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Zerfällt Europa (5) : Die deutsche Frage

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Bild: AFP

Mit ihrer Größe und ihrem Wohlstand hat die Bundesrepublik Deutschland die Europäische Union destabilisiert. Wo soll das noch hinführen?

          12 Min.

          Friedrich der Große, so meinte Voltaire einst mit Blick auf die exponierte geopolitische Lage Preußens, sei nur „un roi des lisières“ - „ein König der Grenzstreifen“. Ähnliches gilt, historisch betrachtet, für ganz Deutschland. Es lag und liegt im Herzen Europas. Heute grenzt es an nicht weniger als neun Nachbarstaaten. Ähnliches könnte man von Europa behaupten. Der Kontinent erscheint immer mehr wie eine Ansammlung nicht zu schützender oder zumindest bislang weitgehend ungeschützter Grenzen, an denen nun hastig wieder Absperrungen errichtet werden.

          Gescheiterte Staaten und humanitäre Krisen haben dazu geführt, dass Menschen in beispielloser Zahl versuchen, auf dem Landweg oder übers Meer nach Europa zu gelangen. Dieser Sturm auf die „Festung Europa“ ist nur die jüngste, im Augenblick aber auch gefährlichste Bedrohung für den Zusammenhalt Europas. Die Migrationskrise setzt nicht nur die Beziehungen zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union unter Druck. In vielen Ländern ist sie längst zu einem Faktor der Innenpolitik geworden, etwa zwischen dem Land Bayern und der Bundesregierung. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, die Migrationskrise berge die Gefahr, föderale Bindungen auf dem gesamten Kontinent zu sprengen.

          Doch gleich ob Planspiele für die Wiedereinführung von Grenzkontrollen am Brenner oder die Diskussion über die Zukunft des Schengen-Raums - in all diesen Erscheinungen spiegeln sich nicht nur der instabile Charakter unserer Welt wie die Schwäche der Europäischen Union. Sie sind in vielerlei Hinsicht auch eine Folge der „deutschen Frage“, eines Problems, das die Geschichte Europas seit Jahrhunderten beherrscht.

          Deutschland beziehungsweise die verschiedenen politischen Gebilde, in denen die meisten Deutschen lebten, bildeten seit dem 16. Jahrhundert den Dreh- und Angelpunkt des europäischen Staatensystems. Die zentrale geographische Lage machte das Land zu einem Schlachtfeld, auf dem ausländische Armeen um die Herrschaft über den Kontinent kämpften. Die schiere Größe der Bevölkerung, der Fleiß der Einwohner und die Tapferkeit der Soldaten machten Deutschland zur begehrtesten Trophäe innerhalb des Staatensystems.

          Das frühmoderne politische Gebilde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war geprägt von einer erbitterten Spaltung zwischen dem Kaiser und den Fürsten, zwischen Katholiken und Protestanten. Dadurch herrschte im Herzen Europas ein Vakuum, das Instabilität exportierte und die räuberische Aufmerksamkeit seiner Nachbarn auf sich zog - am verheerendsten im Dreißigjährigen Krieg, aber auch während der türkischen Invasionen Mitteleuropas, in den Revolutions- und in den Napoleonischen Kriegen.

          Es musste eine Lösung gefunden werden, damit die Deutschen weder einander an die Kehle gingen noch ihren Nachbarn zu Füßen lagen. Die deutsche Politik war deshalb geprägt von einer ausgeklügelten Teilung der Macht zwischen dem Kaiser und der Versammlung der Reichsstände, dem Reichstag. Frankreich und Schweden hatten als Garantiemächte des Westfälischen Friedens von 1648 das Recht, sich in innerdeutsche Angelegenheiten einzumischen, soweit es darum ging, den Frieden zu sichern und äußere Einmischungen abzuwehren. Im 18. Jahrhundert erhielt Russland dasselbe Privileg.

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