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Zum Tode von Frank Schirrmacher : Neuland

Der Mensch als soziales Tier

Warum funktioniert das? Weil wir uns selbst im Spiegel erkennen können. Wir gehören zu den ganz wenigen Wesen auf diesem Planeten, die dazu in der Lage sind; außer uns sind das noch einige Rabenvögel, Walarten und natürlich Affen. Mit dem Spiegeltest misst man das Ich-Bewusstsein. Ein Affe, der auf seinem Spiegelbild den Fleck erkennt, fasst sich an die eigene Nase. Im Spiegel sieht man sich. Das Ich. Ego. Aber wer ist es, der es sieht? Man denkt unwillkürlich, das sei man selbst. Doch in Wahrheit sind es die anderen.

Das Ich-Bewusstsein ist die Fähigkeit, sich mit den Augen der anderen zu sehen. Tiger haben sie nicht. Deshalb sind Tiger, obwohl sie ganz schön finstere Dinge tun, auch keine Arschlöcher. Zu einem Arschloch gehören zwei entscheidende Voraussetzungen: Es muss intelligent und sozial sein. Und das sind Menschen, Affen, Schwertwale, Krähen. Es ist also eine merkwürdige Selbsttäuschung im Spiel. Ein Ego bedeutet gerade, dass man nicht abgeschlossen ist. Sondern durchlässig. Sozial. Dass man unablässig Gedankensharing betreibt und sich mit den Augen der anderen sieht. Nicht nur im Spiegel. Sondern permanent. Wir tun das immer. Wir sind, wie David Brooks es in seinem wundervollen Buch, einem der wichtigsten politischen Bücher der letzten Jahre, genannt hat: das soziale Tier.

Und das ist die Wurzel der Politik. Unsere Intelligenz setzt uns instand, Pläne zu machen und Pläne zu durchkreuzen. Wir erreichen Ziele gegen Ziele der anderen, durch Gewalt oder Gehorsam, Überzeugen und Täuschen. Über dem Handeln wölbt sich der Himmel unserer Intelligenz, die Welt der Gedanken, des Gelabers, der Legitimationen, die uns als Gedanken erscheinen. Echos und Aber-Echos dieser Legitimationen werden in dieser Kuppel hin und her geworfen, und was uns als unser Ego, als unsere Gedanken und Überzeugungen, selbst als heiligste Grundsätze erscheint – das sind zum größten Teil stillschweigende Vereinbarungen darüber, wie wir die Welt gerade deuten. Siegreiche Politik synchronisiert Menschen, bewirkt, dass viele das Gleiche tun. Wenn sie das Gleiche tun, denken sie auch das Gleiche. Der Himmel der Überzeugungen, die geteilten und mühelos teilbaren Gedanken, ansteckende Ideogene, gehören unabdingbar dazu.

Das können ganz vernünftige Ideen sein. Doch das meiste ist Dreck, und für diesen Dreck, der sich obendrein alle paar Jahrzehnte umwälzt, für diese Überzeugungen, die sich andauernd ändern und heute allem hohnsprechen, was gestern noch als unverbrüchlich galt, sind wir bereit, zu streiten, zu kämpfen und zu töten. Weil wir soziale Wesen sind: intelligent, in Beziehungen geknüpft und von Geburt an unfähig, allein zurechtzukommen. Allein sind wir unerträglich schwach. Gemeinsam sind wir unerträglich stark.

Journalismus in der Kuppel

Und als Mensch allein dem Menschen als Ganzem ausgesetzt zu sein – das ist mit das Schlimmste. Deswegen tut Gott, jedenfalls mein Gott, der Gott der Menschenrechte, so etwas nicht. Er setzt uns nicht einer gnadenlosen Allgegenwart und gnadenlosem Allwissen und am allerwenigsten der Gnadenlosigkeit unseres eigenen, unbarmherzig selbstherrlichen Gerichts aus. Und wenn nicht mal Gott das darf, dann darf Google das auch nicht.

So ungefähr hatte ich das schreiben wollen, na ja, und so ungefähr hab’ ich es jetzt ja auch geschrieben. Journalismus spielt sich in dieser Kuppel ab. Unser Job ist es zu lernen. Zu schreiben. Zu stören. Und zu Ende gelesen zu werden.

Frank, ich will nicht, dass Du tot bist! Ich trauere, ich weine.

Best V.Z.

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