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Integration von Muslimen : Hat der islamische Religionsunterricht eine Zukunft?

  • Aktualisiert am

Kooperation mit Ditib: Der islamische Religionsunterricht in Hessen steht in der Kritik. Bild: dpa

Die Zukunft des islamischen Religionsunterrichts ist in Hessen seit nunmehr fast zwei Jahren ungewiss, wegen des Konflikts mit der türkischen Moscheebehörde. Ein Experte mahnt eine baldige Lösung an – und sieht noch andere Defizite.

          Im Jahr 2013 hat Hessen bei der Einführung des islamischen Religionsunterrichts den türkischen Moscheeverband als Verbündeten ausgewählt. Der damalige Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) sprach von einem „verlässlichen Partner“. Sechs Jahre später sieht die Lage ganz anders aus. Der Landtag in Wiesbaden wird heftig darüber streiten, ob das Land seine Kooperation mit Ditib wegen dessen zu großer Nähe zum türkischen Staat endgültig aufkündigt.

          Die Entscheidung darüber will Kultusminister Alexander Lorz (CDU) „in den nächsten Wochen“ fällen, wie ein Sprecher des Kultusministeriums in Wiesbaden sagt. Die Zeit drängt, denn seit fast zwei Jahren hängt nun die Zukunft des islamischen Religionsunterrichts in Hessen in der Luft.

          Kontakte zur türkischen Regierung

          Der Landesverband der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ (Ditib), die der Religionsbehörde in Ankara untersteht, war vor allem im Zuge der autoritären Entwicklung in der Türkei bundesweit unter Druck geraten. Lorz gab zuerst drei Gutachten in Auftrag. Dann wurde der Ditib zur Auflage gemacht, bis Ende vergangenen Jahres ihre Unabhängigkeit zu beweisen. Der Verband änderte inzwischen seine Satzung und hat erklärt, damit hätten Ankara und die deutsche Zentrale in Köln weniger Einfluss.

          Ob dies zur Fortsetzung der Kooperation ausreicht, ist völlig unklar. Ohne Beteiligung von Ditib ist nach Angaben des Kultusministeriums auch ein alternatives Angebot für muslimische Schüler vorstellbar. Im neuen Koalitionsvertrag hat Schwarz-Grün auch als Möglichkeit vorgesehen, dass das Land den Islamunterricht in alleiniger Verantwortung anbietet.

          Doch Hessen ist in der Bredouille. Es hat für seinen bekenntnisorientierten Religionsunterricht eine besondere Konstruktion gewählt. Während andere Länder wie Nordrhein-Westfalen dazu einen Beirat gründeten, hat Hessen die Ditib sowie die weit kleinere Ahmadiyya Muslim Jamaat als feste Partner eingebunden. Damit sollte der Unterricht - im Sinne des Grundgesetzes - verfassungsrechtlich sauber verankert werden.

          Trennung von der Ditib

          Dieses Konstrukt, auf das die die schwarz-gelbe Regierung vor sechs Jahren stolz war, macht jetzt aber eine Trennung von der Ditib sehr kompliziert. Denn der Moscheeverband kann gegen die mögliche Aufkündigung der Partnerschaft vor Gericht ziehen. Ein Verfahren könnte sich jahrelang hinziehen - letztlich zum Schaden für die Schulen im Land.

          Schon jetzt sind die Auswirkungen des Konflikts spürbar. Im laufenden Schuljahr 2018/2019 werden zwar rund 3100 Schüler von knapp 100 Lehrern unterrichtet - aber nur an 56 Grundschulen und zwölf weiterführenden Schulen der insgesamt 1800 Schulen. Die Lehrpläne (Curricula) für die höheren Schulen liegen derzeit auf Eis. Dies gilt auch für die geplante Fortbildung für das neue Fach von Lehrern an den Universitäten Frankfurt und Gießen. Diese sind für die Aus- und Weiterbildung beim islamischen Religionsunterricht zuständig.

          „Die Politik ist in der Pflicht“

          Der Frankfurter Islamwissenschaftler Bekim Agai hat deshalb eine schnelle Lösung des Konflikts angemahnt. „Die Politik ist in der Pflicht“, sagt Agai. Die derzeit fehlende klare Perspektive für den Unterricht bringe für Studenten und auch muslimische Schüler eine hohe Unsicherheit mit sich.

          In Frankfurt werden Lehrer für den Unterricht an weiterführenden Schulen, während an der Uni Gießen der Unterricht an den Grundschulen abgedeckt wird. In Frankfurt studieren derzeit rund 600 Studenten Islamwissenschaft, rund 120 fürs Lehramt. In Gießen gibt es derzeit rund 120 Lehramts-Studierende.

          Im Kultusministerium wird eingeräumt, dass der Konflikt mit Ditib die 2013 vorgesehene flächendeckende Umsetzung des islamischen Religionsunterrichts ausgebremst hat. „Wir wollen eine grundsätzliche Klärung herbeiführen“, sagt Sprecher Philipp Bender zum derzeitigen Schwebezustand.

          Integration der Muslime in Hessen

          Bei der Integration der Muslime in Hessen wartet aber nicht allein der Religionsunterricht auf eine Lösung. Experte Agai, der Leiter des Zentrums für islamische Studien in Frankfurt ist, hält auch die Gefängnis-Seelsorge für Muslime in Hessen für unzureichend. „Ein Imam ist nicht automatisch Seelsorger“, sagt Agai, ist. Dafür brauche es eine besondere Qualifizierung, die auch die Einbindung der Universitäten notwendig mache.

          An der Goethe-Uni in Frankfurt wurde jetzt unter der Ägide Agais vor einem Jahr mit 16 Mitarbeitern die „Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft“ (AIWG) gegründet - mit fast zwölf Millionen Euro gefördert vom Bundesbildungsministerium und der Mercator-Stiftung. Diese will künftig wie eine Art Schaltstelle in die Gesellschaft hineinwirken.

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