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Zerfällt Europa? (13) : Mit Klarheit und Streitlust für Europa

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Bild: dpa

Heute in Europa leben zu dürfen ist ein Glück. Wir müssen entscheiden, ob wir die Kraft und den Willen haben, in dem großen globalen Dorf der Zukunft unsere Kräfte zu bündeln, oder ob wir in kleinem Karo die Zukunft verspielen.

          12 Min.

          Die Tür ist zu. Mit einem lauten Knall, doch ziemlich überraschend zugeschlagen. Auf beiden Seiten sitzen und stehen Menschen mit ratlosen Gesichtern und rasenden Herzen. Die einen haben die Tür aus Angst zugeschlagen, aber jetzt ist die Angst nicht weg, sie ist nur überraschenderweise allgemein. Auf beiden Seiten der Tür sucht man Halt. Einige Naive fragen schlicht, ob man noch mal von vorne anfangen könnte. Und wie so häufig nach der Scheidung eines Ehepaars in mittleren Jahren fragen sich alle, ob das wirklich sein musste.

          Für einen politischen Essay ist das ein ziemlich schmalziger Anfang. Aber das, was wir so schlicht „Brexit“ nennen, ist Gefühl, Leidenschaft, Geborgenheit und Entfremdung. Es geht um das wenige Jahrzehnte alte Projekt, für die Generationen unserer Kinder und Enkel Raketenhagel und Bomben zu verhindern, Angst vor Nachbarn in ehrliche Sympathie zu wandeln und einer großen, globalen und schwer übersehbaren Welt Zusammenhalt und Optimismus entgegenzusetzen. Musiker, Literaten oder Maler können sich das Leben jenseits dieser europäischen Gemeinschaft schon längst nicht mehr vorstellen. Millionen Arbeitnehmer sprechen täglich ausschließlich oder zumindest teilweise eine ausländische Sprache - meistens Englisch - und sehen die ganze Welt als ihre Kunden. In Europa kennen die unter Vierzigjährigen deutsche Grenzen nur noch aus Erzählungen. Aus der Poesie des gemeinsamen Europas ist längst viel mehr Wirklichkeit geworden, als man in diesen Tagen lesen und hören kann.

          Roland Koch war von 1999 bis 2010 hessischer Ministerpräsident. Danach leitete er den Baukonzern Bilfinger.

          Wer ein wenig abseits des Pulverdampfs des aktuellen Durcheinanders der englischen Scheidung steht, quält sich mit Antworten auf die so häufig gestellte Frage, was davon so kommen musste, warum und wie es nun weitergeht. Jetzt wird eine Konferenz die nächste Krisensitzung jagen, es wird Drohungen und Verhandlungen geben, Zeitpläne, Ausstiege und angehaltene Verhandlungsuhren. Die krisenerfahrene Bundeskanzlerin nimmt erst einmal Hektik und Hyperaktionismus aus der Angelegenheit. Alle wollen Ruhe schaffen und haben dennoch gerade damit gar keine andere Wahl, als den Ärger, die Frustration und die Ungewissheit zu verlängern. Erst der Austrittsantrag wird Klarheit über den Anfang des Ausstiegs schaffen. Aber das ist nicht das Entscheidende.

          Die Politik dieser Tage wird dem Geist von Churchill, De Gasperi, Adenauer und de Gaulle, den Vätern des sich vereinigenden Europas, nicht gerecht. Sie hat wesentliche Grundfragen nicht beantwortet, sich hinter bürokratischen Verfahren verschanzt und die emotionale Klammer zerstört oder zumindest auf dem Dachboden verstauben lassen. Wir müssen beobachten, wie sich Eliten und Bevölkerung voneinander entfernen. Nicht nur in Großbritannien ist die EU, durchaus von manchem Politiker befördert, zum Blitzableiter meist hausgemachter Unzufriedenheit gemacht worden. Die faszinierende Erzählung von Europas Zukunft wird nicht mehr gehört. Politik und Gesellschaft müssen aus diesem Desaster Lehren ziehen und handeln.

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