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Zum Tode von Frank Schirrmacher : Neuland

Was macht Nummer Zwei?

Und da saßen sie nun, Waffenschmiede des Algorithmen-Krieges, und sprachen über das Gefühl, dem, was man selber tut und am besten kennt, wehrlos ausgeliefert zu sein. Es war, als würde schwarze Tinte in schwarze Tinte gegossen. Jürgen Kaube, dem das dann auch zu schwarz wurde, hielt mit einem klugen, von methodischem Denken der Soziologie und der Lebenserfahrung geprägten, beschwichtigenden Argument dagegen; ungefähr: So schlimm, wie man sich’s immer ausdenken kann, kommt es oft dann doch nicht. Aber die Tintengießerei ging trotzdem weiter, und ich fand meine Rettung in einem Gedanken, von dem ich glaubte, dass er uns alle retten konnte, ich sagte: Die Rettung ist der Tod. Der alles zunichtemacht und damit auch das Schlimmste verhindert, unter anderem, dass wir uns vollkommen durchsetzen mit unseren Rechnungen und Algorithmen.

Man muss schon ziemlich angefressen sein, um in diesem Gedanken Trost zu finden. Und der Tod war sicher nicht der Trost, den Frank Schirrmacher suchte. Ich habe das oft erlebt, wir haben gemeinsam gesucht und ihn immer wieder gefunden; nicht den Tod, sondern den Trost: im Wahren Schoenen Guten. Dem, wofür man schreibt und lebt als Journalist. Insbesondere der Frankfurter Allgemeinen. Oder jetzt: gelebt hat.

Das schnürt mir die Kehle zu, deshalb schnell zurück zu dem Text, den ich schreiben wollte. Wie geht es Nummer Zwei vor Gottes alles durchdringendem, schrecklichem Gesicht und Gericht? Nummer Zwei ist natürlich geschockt, aber rafft sich schließlich zu Folgendem auf: „Lieber Gott! So geht es nicht! Ich sehe, dass Du kein Notizbuch hast, ist ja klar, wozu braucht Gott ein Notizbuch. In Dir ist alles drin, Du bist, entschuldige, es soll nicht respektlos klingen, eigentlich selbst das ultimative Notizbuch. Moderner ausgedrückt, wobei ich mich gerade frage, was sub specie aeternitatis eigentlich modern heißen soll, aber egal, modern ausgedrückt bist Du, oh Herr, ein riesiges Datenverarbeitungssystem. Nein, das Datenverarbeitungssystem überhaupt. Hyperbig Data.“

Ein göttliches Zwiegespräch

In meinem Text hätte Gott jetzt vielleicht geantwortet: „Na und? Weiter?“ (Er hätte sich extra dumm gestellt.)

Und Nummer Zwei, voll in Fahrt, hätte gesagt: „Laut Richtlinie 95/46/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Datenverkehr (ABl. L 281, S. 31) sowie von Art. 8 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union...“

Gott: „Ja?“

Nummer Zwei: „...stehen Datenverarbeitungssysteme im Dienste des Menschen; sie haben deren Grundrechte und -freiheiten und insbesondere deren Privatsphäre zu achten...“

Gott: „Ich seh’ schon...“

Nummer Zwei: „... und zum Wohlergehen der Menschen beizutragen.“

Gott: „... Du bist Jurist.“

Nummer Zwei: „Nein, F.A.Z.-Leser. Aber wenn ich das eben noch zu Ende bringen darf? Der EuGH hat erkannt, dass Suchmaschinen im Internet personenbezogenen Daten Ubiquität verleihen. Nicht zuletzt deshalb hat jede Person das Recht, solche Informationen über sich entfernen zu lassen, weil diese Informationen ihr schaden können oder weil sie möchte, dass sie nach einer gewissen Zeit vergessen werden.“

Gott: „Mann-o-mann.“

Nummer Zwei: „Nur so viel noch: Das nennt man das Recht auf Vergessenwerden. Und was Ubiquitäreres als Dich, Allgegenwärtiger, gibt es ja wohl nicht. Daher, was ich Dich schon immer fragen wollte, lieber Gott: Wie hast Du’s mit den Menschenrechten?“

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