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Zerfällt Europa? (2) : Die Zukunft einer großen Idee

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Von einer „Zerreißprobe“ für die EU ist nun oft die Rede. Ich bezweifle, dass wir gut beraten sind, ihren Zerfall an die Wand zu malen. Sprechen aber muss man darüber, dass Europa diese Bewährungsprobe meistern kann. Ein Gastbeitrag.

          Fünfzig Jahre ist es her, da verfasste im damals kommunistischen Polen der Erzbischof von Wroclaw/Breslau einen ungeheuer mutigen und weitsichtigen Brief und sandte ihn im Namen der polnischen Bischöfe an seine deutschen Amtsbrüder. Mitten im Kalten Krieg und in einer Gesellschaft, die am eigenen Leib die planvolle Zerstörung Polens und den organisierten Massenmord in Auschwitz, Treblinka und Sobibor durch Deutsche erlebt hatte, machte Kardinal Kominek mit den Worten „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ den ersten großen Schritt zur deutsch-polnischen Aussöhnung. Wenige Jahre später folgte der Kniefall Willy Brandts am Mahnmal des Warschauer Gettoaufstands.

          Kominek entwarf in seinen Notizen zugleich ein gemeinsames Ziel: „Die Sprechweise kann nicht nationalistisch sein, sondern muss europäisch in der tiefgreifendsten Bedeutung dieses Wortes sein. Europa ist die Zukunft – Nationalismen sind von gestern.“ Dies zeigt, wie sehr sich Polen der europäischen Idee verbunden fühlte. Kardinal Kominek ist in Deutschland in Vergessenheit geraten und in Europa vermutlich noch weniger bekannt. Er hätte es verdient, fünfzig Jahre nach dem Hirtenbrief in eine Reihe neben die Gründerväter Europas wie De Gasperi, Mansholt, Monnet oder Schuman gestellt zu werden. Und wir Deutschen würden unseren polnischen Nachbarn damit zeigen, dass wir sehr wohl wissen: Europa wird nicht am deutschen Wesen genesen, sondern nur am gemeinsamen Willen aller, die politische Einigung als die größte zivilisatorische Errungenschaft in der Geschichte unseres Kontinents zu erhalten. Kardinal Komineks Worte sind eine Warnung an uns alle, nicht zurückzufallen ins „Gestern“ des Nationalismus. Lange war diese Warnung nicht mehr so wichtig wie heute.

          Zu viele gegenseitige Vorwürfe

          Die europäische Einigung erfährt eine der größten Belastungsproben seiner Nachkriegsgeschichte. Von einer „Zerreißprobe“ ist nun oft die Rede. Und nicht zu Unrecht wird gesagt, dass sich gemeinsame Institutionen wie der Euro oder der Schengen-Raum gerade jetzt bewähren müssten. Dennoch zweifle ich, ob wir gut beraten sind, so oft und zunehmend alarmiert den Zerfall der Europäischen Union an die Wand zu malen. Zu viele gegenseitige Vorwürfe sind im Umlauf. Es werden zwischen den Staaten Ultimaten gestellt, die nichts bewirken außer der Verstärkung und Verfestigung nationaler Befindlichkeiten.  Das Scheitern wird seit Jahren ziemlich viel beschworen: „Scheitert der Euro ...“, „scheitert Schengen ...“, „scheitert Dublin ...“, und immer endet der Kassandraruf mit dem drohenden Scheitern Europas. Ginge es nur darum, vor dem nächsten wichtigen Europäischen Rat in wenigen Tagen ein Echo dieser Warnungen zu formulieren, müsste man schweigen. Sprechen aber muss man darüber, dass Europa diese Bewährungsprobe meistern kann! Und denkt man an den Mut der Gründungsväter Europas, als Vertreter der Nationen der Opfer nur wenige Jahre nach dem Morden die Nation der Täter an den gemeinsamen Tisch zivilisierter Völker einzuladen, haben wir heute keinen Grund, kleinmütig zu sein.

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