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Zensus 2011 : Wer sind wir und, wenn ja, wie viele?

  • -Aktualisiert am

Leben in Deutschland: Viele Gemeinden werden Landesgelder verlieren Bild: dapd

Anno 2011 wird in Deutschland wieder das Volk gezählt. Nur wenige Forscher warten wirklich gespannt auf die teuer erhobenen Daten, andere sehen den sehr bescheidenen Fragenkatalog gar als vertane Chance.

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          Früher war es einfacher. Da kamen Gesetze und Anweisungen direkt von oben. Während die Israeliten 40 Jahre durch die Wüste wanderten, ordnete Gott zweimal eine Volkszählung an. Von Verfassungsbeschwerden dagegen oder zumindest Diskussionen der Gelehrten, wie Methodik und Statistik auszusehen haben, ist nichts überliefert. Und auch Jesus wäre nicht in Bethlehem geboren, hätten Maria und Josef sich nicht zwecks Registrierung in Richtung Heimat aufgemacht, da allerdings schon auf weltliches Geheiß des Kaisers Augustus.

          Heute kommen Verordnungen, „auf dass alle Welt sich schätzen ließe“, aus Straßburg. Das Europäische Parlament und der Rat schrieben am 9. Juli 2008 den Mitgliedstaaten vor, dass sie alle zehn Jahre „Volks- und Wohnungszählungen“ durchführen müssen. In Deutschland und den anderen EU-Staaten ist es im kommenden Jahr so weit. „Zensus 2011“ heißt das Projekt, das allein in Deutschland knapp eine Dreiviertelmilliarde Euro kosten soll.

          Der Begriff „Volkszählung“ wird bewusst vermieden. So kam die letzte in Westdeutschland 1983 nach scharfem Protest aus der Bevölkerung und einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts erst 1987 zustande, nachdem Fragenkatalog und Datenschutz dem Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“ im Sinne der Verfassungsrichter entsprachen und dem Protest die Luft ausgegangen war. Zudem ist der Begriff mit den Volkszählungen im Dritten Reich, die den Nazis Daten und Adressen für die Judenvernichtung lieferten, noch weitaus schlimmer historisch belastet. Eine Begründung der neuen Namensgebung ist auch die Methode: Nur noch insgesamt knapp zehn Prozent werden persönlich befragt, der Rest der Daten wird aus Quellen wie etwa Melderegistern oder von der Bundesagentur für Arbeit kommen. Wer allerdings in einer Gemeinschaftsunterkunft wohnt oder Immobilienbesitzer ist, bekommt auf jeden Fall einen Fragebogen.

          Am Ende werden viele Gemeinden deutlich weniger Bürger haben als bislang offiziell und deshalb Landesgelder verlieren. Schließlich ist Hessen vielleicht, wenn es wirklich wie erwartet weniger als sechs Millionen Einwohner hat, sogar eine Stimme im Bundesrat los. Am Ende wird eine Zahl irgendwo um die 80 Millionen stehen. Aber sonst? Was bringt es, die Deutschen und ihre Mitbürger mit anderer Staatsangehörigkeit zu zählen und ein Zehntel von ihnen zu fragen, welchen Schulabschluss sie haben, als was sie arbeiten und ob sie mit jemandem zusammenleben?

          Was könnte man nicht alles erfahren

          Nicht viel. Man sollte, sagt Gert Wagner, Professor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Vorsitzender der vom Innenministerium berufenen Zensus-Kommission, „aus wissenschaftlicher Sicht die Erwartungen nicht zu hoch schrauben“. Die Daten, die herauskommen würden, seien für viele wissenschaftliche und administrative Zwecke wichtig, „aber wichtig genug, um sich über eine einzelne Frage, die im Zensus auftaucht oder auch nicht, heftig und fundamental zu streiten, sind sie auch wieder nicht“.

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