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Zerfällt Europa? (11) : Mit Herzblut und Leidenschaft

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Wir dürfen das Feld nicht den großen Vereinfachern überlassen, die für alles einen Sündenbock, aber für nichts eine Lösung haben. Deshalb brauchen wir ein Europa, in dem demokratische Klarheit herrscht: Es muss klar sein, wer für was verantwortlich ist. Das geht nicht ohne eine echte EU-Regierung, die von den Bürgern abgewählt werden kann.

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          Als ich am Freitag nach dem britischen Referendum um sechs Uhr morgens in mein Brüsseler Büro kam, um mich mit meinen engsten Mitarbeitern über das Abstimmungsergebnis zu beraten, sah ich eine Waliser Kollegin, die an ihrem Computer saß und weinte. Ich ging zu ihr, wir sprachen miteinander, und schließlich nahm ich sie in den Arm, um sie zu trösten. Sie war bis ins Mark erschüttert über die Tatsache, dass ihr Land in einer demokratischen Abstimmung erklärt hatte, nicht mehr Teil der europäischen Familie sein zu wollen. Ähnliche emotionale Reaktionen erreichten mich in den Tagen danach immer wieder, bei vielen Gesprächen im Parlament und auf der Straße, in Form von Briefen, E-Mails und Textnachrichten. Viele der Absender waren junge Briten, die sich in der Remain-Kampagne engagiert hatten und die nun befürchten, den Club Europa verlassen zu müssen, die ihre Zukunftschancen und ihre Identität in Frage gestellt sehen.

          Mich hat das Abstimmungsergebnis ebenfalls mitgenommen, nicht nur wegen all der guten Gründe, die rational gegen ein Ausscheiden von Großbritannien aus der EU sprechen: dass Europa nun einen G-7-Staat verliert, die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU und ein ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat. Dass Europa ein politisches Schwergewicht abhandenkommt, das für Weltoffenheit, für Vielfalt, für eine tolerante Gesellschaft und für das Finden pragmatischer Lösungen steht und dessen Errungenschaften in Kultur, in Wissenschaft und vielen anderen Bereichen uns mehr geprägt haben, als uns das manchmal vielleicht bewusst ist. Und dass viele befürchten, es könnte ein Dominoeffekt eintreten, mit weiteren Referenden und Austritten, die schlussendlich zum Ende der europäischen Idee führen. All das ist bedrückend und treibt mich um und wird mein politisches Handeln bestimmen.

          Aber der Brexit hat mich auch auf vielfache Weise emotional sehr berührt, ja ehrlicherweise tief erschüttert. Dabei spielt zum einen selbstverständlich eine Rolle, dass ich als langjähriger Abgeordneter des Europaparlaments viele Freunde und Bekannte auf und von der Insel habe und darum weiß, welche Ängste sie mit dem Brexit verbinden. Es kann niemanden kaltlassen, wenn man Verzweiflung, Ärger und auch Wut bei Menschen hautnah erlebt, die einem nahestehen.

          Bei meiner emotionalen Reaktion spielt natürlich auch eine Rolle, dass ich mir selbst, als ein Repräsentant der EU und lebenslanger Verfechter der europäischen Sache, eine Menge Fragen stellen muss: Was ist schiefgelaufen, warum wenden sich nicht nur in Großbritannien so viele Menschen ab von diesem, wie ich finde, größten Zivilisationsprojekt der Menschheitsgeschichte? Was haben wir falsch gemacht, dass man zu oft widerspruchslos behaupten kann, die EU sei ein weltfremdes und bürokratisches Monster mit seelenlosen Apparatschiks, die niemals müde werden, die Menschen mit unsinnigen und überflüssigen Regularien zu überziehen? Was haben wir falsch gemacht, dass viele Menschen das Gefühl haben, sie müssten die EU erleiden? Dass sie die EU als Problem und keinesfalls als Teil der Lösung sehen? Was haben wir falsch gemacht, dass viele Menschen - und davon bin ich aufgrund unzähliger Gespräche überzeugt - zwar von der Idee Europas nach wie vor überzeugt sind, nämlich gemeinsame Herausforderungen gemeinsam zu lösen, weil man gemeinsam stärker ist als allein, dass aber viele diese Idee nicht mehr mit der EU verbinden?

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