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Zu Gast beim Nobelpreisträger : Ein Haus für Mr. Naipaul

Der Autor Naipaul in seinem Haus in Wiltshire 2001. Bild: STR New/Reuters

V.S. Naipaul empfing in seinen letzten Lebensjahren nur noch selten Besuch. Mit unserem Korrespondenten sprach der Literaturnobelpreisträger in seinem Landhaus über sein Leben und seine Werke. Nun ist der britische Schriftsteller gestorben.

          V.S. Naipaul bereiste die Welt wie kein anderer Schriftsteller, aber je mehr Menschen und Länder er kennenlernte, desto lieber wurde ihm sein Refugium im englischen Wiltshire. Einwanderer aus fremden Kulturen sind dem Wahlbriten aus Trinidad ein Graus. Zu Besuch in der Werkstatt eines undiplomatisch gebliebenen Literaturnobelpreisträgers.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die Bücher von Vidiadhar Surajprasad Naipaul beginnen oft mit einem Menschen, der ihn an den Ort des Geschehens führt: Coelho, der ihm in Bombay durch die Tücken des indischen Zolls hilft; Sadeq, der ihn von Teheran nach Ghom chauffieren soll; der „Mann mit der Nat-King-Cole-Frisur“, der ihn im Zug zum Hafen von Southampton begleitet. Vielleicht ist es ein Augenzwinkern der Literaturgeschichte, dass auch der Weg zu V. S.Naipaul über einen Fremden läuft. Es ist Dave, der vor dem Bahnhof von Salisbury in einer Traube rauchender Taxifahrer steht und ausruft: „Dairy Cottage?! Sie meinen das Haus von Mr. Naipaul!“

          Dave hat den großen Schriftsteller früher gefahren, oft nach London, für 160 Pfund. Mal vergaß Naipaul seinen Schlüssel und wollte umkehren, mal verlangte er überraschend eine Reparaturwerkstatt zu suchen, weil sein Rasenmäher kaputt war. „Der Mann ist wirklich ziemlich zerstreut, und irgendwann ging mir das auf die Nerven“, erinnert sich Dave, während er kunstvoll den Ästen ausweicht, die von oben auf die Straße drücken. Zu den Büchern seines Fahrgastes entwickelte er auch kein enges Verhältnis. „Zu hart für mich - ich stehe auf Thriller und Kriegsgeschichten“, sagt Dave und zieht ein abgegriffenes Taschenbuch über die Schlacht von Waterloo aus dem Handschuhfach. Nein, Wiltshire ist kein Ort für Intellektuelle. Als Dave in die Einfahrt biegt, bittet er, Grüße auszurichten.

          Der größte Völker-Erklärer seit Tacitus

          V. S. Naipaul empfängt selten Besuch, noch seltener, seit die Gesundheit schwindet. Sein Landhaus, das sich wie ein weicher Fels in die Landschaft schmiegt (und ohne jemanden wie Dave kaum zu finden ist), hat keine Klingel. Nadira, Naipauls resolute Ehefrau, hört das Klopfen und führt den Gast ins Esszimmer. Dort sitzt der Hausherr, der sich seit seinem Ritterschlag vor bald 25 Jahren als „Sir Vidia“ anreden lässt. Er trägt Hausschuhe, ein helles Jacket hängt über den schlaffen Schultern, auf seiner Hose liegen ein paar Krümel. Vor ihm, auf der leeren Tischplatte, baut sich eine Asthma-Pistole auf, die er mal verächtlich, mal milde ansieht. Etwas weiter steht eine Vase mit sehr üppig aufgeblühten Rosen aus dem Garten.

          Leser kennen V. S. Naipaul als Reisenden. Nicht als einen recherchierenden Berserker wie Peter Scholl-Latour, auch nicht als romantischen Großwildjäger wie Ernest Hemingway, eher als sorgfältigen, ernsthaften Flaneur - aber eben als Reisenden, als einen Mann, der unterwegs ist. Dieses Bild droht langsam zu verblassen. Vor fünf Jahren hat er sich noch einmal auf den Weg gemacht, gemeinsam mit seiner Frau. Das Ziel war Afrika, wo er vor langer Zeit „A Bend in the River“ (An der Biegung des großen Flusses) spielen ließ, seinen vielleicht besten Roman. Herausgekommen ist „Masques of Africa“ (Afrikanisches Maskenspiel), sein vermutlich letztes Reisebuch.

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