“

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