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Westdeutsche im Osten : Wessis, Ossis und Wossis

  • -Aktualisiert am

Ist selbst Ostdeutscher: der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck (Archiv). Bild: dpa

Joachim Gauck weist auf die Verdienste von Westdeutschen beim Aufbau Ost hin. Deren Leistungen waren bedeutend – und sind heute beinahe vergessen.

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          Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hat die Westdeutschen gewürdigt, die nach 1989 in den Osten gingen. Viele seien geeignet und hilfreich gewesen, auf andere hätte man auch gern verzichten können, weil sie sich als egoistisch und leistungsschwach erwiesen hätten, sagte Gauck – und kritisierte, dass leider zu oft über Letztere geredet werde.

          Da ist viel dran. Gut zwei Millionen Westdeutsche sind nach der Wende in den Ostteil der Republik gezogen, und schon die Lebenserfahrung sagt, dass das nicht alles Abzocker und Glücksritter gewesen sein können. Vielmehr waren ihre Motive vielfältig. Ältere wie Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel verspürten auch eine patriotische Pflicht, Jüngere sahen Möglichkeiten, die ihnen der Westen nicht bieten konnte, der manchen von ihnen längst satt und unbeweglich geworden war.

          Andere ergriffen die Chance eines Karrieresprungs, auf den sie daheim noch lange hätten warten müssen. Der Osten war für sie alle ein Land der neuen Möglichkeiten. Da ging anfangs viel. Die neue Freiheit war auch staatsorganisatorisch mit Händen zu greifen.

          Darauf war in der DDR niemand vorbereitet worden

          Tatsächlich wäre der Aufbau Ost gar nicht ohne Westdeutsche zu bewältigen gewesen. Eine rechtsstaatliche Justiz oder Finanzverwaltung war nicht mit Leuten aufzubauen, die in den Koordinaten eines diametral entgegengesetzten Gesellschaftssystems sozialisiert worden waren.

          Gauck erinnert sich: „Unsere Richter hatten wir satt, das waren Leute, die sich ihre Urteile zum Teil von der Partei haben vorschreiben lassen. Und unsere Staatsanwälte haben wir gehasst, das waren doch Leute, die wir nicht brauchen konnten bei der Errichtung einer Demokratie.“

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          Auf diese Aufgabe war in der DDR niemand vorbereitet worden. Schon in der Schule lernten Kinder vielmehr, dass der umgekehrte Fall zu erwarten sei: dass nämlich kapitalistische Staaten sich zum Sozialismus bekehren ließen. Mit dem Tag der Wiedervereinigung aber standen die neuen Länder sofort im knallharten Wettbewerb mit den alten. Und die hatten vierzig Jahre Vorsprung.

          Wer da für Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf Augenhöhe verhandeln und erfolgreich sein wollte, musste Spielregeln wie Spieler kennen. Das konnten in der Anfangszeit naturgemäß nur Westdeutsche sein. Sie brachten „ihr“ System mit, installierten es erfolgreich und blieben gleich an den Schalthebeln sitzen. Viele von ihnen sind dort bis heute, sie dominieren die Landesverwaltungen im Osten und fragen sich wiederum zu Recht, was sie nach den Jahrzehnten in ihrer neuen Heimat denn nun sind: Wessi, Ossi, Wossi?

          Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass sich die Übernahme von Funktionen nicht auf systemrelevante Bereiche beschränkte, sondern nahezu allumfassend war. An Hochschulen wurden sämtliche Lehrstühle neu ausgeschrieben und von westdeutschen Kommissionen mit meist westdeutschen Professoren neu besetzt, den sogenannten DiMiDo-Professoren, die meist Dienstagvormittag erschienen und Donnerstagnachmittag schon wieder auf dem Weg in den Westen waren; Westdeutsche wurden Chefs von Theatern, Kliniken und Universitäten, Unternehmen, Instituten und Kommissionen.

          Die übergroße Mehrzahl von ihnen macht dabei zweifellos einen exzellenten Job, doch befördert die schiere Zahl bei manchen Ostdeutschen das Gefühl, dass andere den Wandel und den Staat gestalten, während sie sich selbst in einer aus der DDR bekannten, gefährlich bequemen Klagehaltung einrichten: Man könne, so heißt das alte wie inzwischen falsche Lied, ja nichts machen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

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