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Zum Tode von Günter Rexrodt : Der Deregulierer

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Günter Rexrodt (1941 - 2004) Bild: AP

Günter Rexrodt war eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Politik. Der frühere Wirtschaftsminister hatte in seinem Leben und in der politischen Karriere viele Rück- und Nackenschläge einstecken müssen. Nun erlag er seinem Krebsleiden.

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          Günter Rexrodt war eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Politik. Als einer von wenigen führenden Politikern verfügte er nicht nur über beste Kontakte in die Wirtschaft, er hat dort auch in Führungspositionen gearbeitet. So konnte der FDP-Politiker Partei- und Koalitionspolitik mit betriebswirtschaftlichem Denken verbinden. Neben dem politischen Mandat im Berliner Reichstagsgebäude nahm er seit seiner Verbannung in die Opposition eine Vielzahl von Mandaten in Aufsichts- und Verwaltungsräten wahr.

          Viele Rück- und Nackenschläge hat der im September 1941 in Berlin geborene Rexrodt einstecken müssen. Doch das hat ihn nicht davon abgehalten, immer wieder neu anzutreten. In den Kriegsjahren geboren, verlor er die Mutter bei einem Bombenangriff. Rexrodt wuchs im Thüringischen Arnstadt bei einem Onkel auf. Der Vater, schon in der Weimarer Republik als Reichsgeschäftsführer der Deutschen Demokratischen Partei einer der führenden Liberalen, gehörte 1945 in Sachsen zu den Mitbegründern der Liberal-Demokratischen Partei.

          Politische Sensibilität

          Rexrodt machte sein Abitur 1960 in Arnstadt, wechselte dann nach Berlin, wo er an der Freien Universität Betriebswirtschaft studierte und 1971 promoviert wurde. Rexrodt blieb in Berlin, arbeitete für einen Industriebetrieb, eine Bank und wechselte 1979 zur Industrie- und Handelskammer.

          1980 trat er in die FDP ein. Damit waren die Voraussetzungen für eine politische Karriere gelegt. Der Berufung zum Wirtschaftstaatssekretär im CDU/FDP-geführten Berliner Senat unter Richard von Weizsäcker folgte die Wahl in den Landesvorstand der Berliner FDP. Die Abwahl des CDU/FDP-Senates 1989 in Berlin, in dem er Finanzsenator war, brachte dem Hobbyastronomen beruflich keine Nachteile ein.

          Die amerikanische Citybank machte ihn zum Vorstandsvorsitzenden ihrer deutschen Tochter und Bundeskanzler Helmut Kohl kaum zwei Jahre später zum Mitglied im Vorstand der Treuhandanstalt. Beim Umbau der DDR-Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft verantwortete Rexrodt die Privatisierung von Bau-, Textil- und Landwirtschaft sowie von Sondervermögen.

          Wirtschaftspolitische Neuerungen

          Politische Sensibilität, wirtschaftpolitische Erfahrungen, das richtige Parteibuch und eine gehörige Portion Ehrgeiz brachten ihn gut anderthalb Jahre später, Anfang 1993, auf den Posten des Wirtschaftsministers nach Bonn. Dort ragte er aus einer langen Reihe von der FDP gestellter Wirtschaftsminister heraus - schon deshalb, weil er sich länger als viele seiner Vorgänger im Kabinett halten konnte.

          Mit Rexrodt werden grundlegende wirtschaftspolitische Veränderungen verbunden bleiben. Gegen erhebliche Widerstände setzte er Neuerungen durch, die heute als Selbstverständlichkeit gelten. Er liberalisierte den Telefonmarkt, deregulierte die Infopost und sorgte für eine erste Öffnung der Strom- und Gasmärkte.

          Für die Abschaffung des Rabattgesetzes und der gesetzlich verordneten Ladenschlußzeiten focht Rexrodt lange Zeit vergebens. Inzwischen ist das Rabattgesetz abgeschafft, der Landeschluß stark aufgeweicht. Die Liberalisierung des Handwerksrechtes lehnte Rexrodt indessen ab. Für den Westteil Berlins organisierte er noch 1997 Subventionen.

          Keinen leichten Stand

          In der zuweilen streitsüchtigen FDP hat Rexrodt als Minister und Abgeordenter keinen leichten Stand gehabt. Vor allem mit seinem Vorgänger im Ministeramt, dem rhetorisch begabten Möllemann, focht er manchen Strauß aus. Rexrodt mag es als Befriedigung erlebt haben, 2002 als Schatzmeister seiner Partei die von Möllemann verursachte Spendenaffäre aufzuklären.

          Politik sei wie eine Droge, von der er nicht einfach ablassen könne, sagte er noch vor wenigen Jahren. Damals spielte er auf die Folgen einer lebensbedrohlichen Malariaerkrankung an, die er sich im Mai 1996 bei einem Südafrikabesuch zugezogen hatte und die ihn monatelang an das Krankenbett fesselte, aber nicht besiegte.

          Eine Krebserkrankung im Mund, vor wenigen Monaten diagnostiziert, konnte er dagegen nicht mehr bezwingen. Günter Rexrodt starb am frühen Donnerstag morgen im Alter von 63 Jahren in einem Berliner Krankenhaus. Er hinterläßt seine Frau und einen Sohn.

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