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Johann Georg Reißmüller : Ein eiserner Zeuge des 20. Jahrhunderts

Für Reißmüller war klar, dass Jugoslawien nicht Bestand haben würde. Als die Serben Slowenien und Kroatien angriffen, plädierte er für die sofortige Anerkennung der beiden Republiken. Sein Wirken ist damit aber noch nicht ausreichend beschrieben: Er schrieb die Anerkennung herbei. Mit einer langen Serie von Leitartikeln brachte er die Regierung Kohl dazu, nicht länger auf die zögerlichen europäischen Partner zu warten. Es gibt nicht viele Fälle, in denen ein einzelner Journalist die Politik in die von ihm gewollte Richtung dirigiert, ja getrieben hat. In diesem Fall war es so, wie Politiker und Diplomaten bestätigen, die damals unter Reißmüllers publizistischem Trommelfeuer standen.

Im April 1995 ist Reißmüller dafür von der Zagreber Universität die Ehrendoktorwürde verliehen worden. Er bedankte sich mit einem in kroatischer Sprache gehaltenen Vortrag. Dieser Doktorgrad honoris causa war die einzige Auszeichnung, die er angenommen hat. Für die Eitelkeiten der Branche hatte er nur Verachtung übrig, manchmal nicht einmal die. Reißmüller wünschte ausdrücklich, dass auch nach seiner Pensionierung zu seinen Geburtstagen keine Personalien im Blatt erscheinen. Auch das Haus, in dem er und seine Familie lebten, verriet nicht, wer hinter seinen Mauern wohnte. Nur Eingeweihte erinnerte das Küchenfenster aus Panzerglas daran, dass in Serbien ein Kopfgeld in sechsstelliger Höhe auf den Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgesetzt war.

Als schussfest erwies Reißmüller sich auch in den Debatten, die innerhalb der Zeitung zu bestehen waren. Die Unabhängigkeit des Blattes und die zu ihrer Wahrung stark befestigte Stellung ihrer Herausgeber hatten in ihm einen eisernen Wächter und Verteidiger. Geschäftsführer, die Form oder Anstand nicht achteten, gar nach der „reporting line“ fragten, konnten froh sein, wenn sie mit mittelschweren Verätzungen durch hochfeine Ironie davonkamen. Den Verdacht musste man auch in den seltenen Fällen haben, in denen Reißmüller zu Lobesformeln griff. Einen besseren journalistischen Lehrmeister und Mentor hätte man dennoch nicht haben können. Zu schätzen wusste er, wenn seine Gesprächspartner einen Sinn für das Komödiantische hatten, so wie er selbst. Nur wenigen gewährte er den Einblick, was für ein hochsensibler Mensch in seinem Panzer steckte.

Den Ruhestand wollte Reißmüller in Straubing verbringen, im „gesunden Bayern“, wie er sagte. Sechs gute Jahre waren ihm dort vergönnt. Nach dem Tod seiner Frau, mit der er fünfzig Jahre verheiratet war, kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er mehr als ein Jahrzehnt später noch einmal heiratete. Dem Ehepaar war sein Glück jederzeit anzusehen. Am Montag ist Johann Georg Reißmüller im Alter von 86 Jahren in der Stadt gestorben, in der er fast sein ganzes Berufsleben verbracht hatte. Es war das Leben eines großen Journalisten und einzigartigen Zeugen des 20. Jahrhunderts.

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