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Zerfällt Europa? (16) : Von der Expansion zur Krise

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Die Europäische Union konnte vom traditionellen Expansionsdrang Europas nicht lassen. Daher leidet sie auch ohne den Brexit an den Folgen ihrer kurzsichtigen wirtschaftlichen und politischen Überdehnung.

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          Die Brexit-Abstimmung, so war vor kurzem zu lesen, sei ein „Sieg der Vergangenheit über die Zukunft“. Auf den ersten Blick kann damit nur die Großmacht- und Empire-Nostalgie der älteren Briten gemeint sein, nach wie vor im Stil Winston Churchills, der 1941 die Selbstbestimmung der Völker proklamierte, aber selbstverständlich die Untertanen des Britischen Empire ausnahm und 1946 Vereinigte Staaten von Europa vorschlug, aber selbstverständlich ohne Großbritannien, vielmehr im Dienst von dessen unabhängiger Großmachtrolle. So hätte es auch Margaret Thatcher gerne gehabt und nicht nur sie.

          Genauer besehen, wurde in Wirklichkeit aber ganz Europa von seiner Vergangenheit eingeholt, von seiner weltweiten Expansion einerseits, der Entwicklung seiner nationalen Machtstaaten andererseits. Die bei der Star-Wars-Saga geborgte Formel „The Empire strikes back“ gilt für ganz Europa, denn die aktuellen Flüchtlingsströme wollen nach Europa. Europas wichtigste Kolonialmacht Großbritannien war allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg als Erste der Masseneinwanderung aus ehemaligen Kolonien auf der Suche nach einem besseren Leben ausgesetzt - und schränkte sie unverzüglich ein.

          Zwischen den beiden Weltkriegen gab es kein Land der Welt, das damals nicht europäischer Herrschaft unterstand oder zumindest wie Amerika, Australien und Neuseeland früher einmal Kolonie einer europäischen Macht gewesen war. Sogar die Polargebiete schienen vor ihrer Aufteilung zu stehen. Nicht nur dabei betätigten sich die erwähnten Ex-Kolonien ihrerseits als Kolonialmächte. Die wenigen Länder, die ihre formale Unabhängigkeit behauptet hatten - China, Iran, Japan, Thailand und vor dem Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich -, unterlagen informell massiver wirtschaftlicher und politischer Kontrolle sowie dem weltweiten kulturellen Einfluss des Westens. Zu Recht wurden sie als „Halbkolonien“ bezeichnet. Nur Japan konnte diesem Zustand nach wenigen Jahren entkommen, in China hingegen dauerte er von 1840 bis 1949. Schließlich sollte nicht übersehen werden, dass es neben der europäischen Übersee-Expansion auch die kontinuierliche Expansion Russlands nach Sibirien und Ostasien, nach Zentralasien und Kaukasien gegeben hat. Der Zerfall der Sowjetunion nach 1989 lief in Zentralasien und Kaukasien schlicht auf eine weitere Dekolonisation hinaus.

          Auch wenn Großbritannien neben Russland die führende Kolonialmacht gewesen ist, so gab es doch kaum ein europäisches Land, das keine koloniale Expansion betrieben oder wenigstens versucht hätte, sich an diesem gewinn- und prestigeträchtigen Tun zu beteiligen. Das gilt für die skandinavischen Länder so gut wie für Brandenburg-Preußen, Österreich-Ungarn, das unabhängige Polen und sogar das obskure Herzogtum Kurland. England stand dabei keineswegs am Anfang. Vielmehr machten sich die iberischen Königreiche Portugal und Kastilien dank günstiger geographischer Lage und erfolgreicher politischer Stabilisierung seit 1415 um die Wette den atlantischen Raum untertan, der von da an zu einem neuen Mittelmeer der westlichen Welt werden sollte. Kastilien dominierte in Amerika, während Portugal sich nach Kontrolle der afrikanischen Küsten auf die Errichtung eines Handelsimperiums am Indischen Ozean und am Chinesischen Meer konzentrierte.

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