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Johann Georg Reißmüller : Ein eiserner Zeuge des 20. Jahrhunderts

In der SBZ trat Reißmüller als Fünfzehnjähriger in die Ost-CDU ein, was jedoch nicht gutgehen konnte. Ende 1950 wurde sein Vater verhaftet. Der Sohn floh noch am selben Tag auf abenteuerlichen Wegen und im blauen Hemd der FDJ nach West-Berlin. Die „Freie Deutsche Jugend“ sang zu jenen Zeiten die Lieder, die Reißmüller ein halbes Jahrhundert später noch einmal anstimmen sollte.

In Tübingen begann er, wie sein älterer Bruder und „hauptsächlich aus Interesse an der Politik“, wie er in seinem Lebenslauf schrieb, ein rechtswissenschaftliches Studium. Er wäre auch ein einflussreicher Jurist geworden. Doch der Journalismus wurde für ihn zu der einzigen Versuchung, der er nicht widerstehen konnte. Schon als Gerichtsreferendar arbeitete er nebenbei für die „Juristenzeitung“, für die er 1957 den Staatsdienst verließ. 1958 folgte die Promotion bei Günter Dürig über die Schranken des allgemeinen Freiheitsrechts. Am 1. April 1961 trat Reißmüller in die politische Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein. Sie, nicht Frankfurt, wurde für ihn zu einer zweiten Heimat. Er verließ sie auch nicht, als ein verwandter Zeitungsverleger in Bayern ihm anbot, ihn als seinen Erben einzusetzen.

Die F.A.Z. schickte Reißmüller 1967 als Korrespondenten nach Belgrad. Was er im jugoslawischen Vielvölkerstaat, der auf dem Weg zum Vielvölkergefängnis war, in den folgenden vier Jahren erlebte und erfuhr, vergaß er nicht mehr. Die damals erworbenen Kenntnisse und Überzeugungen wurden Jahrzehnte später, als Jugoslawien zerfiel, zur Grundlage einer Kommentierung, die ihresgleichen suchte – in der analytischen Schärfe und Hellsichtigkeit wie in der politischen Wirkung.

Abschied eines Herausgebers: Johann Georg Reißmüller singt Lieder der frühen DDR, am Flügel begleitet von Heribert Klein (1957-2005).
Abschied eines Herausgebers: Johann Georg Reißmüller singt Lieder der frühen DDR, am Flügel begleitet von Heribert Klein (1957-2005). : Bild: Barbara Klemm

Von 1971 bis zu seiner Berufung ins Herausgebergremium 1974 diente Reißmüller der Zeitung als Innenpolitikchef. Im Zusammenspiel mit seinem Nachfolger Friedrich Karl Fromme geißelte er die Fehler und Irrtümer der sozialliberalen Koalition. Als Reißmüller in einem Leitartikel zum Streit über den Grundlagenvertrag vor dem Bundesverfassungsgericht einen „führenden Politiker der größeren Regierungspartei“ mit dem Satz zitierte, man werde sich „von den acht Arschlöchern in Karlsruhe“ doch nicht die Ostpolitik kaputtmachen lassen, drohte eine Regierungskrise, denn die Äußerung stammte von Willy Brandt selbst. Nur mit Mühe konnte die Bundesregierung das Verhältnis zum Verfassungsgericht wieder kitten. Das zur F.A.Z. blieb gespannt.

Doch nicht nur Sozialdemokraten und Kommunisten trieb Reißmüller publizistisch vor sich her. Auch die schwarz-gelbe Koalition unter Bundeskanzler Kohl sollte noch in den Genuss dieses Gefühls kommen. Als die Serben Anfang der neunziger Jahre mit brutaler Gewalt versuchten, die nichtserbischen Völker am Verlassen des schon seit den achtziger Jahren sich auflösenden Tito-Staates zu hindern oder auf deren Kosten ein Großserbien zu errichten, wiesen viele im Westen die Schuld daran eher Laibach und Zagreb zu als Belgrad. Vor allem Paris und London wollten, nicht zuletzt aus historischen Gründen, den nicht mehr aufzuhaltenden Zerfall Jugoslawiens um fast jeden Preis verhindern. Auch in Deutschland genossen „Sezessionisten“ damals keinen guten Ruf, was dazu führte, dass die großserbischen Aggressoren und ihre Opfer politisch und moralisch oft auf eine Stufe gestellt wurden.

Das aber ließ Reißmüller keinem durchgehen. Im Februar 1991 schrieb er in einem Leitartikel mit dem Titel „Herrenvolk-Verblendung“: „Von welcher Seite man die jugoslawische Krise, das jugoslawische Staatselend auch betrachtet – ein serbischer Machtanspruch erweist sich als Hauptursache. Eine Herrenvolk-Mentalität treibt die bestimmenden Schichten der Serben dazu, die anderen Völker in Jugoslawien als Objekte ihres Unterwerfungswillens zu behandeln.“

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