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Volkszählung in Russland : Der zensierte Zensus

  • -Aktualisiert am

Durch russische Wohnzimmer: Auch Premierminister Vladimir Putin und seine Frau Lyudmila Putina nehmen an der Volkszählung teil Bild: dpa

Die Volkszählung in Russland dürfte Zahlen hervorbringen, die der Führung in Moskau nicht gefallen. Die Bevölkerung ist drastisch geschrumpft. Der Zensus stellt dem Tandem Putin und Medwedjew kein gutes Zeugnis aus.

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          Volkszählungen waren den Herrschenden in Russland mitunter furchtbar lästig, weil sie Dinge zutage brachten, die sich nicht in das von oben verordnete Weltbild fügten. Das gab es schon in der Zarenzeit und ist auch heute nicht viel anders. Was sich Josef Stalin, der „rote Zar“, dachte, als er 1937 eine Volkszählung befahl, ist schwer zu sagen. Gewiss ist, dass die Ergebnisse dem Diktator nicht gefielen. Denn im sowjetischen Gemeinwesen, das als atheistischer Staat von Menschen eines neuen Typs angelegt war, hatten sich doch tatsächlich etwa 50 Prozent der Bürger zu einer Religion bekannt.

          Auch die ermittelte Bevölkerungszahl erregte Stalins Unwillen, weil sie jedem, der sie hätte nachlesen dürfen, vor Augen geführt hätte, welche Menschenmassen durch Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, den gnadenlosen Kampf gegen die ländliche Führungsschicht oder in Kauf genommene Hungersnöte vernichtet worden waren. Die Ergebnisse der Volkszählung blieben daher geheim, die für die Durchführung des Zensus Verantwortlichen wurden erschossen - nach Stalins Devise: Ist ein Mensch beseitigt, verschwindet auch das Problem (njet tschelowjeka, njet probljem).

          Strategisch gut gewählt

          Stalins gnadenlose Diktatorenlogik ist längst ferne sowjetisch-russische Vergangenheit. Geblieben ist aber eine gewisse Ambivalenz, die Volkszählungen auch für das heute herrschende politische Lager besitzen. Die Volkszählung, die gegenwärtig in Russland läuft, solle den Staat in die Lage versetzen, langfristig wirksame Entscheidungen den Erfordernissen anzupassen, beispielsweise in der Rentenpolitik, in der Gesundheitspolitik, der Bildungspolitik oder in der Arbeitsmarktpolitik. Aber dass der Staat und das regierende Tandem Putin/Medwedjew wünschen, dass offiziell zur Kenntnis genommen wird, was Bevölkerungswissenschaftler längst vorhersagen, ist zu bezweifeln.

          Denn die Demographen schätzen, dass sich die Bevölkerungszahl seit 2002, als die erste Volkszählung nach dem Ende der Sowjetunion abgehalten wurde, wahrscheinlich um drei bis vier Millionen reduziert hat und nur noch 141 bis 142 Millionen beträgt. Das stellt zumindest der Herrschaft Putins, in dessen zwei Amtszeiten als Präsident dieser drastische Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen ist, kein sonderlich gutes Zeugnis aus und ist auch für Nachfolger Medwedjew kein Ruhmesblatt. Deswegen waren die Zeit für die Volkszählung und, was noch viel wichtiger scheint, auch der Zeitpunkt für die Veröffentlichung der Ergebnisse dieses Zensus, aus machtpolitischer Sicht betrachtet, gut gewählt. Schwarz auf weiß gibt es die besorgniserregende Bevölkerungsentwicklung erst in drei Jahren nachzulesen. Dann ist das neue Parlament längst gewählt und auch das Tandem, in welcher Konfiguration auch immer - mit Putin als Präsidenten oder weiterhin mit ihm als Ministerpräsidenten, der alle Fäden in der Hand hat - längst bestätigt.

          Tricksereien im Nordkaukasus

          Vorerst wuseln Zehntausende blaugewandete junge Volkszähler, die mit blauen Schals und - für die meist düsteren Hausflure - mit Stirnlampen in Blau ausgerüstet sind, durch Städte und Dörfer im Riesenreich, um Daten zu sammeln. In manchen Städten wird noch darüber gestritten, ob Obdachlose und Streuner besser in den Nachtasylen zu zählen sind, oder ob ihnen an ihre bevorzugten Aufenthaltsplätze in der Nähe von Fernwärmeleitungen nachgeeilt werden soll oder ob sie wie streunende Hunde eingefangen werden sollen, um sie zu den zentralen Zählstellen zu bringen, bevor man sie wieder laufen lässt. Aber eigentlich ist die Teilnahme freiwillig, und den Herrschaftsphantasien mancher leitender Würdenträger, die die Teilnahme zur Pflicht machen und Verweigerer mit Strafen belegen wollten, wurde eine Absage erteilt.

          Dass die angeblich erhobenen Zahlen bisweilen den Interessen einzelner Regionalfürsten in die Hände spielen, ist der Führung in Moskau bewusst. Wenn bei Wahlen getrickst wird, wäre kaum verständlich, wenn dies nicht auch bei Volkszählungen versucht würde. So ergab etwa schon die vorige Volkszählung überaus hohe Zuwachsraten der Bevölkerung im Nordkaukasus. Das Motiv der Kaukasus-Republiken für die wundersame Vermehrung ihrer Bevölkerung bestand darin, dem Zentrum in Moskau möglichst viele Subventionen abzuknöpfen, die abhängig von Bevölkerungszahlen verteilt wurden. Dass dies abermals versucht werden könne, wird befürchtet. Der Bevollmächtigte für den südlichen Föderationsbezirk, Aleksandr Chloponin, sah sich deshalb im September veranlasst, die korrupten Machthaber zu warnen: Er wisse Betrug zu verhindern, und zwar durch Einsatz der Rechtsschutzorgane - die freilich selbst im Verdacht stehen, korrupt zu sein.

          Angst vor religiösem Bekenntnis

          Ob es ein böses Erwachen gibt, was insbesondere die Zahl der russischen Staatsbürger angeht, ist nur zu ahnen. Die Frage nach dem nationalen Bekenntnis könnte einen gewissen Aufschluss darüber geben. Schon jetzt ist aber bekannt, dass muslimische Familien gemeinhin mehr Kinder haben als christliche Russen, und aus der geistlichen Verwaltung der Muslime wurde verbreitet, dass angeblich schon 35 Millionen Muslime im sich christlich verstehenden Staat Russland lebten. Auf die Frage nach dem religiösen Bekenntnis wurde verzichtet, vielleicht wollte man es nicht schwarz auf weiß haben und irgendwann auch veröffentlichen müssen, dass im Jahre 2010 nach Christus mehr als ein Viertel aller russischen Bürger Muslime waren.

          So gesehen ist es eine Großtat des neuen Bürgermeisters von Moskau, Sergej Sobjanin, gewesen, dass er als mächtiger Kanzleichef Putins noch durchgesetzt hatte, dass auch die in den verheerenden Waldbränden dieses Sommers „Abgebrannten“, vorwiegend Russen, bei der Volkszählung nur ja nicht übergangen werden.

          Noch ein Putin-Mann: Moskau hat einen neuen Bürgermeister

          Nun ist Sergej Sobjanin am Donnerstag auch vom Moskauer Stadtparlament zum neuen Bürgermeister der Hauptstadt erkoren worden. Präsident Medwedjew hatte ihn dieser Tage aus einer Liste von vier Kandidaten der Kremlpartei Einiges Russland ausgewählt und dem Stadtparlament, in dem die „Einheitsrussen“ über 32 von 35 Sitzen verfügen, zur Bestätigung vorgeschlagen. Wegen dieser Übermacht der „Einheitsrussen“ im Stadtparlament bestand zu keinem Zeitpunkt ein Zweifel, dass Sobjanin Nachfolger des in Ungnade gefallenen und dann aus dem Bürgermeisteramt entlassenen Jurij Luschkow wird.

          Der 52 Jahre alte Sobjanin, zuletzt Chef der Regierungskanzlei, verdankt seine politische Karriere Ministerpräsident Putin und gilt als enger Vertrauter des Regierungschefs. Er hat eine Metropole zu führen, die jeden Tag dem Verkehrskollaps sehr nahe ist, in der aber fast drei Viertel aller Finanztransaktionen der Föderation abgewickelt werden und die größten Firmen ihre Hauptquartiere haben.

          Es wird damit gerechnet, dass unter Sobjanin der Einfluss der Föderalregierung auf die Großkommune Moskau und deren Finanzströme größer wird als bisher. Wie viele Menschen in Moskau leben und arbeiten, ist nicht genau bekannt. Abhängig davon, ob Pendler aus dem Umland, die bisweilen die Woche über bleiben, legale Gastarbeiter und illegale Migranten mitgezählt werden, schwanken die Angaben zwischen 10 und 13 Millionen. Linke Aktivisten wollten Sobjanin vor dessen Bestätigung durch das Stadtparlament Forderungen übergeben, wie dieser sein Amt führen solle. Sergej Udalzow von der Linken Front begründete die Aktion damit, dass es an der Zeit sei, dass die politisch Verantwortlichen wieder in Kontakt mit den Moskauer Bürgern kämen. Einige der Aktivisten wurden festgenommen. (M.L.)

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