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Zum Tode von Frank Schirrmacher : Neuland

Und Gott würde sagen (das wäre meine Lieblingsstelle gewesen): „Mann Gottes! Ich bin es doch, der Euch gemacht hat! Die Menschen und damit auch die Menschenrechte. Die Menschenrechte, das seid Ihr selbst. Ihr habt wirklich völlig bescheuerte Vorstellungen vom Jüngsten Gericht.“

Unverdorbene Begeisterung

Schirrmacher hätte gelacht, denke ich. Wenn er noch leben und lesen würde. Ich sehe das vor mir: seine schönen, lebhaften Augen, diesen Blick, wenn er sich freute. Er genoss es so, wenn er etwas verstanden hatte, eigene Gedanken oder fremde Gedanken, und er war andauernd damit beschäftigt, etwas zu verstehen. Jede neue Einsicht war ein Kick für ihn, ja, ihn begeisterten Gedanken. Aber nicht nur ihre leeren Echos, sondern echte, eigene, selbstgedachte Gedanken. Er war damit begnadet, beschenkt. Er freute sich über jedes dieser Geschenke, die er andauernd bekam, freute sich über jeden frischen Gedanken wie ein Kind, er liebte es, sein Geschenk auszupacken, seinen Gedanken zu entwickeln, dann glänzten seine Augen. Iris Radisch hat ihn in ihrem Nachruf in der „Zeit“ ein „geniales Kind“ genannt, und sie hat recht.

Das Kind in Schirrmacher war nicht tot, bis zuletzt einfach nicht totzukriegen, dieses Kind hatte kein Erwachsenen-Zynismus unterzupflügen vermocht. Er blieb ein Kind und lernte immer weiter, denn Lernen ist das Schönste. Lernen macht man selbst, Lernen ist Autonomie. Nicht Anpassung, nicht Gehorchen, nicht Trottelnhinterhertrotteln und die Welt durch die Augen von Untoten betrachten.

Das war das Schöne und Gute und Wahre in Schirrmachers Blick – seine Augen waren nicht verdorben. Deshalb pendelte er zwischen Begeisterung und Panik. Wölfe mitten im Mai, Franz-Josef Degenhardt: „Wer den bösen Wolf nicht vergisst, mein Kind, bleibt immer ein Kind.“ Und der böse Wolf ist leider nicht der Wolf. Der böse Wolf, das sind wir. Wir beherrschen und knechten und misshandeln diese Erde und alles, was da kreucht und fleucht – ganz gewiss nicht, weil wir so nett sind. Sondern weil wir schlaue Carnivoren sind, die alles um sich herum und auch einander niedermachen. Meist merken wir das nicht einmal, sondern wachen, wenn es ganz hart kommt, irgendwann in rauchenden Trümmern und Leichenbergen auf.

Gnade und Barmherzigkeit

Also, was ist nun, achtet Gott die Menschenrechte? Der Gott in meinem geplanten Text schon. Aber wenn man den Leuten zuhört, die für Gott sprechen, Christen, Juden und Muslimen, dann achtet Gott die Menschenrechte definitiv nicht. Er ist der Gott des Blutes, der Messer und der Steine, und selbst wenn er ganz anders daherkommt, ganz sanft in den Worten der Leute, die für ihn sprechen, dann will er einem als Heiliger Geist über kurz oder lang zumindest das Maul verbieten. Aber der Gott in meinem Text achtet die Menschenrechte und Richtlinie 95/46/EG.

Tief religiösen Menschen war schon immer klar, dass sie vor Gott nicht bestehen können, dass sie auf etwas angewiesen sind, was sie nicht Menschenrechte, sondern Gnade und Barmherzigkeit nannten. Zugegeben, das ist nicht ganz genau der gleiche Gedanke, aber im Kern bedeutet er doch dasselbe: dass Gott diese Sauerei mit dem Notizbuch nicht macht. Weil sie zutiefst unmenschlich ist. Nicht auszuhalten. Weil diese Idee mit dem Gott, der alles sieht und kennt und mitschreibt und aufbewahrt, der reinste Terror ist. Und so war sie ja auch gemeint.

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