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Zerfällt Europa? (18) : Zu unserem Glück vereint?

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Bild: dpa

Die Geschichte der europäischen Nationalstaaten belegt, dass sich Gefühle der Verbundenheit und Nähe nicht verordnen lassen. Aber es hätte der EU nicht geschadet, symbol- und geschichtspolitisch mehr zu tun und früher damit zu beginnen. Zu spät ist es nicht.

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          Was hat Europa mit Gefühlen zu tun? Welche Rolle spielen sie in der Geschichte europäischer Einigung und Entzweiung? Sind Gefühle - und wenn ja, welche? - Europas Verdruss oder seine Zukunft?

          Es ist kein Zufall, dass solche Fragen heute gestellt werden, 65 Jahre nach Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Vorläuferin und Inkubator der EU. 1951 war von Gefühlen nicht die Rede, dem Pariser Vertrag ging es um Märkte, Verbraucher und Preise. Lediglich in der Präambel ließ sich ein leicht gefühliger Ton entdecken, wenn sie eine „vertiefte Gemeinschaft unter Völkern“ verhieß, „die lange Zeit durch blutige Auseinandersetzungen entzweit waren“.

          In deutschen Ohren war der Begriff Gemeinschaft mit schwerem emotionalem Gepäck beladen - und hörte sich gerade deshalb in einem Atemzug mit Kohle und Stahl mal placé an. Ohnehin ging man in den Anfangsjahren der Bundesrepublik eher auf Distanz zu Gefühlen. Nie wieder sollte ihnen in der Politik eine ähnlich prominente Bedeutung zukommen wie während des Nationalsozialismus.

          Heute hat sich der Wind gedreht. Gefühle sind in der Politik ein heißes Thema geworden. Sie stehen versteckt oder offen auf jeder politischen Agenda, keine Wahlwerbung kommt ohne sie aus. Das hat viele Gründe, manche sind politikintern, andere extern. Dass Politik immer stärker personalisiert wird - nicht nur in den Vereinigten Staaten und im dortigen Präsidentschaftswahlkampf -, ist einer davon. Personen wiederum „funktionieren“ nicht ohne Gefühle. Die Therapeutisierungswelle der 1980er Jahre tat das Ihre, um Gefühle auch außerhalb des Privaten zu positionieren. „Wie fühlst du dich jetzt?“, „Wie fühlt sich das an?“: Solche Fragen stehen ebenso hartnäckig im Raum wie die Erwartung, darauf eine „ehrliche“, „authentische“ Antwort zu bekommen und ihr eine entsprechende Anschlusskommunikation folgen zu lassen. Gefühle zu haben und über Gefühle zu sprechen ist von größter öffentlicher Bedeutung, ebenso wie das Management von Gefühlen mittlerweile zum Standard jedes CEO-Coaching gehört und die modischen Selbstführungsdiskurse anleitet.

          Was heißt das für Europa und das Projekt europäischer Einigung, über dessen Zerfall so viel geunkt wird? Europa hat, so die These, ein emotionales Defizit, das sich derzeit besonders deutlich zeigt. Das „Glück“, das die Berliner Erklärung anlässlich des 50. Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahr 2007 so vollmundig beschwor, will sich partout nicht einstellen. Zugleich verblasst die Erinnerung an die europäischen Bürgerkriege. Sie hat in den 1950er Jahren den „Traum“ einer europäischen Friedensordnung angeschoben. Heute scheint jener Traum verwirklicht, und die Leistungen der EU, was den freien Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen betrifft, gelten als selbstverständlich - oder werden in Frage gestellt. Europakritische oder gar -feindliche Bewegungen gewinnen an Zulauf und mobilisieren mit hochemotionalen Parolen. Dagegen setzen social marketing-Kampagnen à la „Ich will Europa“ ein positives Bekenntnis, dessen Eindringtiefe allerdings zweifelhaft ist.

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